Berachot — Blatt 31a
1holte er einen kostbaren Becher im Werte von vierhundert Zuz und zerbrach ihn vor ihnen. Da wurden sie betrübt.
2R. Aši feierte die Hochzeit seines Sohnes, und als er bemerkte, daß die Rabbanan sehr heiter waren, holte er einen Becher von weißem Krystall und zerbrach ihn vor ihnen. Da wurden sie betrübt.
3Die Rabbanan sprachen zu R. Hamnuna dem Kleinen auf der Hochzeitsfeier Mars, des Sohnes Rabinas: Möge uns der Meister etwas vorsingen. Da trug er ihnen vor: Wehe uns, daß wir sterben, wehe uns, daß wir sterben! Sie sprachen zu ihm: Wie sollten wir nach dir einstimmen? Er erwiderte ihnen: Wo ist denn die Tora, wo das Gebot, die uns ja beschützen!
4R. Joḥanan sagte im Namen des R. Šimo͑n b. Joḥaj: Es ist dem Menschen verboten, auf dieser Welt mit vollem Munde zu lachen, denn es heißt: dann wird unser Mund des Lachens voll, und unsere Zunge voll Jubel; dies dann: da man unter den Völkern sprechen wird: Großes hat der Herr an diesen getan. Man erzählte von Reš Laqiš, daß er, seitdem er dies von seinem Lehrer R. Joḥanan gehört, nie mehr auf dieser Welt mit vollem Munde gelacht hat.
5Die Rabbanan lehrten: Man stelle sich nicht zum Beten hin nach einer Rechtsverhandlung, noch nach einer Halakhaerörterung, sondern nach einer abgeschlossenen Halakha.
6Was heißt [beispielsweise] eine ‘abgeschlossene Halakha’?
7Abajje sagte: Beispielsweise die des R. Zera, denn R. Zera sagte: Die Töchter Jisraéls haben es sich erschwert; wenn sie Bluttropfen, auch nur wie ein Senfkorn, bemerken, sitzen sie daraufhin die sieben Reinheitstage.
8Raba sagte: Beispielsweise die des R. Hoša͑ja, denn R. Hoša͑ja sagte: Man darf mit seinem Getreide eine List anwenden, indem man es mit der Spreu einbringt, damit sein Vieh davon essen darf, ohne daß man zum Getreidezehnten verpflichtet ist.
9Wenn du willst, sage ich: Beispielsweise die des R. Hona, denn R. Hona sagte im Namen R. Zee͑ras: Wenn man einem Vieh des Heiligtums zur Ader läßt, so ist die Nutznießung [des Blutes] verboten, und man begeht daran eine Veruntreuung.
10Die Rabbanan verfuhren nach der Mišna, R. Aši verfuhr nach der Barajtha.
11Die Rabbanan lehrten: Man stelle sich nicht zum Beten hin in Traurigkeit, noch in Trägheit, noch im Scherzen, noch im Geplauder, noch in leichtfertigem Treiben, noch in eitlem Geschwätz, sondern in Fröhlichkeit wegen einer gottgefälligen Handlung.
12Desgleichen verabschiede man sich nicht von seinem Nächsten im Geplauder, noch im Scherzen, noch in leichtfertigem Treiben, sondern mit Worten einer Halakha; denn so finden wir es auch bei den früheren Propheten, daß sie ihre Reden mit Lob- und Trostworten zu beendigen pflegten.
13Ebenso lehrte Mari, Sohnessohn R. Honas, des Sohnes des R. Jirmeja b. Abba: Man verabschiede sich von seinem Nächsten nicht anders als mit Worten der Halakha, denn dadurch gedenkt er seiner.
14So begleitete R. Kahana den R. Šimi b. Aši von Pum-Nahara bis Be-Çinjata in Babylonien, und als er da herankam, sprach er zu ihm: Ist es wahr, was die Leute sagen, daß diese Steinpalmen Babyloniens schon seit Adam dem Urmenschen bis jetzt bestehen?
