Berachot — Blatt 63b

1Sagt es auch unseren Brüdern in der Diaspora; gehorchen sie, so ist es gut, wenn nicht, so mögen sie auf einen Berg gehen, wo Aḥija einen Altar errichten, Ḥananja auf der Harfe spielen, und sie allesamt [Gott] verleugnen und sprechen mögen: Wir haben keinen Anteil an dem Gott Jisraéls.

2Hierauf begann das ganze Volk laut zu weinen, indem sie sprachen: Behüte und bewahre, wir haben einen Anteil an dem Gott Jisraéls. –

3Warum dies alles?–Weil es heißt: denn von Çijon geht die Tora aus und das Wort des Herrn von Jerušalem. –

4Allerdings durften sie unreinsprechen, was er reingesprochen, weil erschwerend, wieso aber durften sie reinsprechen, was er unreingesprochen, es wird ja gelehrt, was ein Gelehrter unreingesprochen, dürfe sein Genösse nicht reinsprechen, was er verboten, dürfe sein Genosse nicht erlauben!? – Sie beabsichtigten damit, daß man ihm nicht folge.

5Die Rabbanan lehrten: Als unsere Lehrer in der Akademie zu Jabne zusammentraten, waren da R. Jehuda, R. Jose, R. Neḥemja und R. Elea͑zar, Sohn R. Jose des Galiläers, anwesend. Sie fingen alle an und trugen zur Ehre des Gastgebers vor.

6R. Jehuda, überall das Haupt der Redner, begann und trug zur Ehre der Tora vor: Und Moše nahm das Zelt und schlug es außerhalb des Lagers auf. Es ist [ein Schluß] vom Leichteren auf das Schwerere zu folgern: die Lade des Herrn war nur zwölf Mil entfernt, dennoch sagt die Tora: und jeder, der den Herrn suchte, ging nach dem Stiftszelt hinaus, um wieviel mehr gilt dies von den Schriftgelehrten, die von Stadt zu Stadt und von Land zu Land wandern, um die Tora zu lernen.

7Und der Herr redete mit Moše von Angesicht zu Angesicht R. Jiçḥaq sagte: Der Heilige, gepriesen sei er, sprach zu Moše: Moše, ich und du, wir wollen bei der Halakha das Gesicht zuwenden. Manche sagen, er sprach zu ihm wie folgt: Moše, wie ich dir das Gesicht freundlich zugewendet habe, so wende auch du Jisraél das Gesicht freundlich zu, und bringe das Zelt nach seinem Orte zurück.

8Und er kehrte in das Lager zurück. R. Abahu sagte: Der Heilige, gepriesen sei er, hatte zu Moše gesprochen: Jetzt werden sie sagen: Der Lehrer ist böse, und der Schüler ist böse, was soll nun aus Jisraél werden? Bringst du das Zelt nach seinem Orte zurück, so ist es gut, wenn aber nicht, so soll dein Schüler Jehošua͑, der Sohn Nuns, an deiner Stelle deinen Dienst versehen.

9Daher heißt es: und er kehrte in das Lager zurück. Raba sagte: Trotzdem ist dies nicht vergeblich gesprochen worden, denn es heißt: und sein Diener Jehošua͑, der Sohn Nuns, ein Jüngling, wich nicht aus dem Zelte.

10Ferner begann R. Jehuda und trug zur Ehre der Tora vor: Merke auf und höre, Jisraél, an diesem Tage bist du zu einem Volke geworden. Ist denn die Tora Jisraél erst an diesem Tage gegeben worden, dieser Tag war ja das Ende der vierzig Jahre! Allein, dies lehrt dich, daß die Tora denen, die sie lernen, an jedem Tage so lieb ist, wie am Tage, an dem sie am Berge Sinaj gegeben wurde.

11R. Tanḥum, der Sohn R. Ḥijas, aus Kephar-A͑kko sagte: Das siehst du auch; der Mensch liest ja das Šema͑ morgens und abends, dennoch scheint es einem, der es einen Abend nicht liest, als hätte er es nie gelesen.

12Merke auf: Teilet euch in Klassen und befaßt euch mit der Tora, denn die Tora wird nur in einer Gemeinschaft erworben. Dies nach R. Jose b. R. Ḥanina, denn R. Jose b. R. Ḥanina sagte: Es heißt: ein Schwert über die einzelnen, sie werden töricht; ein Schwert über die Feinde der Schriftgelehrten, die einzeln sitzen und sich mit der Tora befassen. Und noch mehr, sie werden auch töricht, denn hier heißt es: sie werden töricht, und dort heißt es: daß wir uns betören ließen. Und noch mehr, sie sündigen auch, denn es heißt: und daß wir gesündigt haben.

