Chagiga — Blatt 12a
1Wozu ist, wo du es folgerst aus [dem Verse]: von einem Ende des Himmels bis zum anderen, [der Vers:] seit dem Tage, wo Gott den Menschen auf der Erde erschaffen hat, nötig? –
2Wegen einer Lehre R. Elea͑zars, denn R. Elea͑zar sagte: Adam der Urmensch war von der Erde bis zum Himmel, denn es heißt: seit dem Tage, wo Gott den Menschen auf der Erde erschaffen hat. Nachdem er gesündigt hatte, legte der Heilige, gepriesen sei er, seine Hand auf ihn und verminderte ihn, denn es heißt: hinten und vorn hast du mich geschaffen und legtest auf mich deine Hand.
3R. Jehuda sagte im Namen Rabhs: Adam der Urmensch war von einem Ende der Welt bis zum anderen, denn es heißt: seit dem Tage, wo Gott den Menschen auf der Erde erschaffen hat, von einem Ende des Himmels bis zum anderen. Nachdem er aber gesündigt hatte, legte der Heilige, gepriesen sei er, seine Hand auf ihn und verminderte ihn, denn es heißt: du legtest auf mich deine Hand. –
4Die Verse widersprechen ja einander!? – Beide bezeichnen die gleiche Größe.
5Ferner sagte R. Jehuda im Namen Rabhs: Zehn Dinge sind am ersten Tage erschaffen worden, und zwar: Himmel und Erde, Öde und Leere, Licht und Finsternis, Luft und Wasser, das Wesen des Tages und das Wesen der Nacht.
6Himmel und Erde, denn es heißt: am Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde. Öde und Leere, denn es heißt: die Erde war öde und leer. Licht und Finsternis; von der Finsternis heißt es: Finsternis lag auf dem Abgrunde, und vom Lichte heißt es: da sprach Gott: Es werde Licht. Luft und Wasser, denn es heißt: und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser. Das Wesen des Tages und das Wesen der Nacht, denn es heißt: und es wurde Abend, und es wurde Morgen, ein Tag.
7Es wird gelehrt: Die Öde ist ein grüner Streifen, der die ganze Welt umspannt, von dem die Finsternis ausgeht, denn es heißt: er machte Finsternis zu seiner Hülle, ringsum. Die Leere besteht aus schlammigen Steinen, die im Abgrunde versenkt sind, aus denen das Wasser hervorkommt, denn es heißt: und er wird darüber ausspannen eine Schnur der Öde und Steine der Leere. –
8Ist denn das Licht am ersten Tage erschaffen worden, es heißt ja: und Gott setzte sie an die Veste des Himmels, und darauf folgt: und es wurde Abend und es wurde Morgen, der vierte Tag!? –
9Dies nach R. Elea͑zar, denn R. Elea͑zar sagte: Mit dem Lichte, das der Heilige, gepriesen sei er, am ersten Tage erschaffen hatte, konnte man von einem Ende der Welt bis zum anderen sehen; als aber der Heilige, gepriesen sei er, auf das Zeitalter der Sintflut und der Teilung schaute und ihre schlechten Taten sah, versteckte er es vor ihnen, denn es heißt: und den Frevlern wird ihr Licht entzogen. –
10Für wen verwahrte er es? – Für die Frommen in der zukünftigen Welt, denn es heißt: und Gott sah, daß das Licht gut war, und unter ‘gut’ ist der Fromme zu verstehen, denn es heißt: saget den Frommen, daß sie es gut haben.
11Als er nun das Licht betrachtete, das er für die Frommen verwahrte, freute er sich, denn es heißt: über das Licht der Frommen freut er sich.
12[Hierüber streiten] Tannaím: Mit dem Lichte, das der Heilige, gepriesen sei er, am ersten Tage erschaffen hatte, konnte man von einem Ende der Welt bis zum anderen sehen – so R. Ja͑qob; die Weisen sagen, dieses sei mit den Leuchten identisch; sie wurden am ersten Tage erschaffen, aber erst am vierten [an die Himmelsveste] gesetzt.
13R. Zuṭra b. Ṭobija sagte im Namen Rabhs: Durch zehn Dinge wurde die Welt geschaffen: durch Weisheit, durch Einsicht, durch Erkenntnis, durch Kraft, durch Anschreien, durch Stärke, durch Gerechtigkeit, durch Recht, durch Gnade und durch Barmherzigkeit.
