Chagiga — Blatt 11b
1Dies bezieht sich auf die Tochter seiner Genotzüchtigten, von der in der Schrift nichts steht:
2Raba sagte nämlich : R. Jiçḥaq b. Evdämi sagte mir, dies sei aus [den Worten] sie
3und Unzucht zu folgern.
4SIE SIND KERNSTÜCKE DER TORA. Nur diese und nicht jene!? – Sage vielmehr: diese und jene sind Kernstücke der Tora.
5MAN TRAGE NICHT ÜBER INZESTGESETZE VOR DREIEN VOR, NOCH ÜBER DAS SCHÖPFUNGSWERK VOR ZWEIEN, NOCH ÜBER DIE SPHÄRENKUNDE VOR EINEM, ES SEI DENN, DASS ER EIN WEISER IST UND ES AUS EIGENER ERKENNTNIS VERSTEHT.
6WER ÜBER VIER DINGE, WAS OBEN, WAS UNTEN, WAS VORN UND WAS HINTEN [SICH BEFINDET], GRÜBELT, FÜR DEN WÄRE ES BESSER, ER WÄRE GAR NICHT ZUR WELT GEKOMMEN. WER DIE EHRE SEINES SCHÖPFERS NICHT SCHONT, FÜR DEN WÄRE ES BESSER, ER WÄRE GAR NICHT ZUR WELT GEKOMMEN.
7GEMARA. Zuerst sagst du: noch über die Sphärenkunde vor einem, nachher aber sagst du: es sei denn, daß er ein Weiser ist und es aus eigener Erkenntnis versteht!? –
8Er meint es wie folgt: Man darf die Inzestgesetze vor dreien, das Schöpfungswerk vor zweien und die Sphärenkunde vor einem nicht erörtern, wohl aber vor einem Gelehrten, der es aus eigener Erkenntnis versteht.
9MAN TRAGE NICHT ÜBER INZESTGESETZE VOR DREIEN VOR. AUS welchem Grunde: wollte man sagen, weil es heißt: [keiner,] Mann für Mann, darf seinen Blutsverwandten nahen, ‘Mann für Mann’, zwei, ‘Blutsverwandter’ einer, und der Allbarmherzige sagt: ihr dürft nicht herantreten, die Scham aufzudecken,
10so heißt es ja auch: wenn [irgend einer,] Mann für Mann, seinem Gotte flucht. Ferner auch; wenn [irgend einer,] Mann für Mann &c. eines seiner Kinder dem Molekh hingibt. Ist dies ebenso [zu erklären]!?
11Vielmehr schließt dies Nichtjuden ein, daß auch ihnen gleich Jisraél die Gotteslästerung und der Götzendienst verboten sind,
12ebenso schließt dies auch hierbei Nichtjuden ein, daß auch ihnen gleich Jisraél die Blutschande verboten ist. –
13Vielmehr, es heißt: ihr sollt meine Anordnung befolgen; ‘ihr sollt befolgen’, zwei, ‘Anordnung’ eines, und der Allbarmherzige sagt: nichts von den greuelhaften Satzungen zu tun? –
14Es heißt ja aber auch: ihr sollt den Šabbath beobachten, ihr sollt [das Gebot vom] ungesäuerten befolgen, ihr sollt den Dienst des Heiligtums beobachten; ist dies ebenso [zu erklären]!?
15Vielmehr, erklärte R. Aši, unter ‘nicht vor dreien über Inzestgesetze vortragen’ [ist zu verstehen], man dürfe nicht vor dreien über die Geheimnisse der Inzestgesetze vortragen. –
16Aus welchem Grunde? – Dies ist einleuchtend; wenn zwei vor ihrem Lehrer sitzen und einer mit dem Lehrer disputiert, so neigt auch der andere sein Ohr dem Dispute zu, wenn es aber drei sind und einer mit dem Lehrer disputiert, so unterhalten sich die beiden anderen mit einander und wissen nicht, was der Lehrer spricht, und sie könnten dazu kommen, beim Inzestgesetze Verbotenes zu erlauben. –
17Demnach sollte dies auch von der ganzen Tora gelten!? –
18Anders ist es beim Inzestgesetze, denn der Meister sagte: Nach Raub und Unzucht gelüstet und verlangt die Seele des Menschen. –
19Demnach sollte dies auch vom [Gesetze über den] Raub gelten!? – Der Trieb zur Unzucht ist stark, ob man [die Gelegenheit] vor sich hat, oder sie nicht vor sich hat, der Trieb zum Raube ist aber nur dann stark, wenn man [die Gelegenheit] vor sich hat, nicht aber, wenn man sie nicht vor sich hat.
20NOCH ÜBER DAS SCHÖPFUNGSWERK VOR ZWEIEN. Woher dies? – Die Rabbanan lehrten: Denn frage doch nach den früheren Zeiten nach, nur einer darf fragen, zwei aber dürfen nicht fragen.
21Man könnte glauben, man dürfe auch danach forschen, was dann war, bevor die Welt erschaffen wurde, so heißt es: seit dem Tage, wo Gott den Menschen auf der Erde erschaffen hat.
22Man könnte glauben, man dürfe auch nicht danach forschen, was sich in den sechs Schöpfungstagen zugetragen hat, so heißt es: nach den früheren Zeiten, die vor dir waren.
23Man könnte glauben, man dürfe auch danach forschen, was oben, was unten, was vorn und was hinten [sich befindet], so heißt es: von einem Ende des Himmels bis zum anderen, danach, was sich von einem Ende des Himmels bis zum anderen befindet, darfst du forschen, du darfst aber nicht danach forschen, was oben, was unten, was vorn und was hinten [sich befindet]. –
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.