13Wenn du aber willst, entnehme ich dies aus folgendem: betört werden die Fürsten von Çoa͑n.

14Eine andere Auslegung: Merke auf und höre, Jisraél; laßt euch zerstoßen für die Worte der Tora. Dies nach Reš Laqiš, denn Reš Laqiš sagte: Woher, daß Worte der Tora nur dem erhalten bleiben, der sich für sie töten läßt? Es heißt: das ist die Tora: wenn ein Mensch im Zelte stirbt.

15Eine andere Auslegung: Merke auf und höre Jisraél; schweige und nachher zerstoße. Dies nach Raba, denn Raba sagte: Zuerst lerne man die Tora, und nachher erörtere man sie.

16In der Schule R. Jannajs sagten sie: Es heißt: die Pressung der Milch bringt Butter hervor, die Pressung der Nase bringt Blut hervor und die Pressung des Zornes bringt Hader hervor;

17die Butter der Tora findest du nur bei dem, der ihretwegen die Milch ausbricht, die er aus den Brüsten seiner Mutter gesogen.

18Die Pressung der Nase bringt Blut hervor; wenn ein Schüler von seinem Lehrer einmal angefahren wird und schweigt, so ist es ihm beschieden, zwischen unreinem Blut und reinem Blut zu unterscheiden.

19Und die Pressung des Zornes bringt Hader hervor; wenn ein Schüler von seinem Lehrer einmal und zweimal angefahren wird und schweigt, so ist es ihm beschieden, zwischen Zivilrecht und Strafrecht zu unterscheiden. Wir haben nämlich gelernt: R. Jišma͑él sagte: Wer weise werden will, befasse sich mit dem Zivilrecht, denn du hast in der Tora kein [umfassenderes] Gebiet als dieses; es ist wie eine unversiegbare Quelle.

20R. Šemuél b. Naḥmani sagte: Es heißt: wenn du schändlich warst durch Erhebung und Böses gesonnen hast, so lege die Hand auf den Mund; wer sich für die Worte der Tora schändet, wird endlich hochgestellt werden, wer aber schweigt, wird endlich die Hand vor den Mund legen müssen.

21Hierauf begann R. Neḥemja und trug zur Ehre des Gastgebers vor: Es heißt: und Šaúl sprach zum Qeni: Gehe, weiche und ziehe fort aus der Mitte A͑maleqs, daß ich dich nicht mit ihm zusammen vertilge, wo du doch allen Kindern Jisraéls Liebestaten erwiesen hast. Es ist [ein Schluß] vom Leichteren auf das Schwerere zu folgern: wenn dies von Jithro gilt, der Moše nur sich zu Nutze aufgenommen hat, um wieviel mehr gilt dies von dem, der einen Schriftgelehrten in seinem Hause bewirtet, ihm zu essen und zu trinken gibt und ihn von seinen Gütern genießen läßt.

22Hierauf begann R. Jose und trug zu Ehren des Gastgebers vor: Du sollst den Edomiter nicht verabscheuen, denn er ist dein Bruder; du sollst den Miçri nicht verabscheuen, denn ein Fremdling warst du in seinem Lande. Es ist [ein Schluß] vom Leichteren auf das Schwerere zu folgern: wenn dies von den Miçrijim gilt, die die Jisraéliten nur zu ihrem Nutzen aufgenommen haben, wie es heißt: und wenn du weißt, daß unter ihnen wackere Männer da sind, so setze sie ein als Aufseher über mein Vieh, um wieviel mehr gilt dies von dem, der einen Schriftgelehrten in seinem Hause bewirtet, ihm zu essen und zu trinken gibt und ihn von seinen Gütern genießen läßt.

23Hierauf begann R. Elea͑zar, Sohn R. Jose des Galiläers, und trug zu Ehren des Gastgebers vor: Und der Herr segnete O͑bed Edom aus Gath wegen der Lade Gottes. Es ist [ein Schluß] vom Leichteren auf das Schwerere zu folgern: wenn dies bei der Lade der Fall war, die weder gegessen noch getrunken hat, sondern er vor ihr nur gefegt und gesprengt hat, um wieviel mehr gilt dies von dem, der einen Schriftgelehrten in seinem Hause bewirtet, ihm zu essen und zu trinken gibt und ihn von seinen Gütern genießen läßt. –

24Welchen Segen ließ er ihm angedeihen? R. Jehuda b. Zebida sagte: Daß Ḥamoth und ihre acht Schwiegertöchter je sechs (in einem Leibe) gebaren,

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.