Berachot — Blatt 26b
1Die Rabbanan lehrten: Wer sich geirrt und am Šabbathvorabend das Vespergebet nicht verrichtet hat, bete am Šabbathabend zweimal. Wer sich geirrt und am Šabbath das Vespergebet nicht verrichtet hat, bete am Šabbathausgang das wochentägliche Gebet zweimal; den Unterscheidungssegen spreche er im ersten [Gebete] und spreche ihn nicht im zweiten. Hat er den Unterscheidungssegen im zweiten gesprochen und nicht im ersten, so wird ihm das zweite angerechnet, das erste aber nicht.
2Demnach ist es, wenn man im ersten den Unterscheidungssegen nicht gesprochen hat, ebenso, als hätte man überhaupt nicht gebetet, und man lasse ihn wiederholen,
3und dem widersprechend [wird gelehrt], daß, wenn jemand sich geirrt und des Regens im Auferstehungssegen, oder der Bitte im Segen über das Jahr nicht erwähnt hat, man ihn wiederholen lasse, wenn aber den Unterscheidungssegen im Segen ‘Der Erkenntnis verleiht’, man ihn nicht wiederholen lasse, weil er ihn auch über den Becher sprechen kann!? — Ein Einwand.
4Es wurde gelehrt: R. Jose b. R. Ḥanina sagte: Die Gebete haben die Erzväter angeordnet; R. Jehošua͑ b. Levi sagt, die Gebete habe man den täglichen Opfern entsprechend angeordnet.
5Es gibt eine Lehre übereinstimmend mit R. Jose b. R. Ḥanina, und eine übereinstimmend mit R. Jehošua͑ b. Levi. Es gibt eine Lehre übereinstimmend mit R. Jose b. R. Ḥanina: Abraham hat das Morgengebet angeordnet, denn es heißt: und Abraham machte sich früh am Morgen auf zu dem Orte, woselbst er gestanden, und stehen ist nichts weiter als beten, denn es heißt: und Pinḥas stand auf und betete.
6Jiçḥaq hat das Vespergebet angeordnet, denn es heißt: und Jiçḥaq ging gegen Abend ins Feld hinaus, um nachzudenken, und nachdenken ist nichts weiter als beten, denn es heißt: ein Gebet des Armen, wenn er verschmachtet und vor Gott seine Gedanken ausschüttet.
7Ja͑qob hat das Abendgebet angeordnet, denn es heißt: er kam an den Ort heran, und herankommen ist nichts weiter als beten, denn es heißt: und du sollst für dieses Volk nicht bitten, keine Klage und kein Gebet für sie erheben, und mir mit Fürbitte nicht herankommen.
8Es gibt eine Lehre übereinstimmend mit R. Jehošua͑ b. Levi: Sie sagten deshalb, das Morgengebet habe Zeit bis Mittag, weil das tägliche Opfer des Morgens bis Mittag Zeit hatte; R. Jehuda sagt, bis vier Stunden, weil das tägliche Opfer des Morgens bis vier Stunden Zeit hatte.
9Und sie sagten deshalb, das Vespergebet habe Zeit bis zum Abend, weil das tägliche Opfer der Abenddämmerung bis zum Abend Zeit hatte; R. Jehuda sagt, bis zur Hälfte [der Zeit] des Vespergebetes, weil das tägliche Opfer der Abenddämmerung bis zur Hälfte [der Zeit] des Vespergebetes Zeit hatte.
10Und sie sagten deshalb, das Abendgebet habe keine festgesetzte Zeit, weil das Aufbrennen der abends noch nicht aufgebrannten Opferteile und des Schmeeres die ganze Nacht erfolgen konnte.
11Und sie sagten deshalb, das Zusatzgebet habe den ganzen Tag Zeit, weil das Zusatzopfer den ganzen Tag Zeit hatte; R. Jehuda sagt, bis sieben Stunden, weil das Zusatzopfer bis sieben Stunden Zeit hatte. —
12Welches ist das große Vespergebet? — von sechseinhalb Stunden ab; welches ist das kleine Vespergebet? — von neuneinhalb Stunden ab.
13Sie fragten: Meint R. Jehuda die erste Vesperhälfte, oder meint er die letzte Vesperhälfte? — Komm und höre: Es wird gelehrt: R. Jehuda sagt, sie sagten bis zur letzten Vesperhälfte, nämlich elf Stunden weniger ein Viertel. —
14Dies wäre ja eine Widerlegung des R. Jose b. R. Ḥanina? — R. Jose b. R. Ḥanina kann dir erwidern: Tatsächlich, kann ich dir sagen, haben die Erzväter die Gebete angeordnet, nur stützen sie die Rabbanan auf die Opfer. Wer hat, wolltest du nicht so sagen, nach R. Jose b. R. Ḥanina das Zusatzgebet angeordnet!? Vielmehr haben die Erzväter die Gebete angeordnet, und die Rabbanan stützen sie auf die Opfer.
15R. JEHUDA SAGT, BIS VIER STUNDEN. Sie fragten: Ist das ‘bis’ einschließlich zu verstehen, oder ist das ‘bis’ ausschließlich zu verstehen? — Komm und höre: R. Jehuda sagt, bis zur Vesperhälfte. Allerdings gibt es einen Unterschied zwischen R. Jehuda und den Rabbanan, wenn du sagst, ‘bis’ ausschließlich, wenn du aber sagst, ‘bis’ einschließlich, ist ja R. Jehuda
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.