Berachot — Blatt 7a
1R. Joḥanan sagte im Namen R. Joses: Woher, daß der Heilige, gepriesen sei er, betet? – es heißt: ich werde sie nach meinem heiligen Berge bringen und sie in meinem Bethause erfreuen. Es heißt nicht ‘ihrem Bethause’, sondern ‘meinem Bethause’, woraus zu entnehmen, daß der Heilige, gepriesen sei er, betet. –
2Was betet er?
3R. Zuṭra b. Ṭobia erwiderte im Namen Rabhs: Es möge mein Wille sein, daß meine Barmherzigkeit meinen Zorn bezwinge, daß meine Barmherzigkeit sich über meine Eigenschaften [des Rechtes] wälze, daß ich mit meinen Kindern nach der Eigenschaft der Barmherzigkeit verfahre und daß ich ihrethalben innerhalb der Rechtslinie trete.
4Es wird gelehrt: R. Jišma͑él b. Eliša͑ erzählte: Einst trat ich in das Allerinnerste ein, um die Spezereien zu räuchern und sah Ochteriél, Jah, den Herrn der Heerscharen, auf einem hohen und erhabenen Throne sitzen. Da sprach er zu mir: Jišma͑él, mein Sohn, segne mich! Ich sprach zu ihm: Möge es dein Wille sein, daß deine Barmherzigkeit deinen Zorn bezwinge, daß deine Barmherzigkeit sich über deine Eigenschaften [des Rechtes] wälze, daß du mit deinen Kindern nach der Eigenschaft der Barmherzigkeit verfahrest und daß du ihretwegen innerhalb der Rechtslinie tretest. Da nickte er mir (mit seinem Haupte) Beifall zu. Dies lehrt uns, daß der Segen eines Gemeinen nicht gering in deinen Augen sei.
5Ferner sagte R. Joḥanan im Namen R. Joses: Woher, daß man einen Menschen während seines Zornausbruches nicht zu besänftigen suche? – es heißt: mein Gesicht wird vorübergehen, und ich willfahre dir. Der Heilige, gepriesen sei er, sprach zu Moše: Warte ein wenig, bis das zornige Gesicht vorüber ist, und ich willfahre dir. –
6Gibt es etwa Zorn beim Heiligen, gepriesen sei er? –
7Freilich, denn es wird gelehrt: Gott zürnt jeden Tag. –
8Wie lange währt sein Zorn? –Einen Augenblick. – Wieviel ist ein Augenblick? – Der achtundfünfzigtausendachthundertachtundachtzigste Teil einer Stunde; dies ist ein Augenblick. Kein Geschöpf kann diese Zeit abpassen, und nur der ruchlose Bilea͑m [vermochte es]; denn von ihm heißt es: er kennt die Gedanken des Höchsten. –
9Wenn er nicht einmal die Gedanken seines Tieres kannte, wie konnte er die Gedanken des Höchsten gekannt haben?
10Vielmehr lehrt dies, daß er die Stunde abzupassen wußte, in der der Heilige, gepriesen sei er, zürnt.
11Dies ist es, was der Prophet zu Jisraél sagte: mein Volk, bedenke doch, was Balaq, der König von Moab, geraten hat &c. – Was bedeutet: um die Wohltaten des Herrn zu erkennen?
12R. Elea͑zar erwiderte: Der Heilige, gepriesen sei er, sprach zu Jisraél: Bedenket, wieviel Wohltaten ich euch erwiesen habe, indem ich nicht zürnte in den Tagen des ruchlosen Bilea͑m. denn hätte ich gezürnt, so wäre von den Feinden Jisraéls weder Flüchtling noch Entronnener übrig geblieben.
13Dies ist es, was Bilea͑m zu Balaq gesagt hat: wie soll ich fluchen, dem, Gott nicht flucht, und wie soll ich zürnen, wenn Gott nicht zürnt. Dies lehrt, daß er in all jenen Tagen nicht zürnte. –
14Wie lange währt sein Zorn? – Einen Augenblick. – Wieviel ist ein Augenblick? R. Abin, manche sagen, R. Abina, erwiderte: Wie man [das Wort] ‘Rega͑’ [Augenblick] ausspricht. –
15Woher, daß er einen Augenblick zürnt? – Es heißt: denn einen Augenblick in seinem Zorne, lebenslänglich in seinem Wohlwollen. Wenn du aber willst, sage ich, hieraus: verbirg dich nur einen Augenblick, bis der Zorn vorübergeht. –
16Wann zürnt er? Abajje erwiderte: In den drei ersten [Tages]stunden, wenn dem Hahn der Kamm weiß wird und er auf einem Fuße steht. –
17So steht er ja auch zu jeder anderen Stunde!? –
18Zu jeder anderen Stunde hat er rote Streifen, in dieser Stunde aber hat er keine roten Streifen.
19Ein Minäer, der in der Nachbarschaft des R. Jehošua͑ b. Levi wohnte, quälte diesen sehr durch Schriftverse. Eines Tages holte er einen Hahn, stellte ihn zwischen die Füße des Bettes und beobachtete ihn, indem er dachte, sobald diese Stunde kommt, verfluche ich ihn. Als aber diese Stunde herankam, schlief er ein. Da sprach er: Hieraus ist zu ersehen, daß es keine Lebensart ist, so zu handeln, denn es heißt: seine Liebe mit all seinen Geschöpfen;
20ferner: auch ist das Strafen dem Gerechten nicht lieb.
21Im Namen R. Meírs wird gelehrt: Wenn die Sonne hervorstrahlt, und alle Könige des Ostens und Westens ihre Kronen auf ihre Häupter setzen und die Sonne anbeten, erzürnt der Heilige, gepriesen sei er, sofort.
