Berachot — Blatt 12b
1Wenn R. Šešeth sich bückte, bückte er sich wie ein Dornenstock, und wenn er sich aufrichtete, richtete er sich wie eine Schlange auf.
2Ferner sagte Rabba, Sohn Ḥenana des Greisen, im Namen Rabhs: Das ganze Jahr hindurch sage man im Gebete ‘heiliger Gott’ und ‘Gerechtigkeit und Recht liebender König’, ausgenommen die zehn Tage zwischen Neujahr und Versöhnungstag, während welcher man im Gebete ‘heiliger König’ und ‘König des Rechtes’ sage.
3R. Elea͑zar sagte: Auch wenn man ‘heiliger Gott’ gesagt hat, hat man seiner Pflicht genügt, denn es heißt: erhaben ist der Herr der Heerscharen im Rechte, und der heilige Gott wird durch Gerechtigkeit geheiligt. Wann ist der Herr der Heerscharen im Rechte erhaben? – in den zehn Tagen zwischen Neujahr und Versöhnungstag, und es heißt: der heilige Gott. –
4Was bleibt damit? –
5R. Joseph sagt, [man sage] ‘heiliger Gott’ und ‘Gerechtigkeit und Recht liebender König’, und Rabba sagt, [man sage] ‘heiliger König’ und ‘König des Rechtes’. Die Halakha ist wie Rabba.
6Ferner sagte Rabba, Sohn Ḥenana des Greisen, im Namen Rabhs: Wer für seinen Nächsten um Barmherzigkeit bitten kann und nicht bittet, wird ein Sünder genannt, denn es heißt: auch sei es mir fern, mich gegen den Herrn zu versündigen, daß ich unterließe, für euch zu beten.
7Raba sagte: Ist es ein Schriftgelehrter, so muß man sich für ihn abhärmen. –
8Woher dies, wollte man sagen, weil es heißt: niemand von euch härmt sich für mich, und niemand offenbart es meinem Ohre, so ist es vielleicht bei einem König anders!? – Vielmehr hieraus: Ich aber, wenn sie krank waren, legte einen Sack an.
9Ferner sagte Rabba, Sohn Ḥenana des Greisen, im Namen Rabhs: Wer eine Sünde begangen hat und sich dessen schämt, dem vergibt man all seine Sünden, denn es heißt: damit du daran denkst und dich schämst, und vor Schamgefühl nicht mehr deinen Mund auftust, wenn ich dir alles vergebe, was du getan hast, spricht Gott, der Herr. –
10Vielleicht aber ist es bei einer Gemeinschaft etwas anderes!? – Vielmehr hieraus: Und Šemuél sprach zu Šaúl: Warum hast du mich beunruhigt, mich emporbringen zu lassen? Šaúl sprach: Ich bin sehr bedrängt, die Pelištim kämpfen gegen mich, und der Herr ist von mir gewichen; er gab mir keine Antwort, weder durch die Propheten noch durch Träume; daher ließ ich dich rufen, mich wissen zu lassen, was ich tun soll. – Das Orakelschild nannte er aber nicht!? –
11Weil er [die Bewohner der] Priesterstadt Nob hingemordet hatte. –
12Woher, daß ihm vom Himmel vergeben wurde? – Es heißt: (Šemuél sprach zu Šaúl:) morgen bist du samt deinen Söhnen bei mir, und R. Joḥanan erklärte: bei mir, in meinem Abteil.
13Die Rabbanan entnehmen dies aus folgendem: Wir wollen sie vor dem Herrn aufhängen, am Hügel Šaúls, des Auserwählten Gottes. Eine Hallstimme rief ihnen zu: Er ist ein Auserwählter Gottes.
