Berachot — Blatt 20b
1UND VON DEN TEPHILLIN BEFREIT; SIE SIND ABER ZUM GEBETE, ZUR MEZUZA UND ZUM TISCHSEGEN VERPFLICHTET.
2GEMARA. Vom Šema͑lesen und den Tephillin deshalb, weil diese Gebote sind, die von der Zeit abhängen, und von Geboten, die von der Zeit abhängen, sind Frauen befreit, zum Gebete, zur Mezuza und zum Tischsegen deshalb, weil es Gebote sind, die von der Zeit nicht abhängen, und zu solchen sind Frauen verpflichtet.
3Vom Šema͑lesen ist es ja selbstverständlich, da es ein Gebot ist, das von der Zeit abhängt, und von den Geboten, die von der Zeit abhängen, Frauen befreit sind!? – Man könnte glauben, weil darin die Anerkennung der himmlischen Regierung enthalten ist, so lehrt er uns.
4UND VON DEN TEPHILLIN. Selbstverständlich!? – Man könnte glauben, weil sie mit der Mezuza verglichen werden, so lehrt er uns.
5SIE SIND ABER ZUM GEBETE VERPFLICHTET. Dieses ist ja ein Flehen!? – Man könnte glauben, da es von diesem heißt: abends, morgens und mittags, so gleiche es den Geboten, die von der Zeit abhängen, lehrt er uns.
6ZUR MEZUZA. Selbstverständlich!? – Man könnte glauben, weil sie mit dem Studium der Tora verglichen wird, so lehrt er uns.
7ZUM TISCHSEGEN. Selbstverständlich!? – Man könnte glauben, da es ja heißt: der Herr wird euch am Abend Fleisch zu essen geben, am Morgen Brot, zur Sattheit, so vergleiche man es mit den von der Zeit abhängenden Geboten, so lehrt er uns.
8R. Ada b. Ahaba sagte: Frauen sind nach der Tora [zum Segen] zur Weihe des Tages verpflichtet. Warum denn, dies ist ja ein von der Zeit abhängendes Gebot, und von den von der Zeit abhängenden Geboten sind ja Frauen befreit!? Abajje erwiderte: Rabbanitisch.
9Raba sprach zu ihm: Er sagt ja: nach der Tora! Ferner könnte man sie ja demnach rabbanitisch zu allen Geboten verpflichten!? –
10Vielmehr, erwiderte Raba, es heißt gedenke und es heißt beobachte: wer zur Beobachtung verpflichtet ist, ist auch zum Gedenken verpflichtet, und da Frauen zur Beobachtung verpflichtet sind, so sind sie auch zum Gedenken verpflichtet.
11Rabina fragte Raba: Sind die Frauen zum Tischsegen nach der Tora, oder nur rabbanitisch verpflichtet!? – In welcher Hinsicht ist dies von Bedeutung? – Ob sie eine Gruppe ihrer Pflicht entledigen können; sagst du, nach der Tora, so kann der nach der Tora verpflichtete einen nach der Tora verpflichteten seiner Pflicht entledigen, sagst du aber, rabbanitisch, so wären sie dazu nicht verpflichtet, und wer zu etwas selbst nicht verpflichtet ist, kann auch eine Gruppe dieser Pflicht nicht entledigen. Wie ist es nun? –
12Komm und höre: Tatsächlich sagten sie, ein [minderjähriger] Sohn könne für seinen Vater, ein Sklave für seinen Herrn und eine Frau für ihren Mann den [Tisch]segen sprechen, aber die Weisen sagten, Fluch treffe den, dem seine Frau oder seine Kinder den [Tisch]segen sprechen.
13Richtig ist dies, wenn du sagst, nach der Tora, denn ein nach der Tora verpflichteter kann einen nach der Tora verpflichteten [der Pflicht] entledigen, wenn du aber sagst, nur rabbanitisch – kann denn ein rabbanitisch verpflichteter einen nach der Tora verpflichteten [der Pflicht] entledigen!? –
14Ist etwa, auch nach deiner Ansicht, der Minderjährige pflichtfähig!? Hier wird vielmehr von dem Falle gesprochen, wenn jemand ein rabbanitisches Quantum gegessen hat; da kann der rabbanitisch verpflichtete den rabbanitisch verpflichteten [der Pflicht] entledigen.
15R. A͑vira trug vor, zuweilen sagte er es im Namen R. Amis und zuweilen im Namen R. Asis: Die Dienstengel sprachen vor dem Heiligen, gepriesen sei er: Herr der Welt, es heißt in deiner Tora: der das Gesicht nicht zuwendet und keine Bestechung annimmt, und du wendest dein Gesicht Jisraél zu, wie es heißt: der Herr wende dir sein Gesicht zu! Da sprach er zu ihnen: Wie sollte ich ihnen mein Gesicht nicht zuwenden!? Ich habe ihnen in der Tora geschrieben: wenn du gegessen und dich gesättigt hast, sollst du den Herrn, deinen Gott, preisen, sie aber nehmen es so genau, auch beim Quantum einer Olive und eines Eies.
16DER SAMENERGUSSBEHAFTETE DENKE [DAS ŠEMA͑] IN SEINEM HERZEN UND SPRECHE DIE SEGENSSPRÜCHE WEDER VORHER NOCH NACHHER. ÜBER DIE MAHLZEIT SPRECHE ER DEN SEGENSSPRUCH NACHHER, NICHT ABER VORHER. R. JEHUDA SAGT, ER SPRECHE DIE SEGENSSPRÜCHE VORHER UND NACHHER.
17GEMARA. Rabina sagte: Dies besagt, daß das Denken dem Sprechen gleiche, denn welchen Sinn hätte das Denken, wolltest du sagen, es gleiche dem Sprechen nicht. –
18Wenn nun das Denken dem Sprechen gleicht, so sollte er es mit den Lippen aussprechen!? –
19Weil wir es so beim Berg Sinaj finden.
20R. Ḥisda aber sagte: Das Denken gleiche dem Sprechen nicht, denn wolltest du sagen, das Denken gleiche dem Sprechen, so sollte er es mit den Lippen aussprechen. –
21Wenn nun das Denken dem Sprechen nicht gleicht, welchen Sinn hat das Denken!? R. Elea͑zar erwiderte: Damit nicht die ganze Welt sich damit befasse, er aber müßig dasitze. –
22Soll er doch einen anderen Abschnitt lesen!? R. Ada b. Ahaba erwiderte: Mit dem, womit die Gemeinde sich befaßt. –
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.