Berachot — Blatt 35b

1das andere nach dem Segen.

2R. Ḥanina b. Papa sagte: Wenn jemand von dieser Welt ohne Segensspruch genießt, so ist dies ebenso, als beraube er den Heiligen, gepriesen sei er, und die Gemeinde Jisraél, denn es heißt: wer Vater und Mutter beraubt und spricht: kein Verbrechen, ist Genosse des Verderbenden. Vater bedeutet nichts weiter als der Heilige, gepriesen sei er, wie es heißt: ist er nicht dein Vater, der dich geschaffen? Mutter bedeutet nichts weiter als die Gemeinde Jisraél, denn es heißt: höre, mein Sohn, die Strafrede deines Vaters und verlasse nicht die Lehre deiner Mutter. –

3Was bedeutet ‘Genosse des Verderbenden’? R. Ḥanina b. Papa sagte: Er ist Genosse des Jerobea͑, Sohnes Nebaṭs, der Jisraél seinem Vater im Himmel verdorben hat.

4R. Ḥanina b. Papa wies auf einen Widerspruch hin. Es heißt: und ich nehme fort mein Korn zu seiner Zeit &c., dagegen heißt es: du wirst dein Korn einbringen!? –

5Das ist kein Widerspruch; das eine, wenn Jisraél den Willen Gottes ausübt, das andere, wenn Jisraél den Willen Gottes nicht ausübt.

6Die Rabbanan lehrten: Du wirst dein Korn einbringen, was lehrt dies? Es heißt: nicht soll dieses Buch der Tora von deinem Munde weichen, somit könnte man glauben, man nehme dies wörtlich, so heißt es: du wirst dein Korn einbringen, verfahre außerdem nach der Landessitte – so R. Jišma͑él.

7R. Šimo͑n b. Joḥaj sagte: Ist es denn möglich, daß ein Mensch zur Zeit des Pflügens [nur] pflüge, zur Zeit des Säens [nur] säe, zur Zeit des Mähens [nur] mähe, zur Zeit des Dreschens [nur] dresche und zur Zeit des Windes [nur] worfele, was sollte aus der Tora werden!? Vielmehr, wenn Jisraél den Willen Gottes tut, wird seine Arbeit durch andere verrichtet, wie es heißt: Fremde werden auftreten und eure Schafe weiden &c., und wenn Jisraél den Willen Gottes nicht tut, muß seine Arbeit durch ihn selbst verrichtet werden, wie es heißt: du wirst dein Korn einbringen; und nicht nur das, auch die Arbeit anderer muß durch ihn verrichtet werden, wie es heißt: du wirst deinen Feinden dienen &c.

8Abajje sagte: Viele handelten nach R. Jišma͑él und es gelang ihnen, nach R. Šimo͑n b. Johaj, und es gelang ihnen nicht.

9Raba sprach zu den Rabbanan: Ich bitte euch, erscheinet vor mir nicht in den Tagen des Nisan und des Tišre, damit ihr nicht wegen eures Erwerbes das ganze Jahr zu sorgen habt.

10Rabba b. Bar Ḥana sagte im Namen R. Joḥanans im Namen des R. Jehuda b. R. Elea͑j: Komm und sieh, daß nicht wie die früheren Geschlechter die späteren Geschlechter sind. Die früheren Geschlechter machten ihre Lehre zur Hauptbeschäftigung und ihre Arbeit zur Nebenbeschäftigung, so blieb sowohl dieses, wie jenes in ihrer Hand bestehen, die späteren Geschlechter aber machten ihre Arbeit zur Hauptbeschäftigung und ihre Lehre zur Nebenbeschäftigung, und so blieb weder dieses, noch jenes in ihrer Hand bestehen.

11Ferner sagte Rabba b. Bar Ḥana im Namen R. Joḥanans im Namen des R. Jehuda b. R. Elea͑j: Komm und sieh, daß nicht wie die früheren Geschlechter die späteren Geschlechter sind. Die früheren Geschlechter pflegten ihre Früchte durch das offene Tor zu bringen, um sie zum Zehnten pflichtig zu machen, die späteren Geschlechter aber bringen ihre Früchte über Dächer, Höfe und Hage, um sie der Zehntpflicht zu entziehen. R. Jannaj sagte nämlich: Unverzehntetes ist nicht eher zehntpflichtig, als bis es die Front des Hauses gesehen hat, denn es heißt: ich habe das Heilige aus dem Hause geräumt.