15Dieser erwiderte: Du hast mich an etwas erinnert, was R. Jose b. R. Ḥanina gesagt hat. R. Jose b. R. Ḥanina sagte nämlich: Es heißt: in einem Lande, das niemand durchzogen, in dem kein Mensch gewohnt hat; wenn niemand es durchzogen hat, wie sollte jemand da gewohnt haben!? Dies besagt dir vielmehr, daß jedes Land, über das Adam der Urmensch bestimmt hat, daß es bewohnt werde, bewohnt wurde, und das Land, über das Adam der Urmensch nicht bestimmt hat, daß es bewohnt werde, nicht bewohnt wurde.
16R. Mardekhaj begleitete R. Šimi b. Aši von Hagronja bis Be-Kephe und, wie manche sagen, bis Be-Dura.
17Die Rabbanan lehrten: Der Betende muß sein Herz zum Himmel richten. Abba Šaúl sagte: Eine Andeutung hierfür: du richtest ihr Herz und läßt dein Ohr horchen.
18Es wird gelehrt: R. Jehuda erzählte: Folgendes war die Gepflogenheit R. A͑qibas: betete er mit der Gemeinde, so pflegte er wegen der Belästigung der Gemeinde abzukürzen und heraufzusteigen; betete er aber für sich allein, so fand man ihn, wenn man ihn in diesem Winkel zurückließ, in einem anderen Winkel; dies alles wegen der Verbeugungen und Bückungen.
19R. Ḥija b. Abba sagte: Man bete stets in einem Räume, wo Fenster sind, denn es heißt: die Fenster in seinem Söller waren gen Jerušalem geöffnet.
20Man könnte glauben, der Mensch bete den ganzen Tag, so ist es längst durch Daniél erklärt: und dreimal täglich fiel er auf seine Kniee, betete und dankte seinem Herrn.
21Man könnte glauben, der Mensch bete nach jeder beliebigen Richtung, so heißt es: die Fenster waren gen Jerušalem geöffnet.
22Man könnte glauben, er habe damit begonnen, erst nachdem er in die Gefangenschaft gekommen, so heißt es längst: wie er von jeher zu tun pflegte.
23Man könnte glauben, man vereinige sie alle zusammen, so ist es längst durch David erklärt, indem es heißt: abends, morgens und mittags klage ich und jammere.
24Man könnte glauben, man lasse beim Gebete die Stimme hören, so ist es längst durch Ḥanna erklärt, indem es heißt: und ihre Stimme wurde nicht gehört.
25Man könnte glauben, der Mensch bitte zuerst um seine Bedürfnisse, nachher verrichte er das Gebet, so ist es längst durch Šelomo erklärt, indem es heißt: auf den Gesang und auf das Beten zu hören; Gesang, das ist das Gebet, Beten, das ist die Bitte. Man spreche keine Bitte nach ‘Wahr und feststehend’; nach dem Gebete aber sogar eine, wie das Sündenbekenntnis des Versöhnungstages.
26Es wurde auch gelehrt: R. Ḥija b. Aši sagte im Namen Rabhs: Obgleich sie gesagt haben, daß man [Bitten] um seine Bedürfnisse in ‘Der das Gebet erhört’ einschalte, so kann man, wenn man will, auch nach dem Gebete eine Bitte sprechen, wie die Bekenntnisreihe des Versöhnungstages.
27R. Hamnuna sagte: Wie viele wichtige Halakhot sind zu entnehmen aus jenen Versen von Ḥanna. Sie redete in ihrem Herzen; hieraus, daß der Betende sein Herz andächtig stimmen muß. Nur ihre Lippen bewegten sich; hieraus, daß der Betende mit seinen Lippen deutlich spreche. Und ihre Stimme wurde nicht gehört; hieraus, daß man beim Beten die Stimme nicht erheben darf. Und E͑li hielt sie für eine Betrunkene: hieraus, daß der Betrunkene das Gebet nicht verrichten darf.
28Und er sprach zu ihr: Wie lange noch wirst du trunken sein? Tue ab deinen Wein von dir. R. Elea͑zar sagte: Hieraus, daß, wenn jemand an seinem Nächsten
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.