Berachot — Blatt 14b
1Gott, der Herr, ist wahr. –
2Wiederhole man [das Wort] wahr, oder wiederhole man [das Wort] wahr nicht? –
3R. Abahu sagt im Namen des R. Joḥanan, man wiederhole [das Wort] wahr; Rabba sagt, man wiederhole [das Wort] wahr nicht. Einst trat jemand [vor das Vorbetpult] in Gegenwart Rabbas, und als Rabba ihn [das Wort] wahr zweimal hersagen hörte, sprach er: Das ‘Wahr’ hat diesen befallen.
4R. Joseph sagte: Wie vortrefflich ist die Lehre, die R. Šemuél b. Jehuda, als er hierher kam, mitgeteilt hat: Im Westen liest man abends: Rede zu den Kindern Jisraél und sprich zu ihnen. Ich bin der Herr, euer Gott, Wahr.
5Abajje sprach zu ihm: Worin besteht die Vortrefflichkeit, R. Kahana sagte ja im Namen Rabhs, daß man [den dritten Absatz] überhaupt nicht beginne, daß man ihn aber beende, wenn man ihn begonnen hat!? Wolltest du erwidern, [die Worte] und sprich zu ihnen seien kein Beginn, so sagte ja R. Šemuél b. Jiçḥaq im Namen Rabhs, [die Worte] rede zu den Kindern Jisraéls seien kein Beginn, wohl aber seien [die Worte] und sprich zu ihnen ein Beginn!?
6R. Papa erwiderte: Im Westen sind sie der Ansicht, auch [die Worte] und sprich zu ihnen seien kein Beginn, sondern erst, wenn man gesagt hat: sie sollen sich Çiçith machen.
7Abajje sagte: Daher beginnen auch wir, weil sie ihn im Westen beginnen, und da wir ihn beginnen, beenden wir ihn auch, denn R. Kahana sagte im Namen Rabhs, man beginne ihn nicht, hat man ihn aber begonnen, so beende man ihn auch.
8Ḥija b. Rabh sagte: Hat man [die Worte] ich bin der Herr, euer Gott gesagt, so muß man auch [das Gebet] Wahr sagen, hat man [die Worte] ich bin der Herr, euer Gott nicht gesagt, so braucht man auch [das Gebet] Wahr nicht zu sagen. –
9Man muß ja aber den Auszug aus Miçrajim erwähnen!? –
10Man sage Folgendes: ‘Wir danken dir, o Herr, unser Gott, daß du uns aus Miçrajim geführt, aus dem Sklavenhaus befreit und uns am Meer Wunder und Großtaten erwiesen hast; wir sangen dir ein Lied ’.
11R. JEHOZŠUA͑ B. QORḤA LEHRTE: DER ABSCHNITT ‘HÖRE JISRAÉL’ GEHT &C. VORAN.
12Es wird gelehrt: R. Šimo͑n b. Joḥaj sagte: Mit Recht geht [der Abschnitt] ‘Höre Jisraél’ [dem Abschnitte] ‘Wenn ihr hören werdet’ voran, denn in jenem wird das Lernen und in diesem das Lehren geboten; [der Abschnitt] ‘Wenn Ihr hören werdet’ [dem Abschnitte] ‘Er sprach’, denn in jenem wird das Lehren und in diesem das Ausüben geboten.
13Kommt denn im [Abschnitte] ‘Höre’ nur das Lernen, nicht das Lehren und das Ausüben vor, es heißt ja darin: du sollst sie lehren, du sollst sie anknüpfen, du sollst sie schreiben!? Und kommt denn ferner im [Abschnitte] ‘Wenn ihr hören werdet’ nur das Lehren, nicht aber das Ausüben vor, es heißt ja darin: ihr sollt sie anknüpfen, du sollst sie schreiben!?
14Vielmehr er meint es also: mit Recht geht [der Abschnitt] ‘Höre’ [dem Abschnitte] ‘Wenn ihr hören werdet’ voran, denn in jenem wird das Lernen, das Lehren und das Ausüben geboten; [der Abschnitt] ‘Wenn ihr hören werdet’ [dem Abschnitte] ‘Er sprach’, denn in jenem kommt das Lehren und das Ausüben vor, während im [Abschnitte] ‘Er sprach’ nur das Ausüben vorkommt. –
15Hierfür genügt ja schon die [Erklärung] des R. Jehošua͑ b. Qorḥa!? – Er gibt zu der einen [Erklärung] noch eine zweite: erstens, damit man zuerst das Joch der himmlischen Herrschaft und hernach das Joch der Gebote auf sich nehme, und ferner, weil darin jene Dinge vorkommen.
16Rabh wusch die Hände, las das Šema͑, legte die Tephillin an und betete. Wieso aber durfte er so verfahren, es wird ja gelehrt, daß, wenn jemand für einen Toten eine Gruft gräbt, er vom Šema͑lesen, vom Gebete, von den Tephillin und von allen in der Tora genannten Geboten befreit sei, und wenn die Zeit des Šema͑lesens heranreicht, er heraufsteige, die Hände wasche, die Tephillin anlege, das Šema͑ lese und bete!? –
17Dies widerspricht sich ja selbst: im Anfangssatze heißt es, er sei frei, im Schlußsatze hingegen, er sei verpflichtet!? –
18Das ist kein Einwand, denn der Schlußsatz gilt von zwei [Personen] und der Anfangssatz von einer.
19Jedenfalls ist dies ein Einwand wider Rabh!? – Rabh ist der Ansicht des R. Jehošua͑ b. Qorḥa, welcher sagt, vorher das Joch der himmlischen Herrschaft, nachher das Joch der Gebote. –
20R. Jehošua͑ b. Qorḥa sagte ja aber nur, daß das Lesen dem Lesen vorangehe, sagte er etwa auch, daß das Lesen der Ausübung vorangehe!?
21Und wieso kann er ferner der Ansicht des R. Jehošua͑ b. Qorḥa sein, R. Ḥija b. Aši erzählte ja, daß er oftmals vor Rabh stand, und dieser die Hände zu waschen, den Segensspruch zu lesen, (uns) den Abschnitt zu lehren, die Tephillin anzulegen und erst nachher das Šema͑ zu lesen pflegte!? Wolltest du erwidern, wenn die Zeit des Šema͑lesens noch nicht herangereicht, – welche Bedeutung hätte dann die Bekundung des R. Ḥija b. Aši!? –
22Um die Ansicht desjenigen auszuschließen, welcher sagt, man brauche zum Studium der Mišna keinen Segensspruch zu lesen, erzählt er uns, daß man auch zum Studium der Mišna einen Segensspruch lesen müsse. –
23Allenfalls bleibt ja der Einwand wider Rabh!? – Sein Bote hatte es verschuldet.
24U͑la sagte: Wenn jemand das Šema͑, ohne die Tephillin angelegt zu haben, liest, so ist dies ebenso, als hätte er falsches Zeugnis gegen sich abgelegt. R. Ḥija b. Abba sagte im Namen R. Joḥanans: Als hätte er ein Brandopfer ohne Speisopfer, oder ein Schlachtopfer ohne Gußopfer dargebracht.
25Ferner sagte R. Joḥanan: Wer das Joch der himmlischen Herrschaft vollkommen auf sich nehmen will,
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.