12R. Joḥanan aber sagte: Auch der Hof ist hierfür bestimmend, denn es heißt: sie sollen in deinen Toren essen und satt sein.

13AUSGENOMMEN DER WEIN &C. Womit ist der Wein anders: wollte man sagen, da er sich zum Vorteil verändert hat, verändere er sich auch bezüglich des Segensspruches, so verändert sich ja auch das Öl zum Vorteil, dennoch verändert es sich nicht bezüglich des Segensspruches, denn R. Jehuda sagte im Namen Šemuéls, und ebenso sagte R. Jiçḥaq im Namen R. Joḥanans, über Olivenöl spreche man den Segen ‘Der die Baumfurcht erschafft’!? –

14Ich will dir sagen, da ist es ja nicht anders möglich. Welchen Segen sollte man denn sprechen: spräche man: ‘Der die Olivenfrucht erschafft’, so wird ja nur die Frucht selbst Olive genannt. –

15Spreche man doch darüber: ‘Der die Olivenbaumfrucht erschafft’!? Vielmehr, erwiderte Mar Zutra, Wein nährt, Öl dagegen nährt nicht.–

16Nährt Öl etwa nicht, wir haben ja gelernt: Wer sich Speisen abgelobt, dem sind Wasser und Salz erlaubt. Dagegen wandten wir ein: Demnach heißen nur Wasser und Salz nicht ‘Speise’, wohl aber heißt alles andere ‘Speise’,

17somit wäre dies eine Widerlegung Rabhs und Šemuéls, welche sagen, daß man den Segen ‘Der allerlei Speisen erschafft’ nur über die fünf Getreidearten spreche!? Und R. Hona erwiderte: Wenn er gesagt hat ‘alles, was nährt, sei mir verboten’. Hieraus, daß Öl wohl nährt!? –

18Vielmehr, Wein stärkt, Öl aber stärkt nicht. – Stärkt denn der Wein, Raba pflegte ja an jedem Vortage des Pesaḥfestes Wein zu trinken, um seinen Appetit zu reizen und desto besser das Ungesäuerte essen zu können!? – Viel reizt, wenig stärkt. –

19Aber stärkt er denn überhaupt, es heißt ja: Wein erheitert des Menschen Herz &c., also nur Brot stärkt, Wein aber stärkt nicht!? – Vielmehr, beim Wein ist beides vorhanden, er stärkt und er erheitert, Brot dagegen stärkt zwar, erheitert aber nicht. –

20Demnach sollte man über ihn die drei Segenssprüche [nachher] sprechen!? –

21Die Leute setzen ihn nicht als Mahlzeit an. R. Naḥman b. Jiçḥaq sprach zu Raba: Wie ist es, wenn jemand ihn als Mahlzeit ansetzt? Dieser erwiderte: Wenn Elijahu kommen wird, wird er entscheiden, ob er als Mahlzeit anzusetzen ist, vorläufig aber verschwindet seine Gepflogenheit gegenüber der aller anderen Menschen.

22Der Text. R. Jehuda sagte im Namen Šemuéls, und so sagte auch R. Jiçḥaq im Namen R. Joḥanans: Über Olivenöl spreche man den Segen ‘Der die Baumfrucht erschafft.’ Wie meint er es: wollte man sagen, wenn man es trinkt, so ist es ja schädlich, denn es wird gelehrt, daß, wenn jemand Öl von Hebe trinkt, er den Grundwert und nicht das Fünftel zahle, wenn aber jemand sich mit Öl von Hebe salbt, er den Grundwert und das Fünftel zahle!? –

23Vielmehr, wenn man es zum Brote ißt. – Demnach ist es ja Zukost zum Brote, das Hauptspeise ist, und wir haben gelernt, die Regel sei, bei Hauptspeise und Zukost spreche man den Segen über die Hauptspeise und dieser befreie die Zukost!? – Vielmehr, wenn man es mit Inogaron trinkt. Rabba b. Šemuél sagte: Inogaron ist eine Sauce aus Mangold, Oxygaron ist eine Sauce

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.