Berachot — Blatt 52b

1die Innenseite, der Rand, der Henkel und die Griffe sind rein; ist seine Innenseite unrein geworden, so ist es gänzlich unrein. –

2Worin besteht ihr Streit? –

3Die Schule Šammajs ist der Ansicht, es sei verboten, sich eines Gefäßes zu bedienen, dessen Außenseite durch Flüssigkeit unrein wurde, weil Spritzer zu berücksichtigen sind, somit ist nicht mehr zu befürchten, die Flüssigkeit an der Hand könnte durch den Becher unrein werden.

4Die Schule Hillels aber ist der Ansicht, es sei erlaubt, sich eines Gefäßes zu bedienen, dessen Außenseite durch Flüssigkeit unrein wurde, denn Spritzer sind nicht häufig, somit ist zu befürchten, die Flüssigkeit an der Hand könnte durch den Becher unrein werden.

5Eine andere Begründung: Sofort nach dem Händewaschen folge die Mahlzeit. –

6Wozu die andere Begründung? – Die Schule Hillels sprach zur Schule Šammajs wie folgt: Selbst nach euerer Ansicht, es sei verboten, sich eines Gefäßes zu bedienen, dessen Außenseite unrein wurde, weil Spritzer zu berücksichtigen sind, ist dies trotzdem vorzuziehen, weil sofort nach dem Händewaschen die Mahlzeit folge.

7DIE SCHULE ŠAMMAJS SAGT, MAN TROCKNE &C.

8Die Rabbanan lehrten: Die Schule Šammajs sagt, man trockne die Hände mit dem Tuche ab, und man lege es auf den Tisch; denn wolltest du sagen, auf das Polster, so ist ja zu befürchten, die Flüssigkeit am Tuche könnte durch das Polster unrein werden und die Hände unrein machen. –

9Auch das Polster selber kann ja das Tuch unrein machen!? – Ein Gerät kann kein Gerät unrein machen. –

10Das Polster selber kann ja den Mann unrein machen!? – Ein Gerät kann keinen Menschen unrein machen.

11Die Schule Hillels sagt, [man lege es] auf das Polster, denn wolltest du sagen, auf den Tisch, so ist ja zu befürchten, die Flüssigkeit am Tuche könnte durch den Tisch unrein werden und die Speise unrein machen. –

12Auch der Tisch selber kann ja die auf ihm befindlichen Speisen unrein machen!? – Hier handelt es sich um einen zweitgradig [unreinen] Tisch, und bei Profanem macht das Zweitgradige nicht drittgradig, außer bei einer Flüssigkeit. –

13Worin besteht ihr Streit? – Die Schule Šammajs ist der Ansicht, es sei verboten, sich eines zweitgradig [unreinen] Tisches zu bedienen, aus Rücksicht auf solche, die Hebe essen.

14Die Schule Hillels aber ist der Ansicht, es sei erlaubt, sich eines zweitgradig [unreinen] Tisches zu bedienen, denn solche, die Hebe essen, sind vorsichtig.

15Eine andere Begründung: Das Händewaschen ist [bei Profanem] keine Pflicht der Tora. –

16Wozu die andere Begründung? – Die Schule Hillels sprach zur Schule Šammajs wie folgt: Wollt ihr erwidern: womit ist es bei Speisen anders, daß bei ihnen befürchtet wird, als bei den Händen, daß bei ihnen nicht befürchtet wird, so ist dieses trotzdem vorzuziehen, denn da bei Profanem das Händewaschen nicht aus der Tora ist, so mögen lieber die Hände unrein werden, die keine Grundlage in der Tora haben, als daß die Speisen verunreinigt werden sollten, die eine Grundlage in der Tora haben.

17DIE SCHULE ŠAMMAJS SAGT, MAN FEGE&C.

18Die Rabbanan lehrten: Die Schule Šammajs sagt, man fege zuerst den Tisch ab, nachher wasche man die Hände; denn wolltest du sagen, man wasche die Hände zuerst, so würde man ja die Speisen verderben. (Die Schule Šammajs ist also nicht der Ansicht, daß man zuerst die Hände wasche. Aus welchem Grunde? – Wegen der Brocken.)

19Die Schule Hillels sagte: Ist der Tischdiener Schriftgelehrter, so nimmt er die olivengroßen Brocken fort, und läßt nur Brocken zurück, die nicht olivengroß sind.