14R. Abahu b. Zuṭarti sagte im Namen des R. Jehuda b, Zebida: Sie hatten die Absicht, auch den Balaq-Abschnitt dem Šema͑ anzufügen, sie unterließen es aber wegen der Belästigung der Gemeinde. –
15Aus welchem Grunde: wollte man sagen, weil es darin heißt: der Gott, der sie aus Miçrajim geführt hat, so könnte man ja ebensogut die Abschnitte vom Wucher und von den Gewichten anfügen, in denen ebenfalls der Auszug aus Miçrajim erwähnt wird!? –
16Vielmehr sagte R. Jose b. Abin, weil darin folgender Vers steht: er kauert, liegt wie ein Löwe, wie eine Löwin, wer schreckt ihn auf. –
17So sollte man nur diesen einen Vers lesen!? –
18Es ist überliefert, daß wir den Abschnitt teilen, den unser Meister Moše geteilt, jedoch keinen teilen, den unser Meister Moše nicht geteilt. –
19Warum wurde der Abschnitt von den Çiçith hinzugesetzt?
20R. Jehuda b. Ḥabiba erwiderte: Weil darin fünf Dinge vorkommen: das Çiçithgebot, der Auszug aus Miçrajim, das Joch der Gesetze, die Häresie und die Sünden- und Götzendienstgedanken. –
21Allerdings werden die [ersten] drei ausdrücklich genannt: das Joch der Gesetze, denn es heißt: ihr sollt es ansehen und euch an alle Gebote des Herrn erinnern, das Çiçithgebot, denn es heißt: sie sollen sich Çiçith machen &c.; der Auszug aus Miçrajim, denn es heißt: das ich herausgeführt habe &c., wieso aber die Häresie und die Sünden- und Götzendienstgedanken? –
22Es wird gelehrt: Nach euerem Herzen, das ist die Häresie, denn es heißt: der Ruchlose spricht in seinem Herzen: es gibt keinen Gott; nach eueren Augen, das sind die Sündengedanken, denn es heißt: und Šimšon sprach zu seinem Vater: Nimm mir diese, denn sie ist gefällig in meinen Augen; denen ihr nachbuhlt, das sind die Götzendienstgedanken, denn es heißt: und sie buhlten nach den Baa͑lgötzen.
23MAN ERWÄHNE DEN AUSZUG AUS MIÇRAJIM [AUCH] NACHTS. R. ELEA͑ZAR B. A͑ZARJA SPRACH: ICH BIN BEREITS WIE EIN SIEBZIGJÄHRIGER, DENNNOCH KONNTE ICH [MEINE ANSICHT] NICHT DURCHSETZEN, DASS MAN DEN [ABSCHNITT VOM] AUSZUG AUS MIÇRAJIM AUCH NACHTS LESE; BIS BEN ZOMA KAM UND DIES AUS DER SCHRIFT DEUTETE.
24ES HEISST: damit du des Tages deines Auszuges aus Miçrajim alle Tage deines Lebens gedenkest; DIE TAGE DEINES LEBENS, DAS SIND DIE TAGE, ALLE TAGE DEINES LEBENS, DAS SIND DIE NÄCHTE.
25DIE WEISEN ABER SAGEN: DIE TAGE DEINES LEBENS, DAS IST DIESE WELT; ALLE TAGE DEINES LEBENS, DIES SCHLIESST DIE MESSIANISCHEN TAGE EIN.
26GEMARA. Es wird gelehrt: Ben Zoma sprach zu den Weisen: Wird man denn in den messianischen Tagen des Auszuges aus Miçrajim gedenken, es heißt ja: siehe, Tage kommen, spricht der Herr, und man wird nicht mehr sagen: so wahr der Herr lebt, der die Kinder Jisraél aus Miçrajim geführt hat, sondern: so wahr der Herr lebt, der die Kinder Jisraél aus dem Nordlande und aus allen Landen, wohin ich sie verstoßen habe, herausgeführt und hergebracht hat.
27Sie erwiderten ihm: Nicht etwa, daß die Erwähnung des Auszuges aus Miçrajim ganz abgeschafft werden wird, vielmehr wird die [Erlösung aus der] Knechtschaft der Regierungen Hauptsache, der Auszug aus Miçrajim Nebensache sein.
28Desgleichen findest du: dein Name soll nicht mehr Ja͑qob sein, Jisraél soll dein Name sein;
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.