22Ferner sagte R. Joḥanan im Namen R. Joses: Besser eine Züchtigung im Herzen des Menschen, als viele Geißelhiebe, denn es heißt: sie setzt ihrem Buhlen nach &c. und spricht: ich will gehen und zu meinem ersten Manne zurückkehren, denn besser erging es mir damals als jetzt. Reš Laqiš sagte: Besser als hundert Geißelhiebe, denn es heißt: tiefer dringt Schelte bei einem Verständigen ein, als hundert Schläge bei einem Toren.
23Ferner sagte R. Joḥanan im Namen R. Joses: Drei Dinge erbat sich Moše von dem Heiligen, gepriesen sei er, und er gewährte sie ihm. Er bat, daß die göttliche Niederlassung auf Jisraél ruhen möge, und er gewährte es ihm, wie es heißt: fürwahr, wenn du mit uns gehest.
24Er bat, daß die göttliche Niederlassung auf den Völkern der Welt nicht ruhen möge, und er gewährte es ihm, wie es heißt: damit wir ausgezeichnet sind, ich und dein Volk.
25Er bat, ihn die Wege des Heiligen, gepriesen sei er, erkennen zu lassen, und er gewährte es ihm, wie es heißt: laß mich erkennen deine Wege. Er sprach vor ihm: Herr der Welt, warum gibt es einen Gerechten, dem es gut geht, und einen Gerechten, dem es schlecht geht, einen Frevler, dem es gut geht, und einen Frevler, dem es schlecht geht? Er antwortete ihm: Moše, der Gerechte, dem es gut geht, ist ein Gerechter, Sohn des Gerechten, der Gerechte aber, dem es schlecht geht, ist ein Gerechter, Sohn eines Frevlers; der Frevler, dem es gut geht, ist ein Frevler, Sohn eines Gerechten, der Frevler aber, dem es schlechtgeht, ist ein Frevler, Sohn eines Frevlers.
26Der Meister sagte: Der Gerechte, dem es gut geht, ist ein Gerechter, Sohn eines Gerechten, der Gerechte aber, dem es schlecht geht, ist ein Gerechter, Sohn eines Frevlers. Dem ist ja aber nicht so!? Es heißt: er ahndet die Sünde der Väter an den Kindern, dagegen aber heißt es: nicht sollen Kinder wegen der Väter getötet werden, und auf unseren Einwand, die Schriftverse widersprechen ja einander,
27wurde erwidert, dies sei kein Widerspruch: das eine, wenn sie an den Werken ihrer Väter festhalten, und das andere, wenn sie nicht an den Werken ihrer Väter festhalten!? –
28Vielmehr, sprach er zu ihm wie folgt: der Gerechte, dem es gut geht, ist ein vollkommener Gerechter, der Gerechte aber, dem es schlecht geht, ist ein unvollkommener Gerechter; der Frevler, dem es gut geht, ist kein vollkommener Frevler, der Frevler aber, dem es schlecht geht, ist ein vollkommener Frevler.
29Er streitet gegen R. Meír, denn R. Meír sagte, er habe ihm zwei Dinge gewährt, eines aber habe er ihm nicht gewährt, denn es heißt: ich bin gnädig, dem ich gnädig sein will, obgleich er dessen nicht würdig ist, und ich erbarme mich, dessen ich mich erbarmen will, obgleich er dessen nicht würdig ist.
30Und er sprach, du vermagst nicht mein Antlitz zu schauen. Es wird im Namen des R. Jehošua͑ b. Qorḥa gelehrt: Der Heilige, gepriesen sei er, sprach zu Moše wie folgt: Als ich wollte, wolltest du nicht, jetzt, wo du willst, will ich nicht.
31Er streitet gegen R. Šemuél b. Naḥmani, im Namen R. Jonathans, denn R. Šemuél b. Naḥmani sagte im Namen R. Jonathans: Als Belohnung für drei Dinge ist Moše mit drei Dingen bedacht worden.
32Als Belohnung für: und Moše verbarg sein Antlitz, ward ihm ein [strahlendes] Antlitz beschieden; als Belohnung für: er fürchtete, ward ihm beschieden, daß: sie fürchteten, ihm zu nahen; und als Belohnung für: zu schauen, ward ihm beschieden, daß: er schaute das Gesicht des Herrn.
33Ich will meine Hand entfernen, und du wirst meine Rückseite schauen. Hierüber sagte R. Ḥana b. Bizna im Namen R. Šimo͑n des Frommen: Dies lehrt, daß der Heilige, gepriesen sei er, Moše den Knoten der Tephillin gezeigt hat.
34Ferner sagte R. Joḥanan im Namen R. Joses: Kein Gutes verheißendes Wort, das aus dem Mund des Heiligen, gepriesen sei er, kommt, auch wenn nur bedingungsweise, wird von ihm widerrufen.
35Woher dies? – Von unserem Meister Moše, denn es heißt: laß mich, ich will sie vertilgen &c. und dich zum mächtigen Volke machen; obgleich Moše diesbezüglich um Erbarmen flehte und es abwandte, erfüllte er [seine Verheißung] an dessen Nachkommen, wie es heißt: die Söhne Mošes waren Geršom und Elie͑zer, und die Söhne Elie͑zers waren Reḥabja, das Oberhaupt &c.; und die Söhne Reḥabjas mehrten sich überaus &c.
36Hierzu lehrte R. Joseph: Mehr als sechzig Myriaden, denn dies ist aus dem Worte mehren zu entnehmen; hier heißt es: sie mehrten sich überaus, und dort heißt es: die Kinder Jisraéls waren fruchtbar, wimmelten und mehrten sich.
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.