20Dies ist eine Stütze für R. Jochanan, denn R. Joḥanan sagte: Brocken, die nicht olivengroß sind, darf man mit Händen vernichten. –

21Worin besteht ihr Streit? – Die Schule Hillels ist der Ansicht, es sei verboten, sich eines Tischdieners aus dem gemeinen Volke zu bedienen; die Schule Šammajs aber ist der Ansicht, es sei erlaubt, sich eines Tischdieners aus dem gemeinen Volke zu bedienen.

22R. Jose b. Ḥanina sagte im Namen R. Honas: im ganzen Abschnitt ist die Halakha wie die Schule Hillels, ausgenommen diese [Lehre], wobei die Halakha wie die Schule Šammajs ist. R. Oša͑ja lehrte dies entgegengesetzt, und auch hierbei ist die Halakha wie die Schule Hillels.

23DIE SCHULE ŠAMMAJS SAGT: LICHT, SPEISE &C.

24R. Hona b. Jehuda war bei Raba eingekehrt und bemerkte, daß Raba den Segen über die Wohlgerüche zuerst sprach. Da sprach er zu ihm: Merke, über das Licht streiten ja nicht einmal die Schule Šammajs und die Schule Hillels!? Denn wir haben ja gelernt: Die Schule Šammajs sagt: Licht, Speise, Wohlgerüche, Unterscheidungssegen; die Schule Hillels sagt: Licht, Wohlgerüche, Speise, Unterscheidungssegen.

25Da fuhr Raba fort: Das sind die Worte R. Meírs, R. Jehuda aber sagte: Die Schule Šammajs und die Schule Hillels sind einig, daß man [den Segen über] die Speise zuerst und den Unterscheidungssegen zuletzt spreche; sie streiten nur über das Licht und über die Wohlgerüche; die Schule Šammajs sagt, zuerst über das Licht und nachher über die Wohlgerüche, und die Schule Hillels sagt, zuerst über die Wohlgerüche, und nachher über das Licht.

26Hierzu sagte R. Joḥanan: Das Volk verfährt nach der Schule Hillels und zwar nach dem Ausspruche R. Jehudas.

27DIE SCHULE ŠAMMAJS SAGT: ‘DASS ER &C. ERSCHAFFEN HAT’.

28Raba sagte: Bezüglich [des Wortes] bara sind alle einig, daß es die Bedeutung ‘bereits erschaffen’ hat, sie streiten nur über [das Wort] bore. Die Schule Šammajs ist der Ansicht, bore habe die Bedeutung ‘wird erschaffen’, die Schule Hillels aber ist der Ansicht, auch bore habe die Bedeutung ‘bereits erschaffen’.

29R. Joseph wandte ein: [Es heißt ja:] er bildet das Licht und erschafft [bore] die Finsternis. Er bildet Gebirge und erschafft [bore] den Wind. Er erschafft [bore] den Himmel und spannt ihn aus!? – Vielmehr, sagte R. Joseph, bezüglich [der Worte] bara und bore sind alle einig, daß sie die Bedeutung ‘bereits erschaffen’ haben, sie streiten nur über [die Worte] Licht und Lichter. Die Schule Šammajs ist der Ansicht, das Feuer habe ein Licht, und die Schule Hillels ist der Ansicht, das Feuer habe mehrere Lichter. Desgleichen wird gelehrt: Die Schule Hillels sprach zur Schule Šammajs: Im Feuer sind mehrere Lichter enthalten.

30MAN SPRECHE DEN SEGEN NICHT &C. Einleuchtend ist dies bezüglich des Lichtes, da es ja nicht gefeiert hat, warum aber nicht über Wohlgerüche!?

31R. Jehuda erwiderte im Namen Rabhs: Hier handelt es sich um eine Tischgesellschaft von Nichtjuden, und bei einer Tischgesellschaft von Nichtjuden ist es gewöhnlich den Götzen gewidmet. –

32Wenn er aber im Schlußsatze lehrt, man spreche den Segen nicht über ein Licht und über Wohlgerüche eines Götzen, so handelt wohl der Anfangssatz nicht von einem Götzen!? –

33R. Ḥanina aus Sura erwiderte: Er gibt den Grund an: aus welchem Grunde spreche man nicht den Segen über das Licht und über Wohlgerüche der Nichtjuden? – weil es bei einer Tischgesellschaft von Nichtjuden gewöhnlich den Götzen gewidmet ist.

34Die Rabbanan lehrten: Über ein Licht, das gefeiert hat, spreche man den Segen, das nicht gefeiert hat, spreche man den Segen nicht. Was heißt ‘gefeiert’ und was heißt ‘nicht gefeiert’:

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.