14Durch Weisheit und Einsicht, denn es heißt: der Herr hat die Erde durch Weisheit gegründet, durch Einsicht die Himmel festgestellt. Durch Erkenntnis, denn es heißt: Durch Erkenntnis haben sich die Fluten gespalten. Durch Kraft und Stärke, denn es heißt: der durch seine Kraft die Berge feststellt, mit Stärke gegürtet ist. Durch Anschreien, denn es heißt: des Himmels Säulen werden ins Wanken gebracht und entsetzen sich vor seinem Schrei. Durch Gerechtigkeit und Recht, denn es heißt: Gerechtigkeit und Recht ist die Grundlage deines Thrones. Durch Gnade und Barmherzigkeit, denn es heißt: Gedenke deiner Barmherzigkeit, Herr, und deiner Gnade, denn von Ewigkeit her sind sie.
15Ferner sagte R. Jehuda im Namen Rabhs: Als der Heilige, gepriesen sei er, die Welt erschuf, erweiterte sie sich unaufhörlich, wie die zwei Knäuel des Webeaufzuges, bis der Heilige, gepriesen sei er, sie anschrie und sie zum Stehen brachte, denn es heißt: des Himmels Säulen werden ins Wanken gebracht und entsetzen sich vor seinem Schrei. Das ist es, was Reš Laqiš sagte: Ich bin Gott, der Allmächtige [Šaddaj], ich bin es, der der Welt zurief: Genug [daj]! Reš Laqiš sagte: Als der Heilige, gepriesen sei er, das Meer erschuf, erweiterte es sich unaufhörlich, bis der Heilige, gepriesen sei er, es anschrie, und es trocknete aus, denn es heißt: er schreit das Meer an und trocknet es aus, und alle Ströme läßt er versiegen.
16Die Rabbanan lehrten: Die Schule Šammajs sagt, der Himmel sei zuerst erschaffen worden, und nachher die Erde, denn es heißt: am Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde, und die Schule Hillels sagt, die Erde sei zuerst erschaffen worden und nachher der Himmel, denn es heißt: am Tage, als Gott der Herr Erde und Himmel erschuf.
17Die Schule Hillels sprach zu der Schule Šammajs: Nach eurer Ansicht baut jemand also zuerst den Söller und nachher das Erdgeschoß!? Es heißt nämlich: der im Himmel seinen Söller gebaut und sein Gewölbe auf die Erde gegründet hat. Darauf sprach die Schule Šammajs zu der Schule Hillels: Nach eurer Ansicht fertigt jemand also zuerst den Schemel und nachher den Stuhl!? Es heißt nämlich:so spricht der Herr: Der Himmel ist mein Stuhl und die Erde meiner Füße Schemel. Die Weisen sagen, beide seien zu gleicher Zeit erschaffen worden, denn es heißt: hat doch meine Hand die Erde gegründet, und meine Rechte den Himmel ausgespannt. Ich rufe ihnen zu: zusammen stehen sie da. –
18Und jene!? – Unter ‘zusammen’ ist zu verstehen, sie lösen sich nicht von einander. Die Schriftverse widersprechen ja einander!? Reš Laqiš erwiderte: Als sie erschaffen wurden, erschuf er zuerst den Himmel und nachher die Erde, als er sie ausspannte, spannte er zuerst die Erde aus und nachher den Himmel. –
19Was heißt Šamajim [Himmel]? R. Jose b. Ḥanina erwiderte: Dort ist Wasser [šam majim]. In einer Barajtha wird gelehrt: Feuer und Wasser [eš umajim]; dies lehrt, daß der Heilige, gepriesen sei er, sie verrührt und aus ihnen den Himmel gemacht hat.
20R. Jišma͑él fragte R. A͑qiba, als sie sich zusammen auf der Reise befanden: Du hast ja zweiundzwanzig Jahre famuliert bei Naḥum aus Gamzu, der [die Partikel] eth in der ganzen Tora deutete, was deutete er aus: den [eth] Himmel und die [eth] Erde? Dieser erwiderte: Würde es geheißen haben: Himmel und Erde, so könnte man glauben, dies sei der Name des Heiligen, gepriesen sei er, wenn es aber heißt: den [eth] Himmel und die [eth] Erde, so weiß man, daß šamajim wirklich der Himmel und ereç wirklich die Erde ist. –
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.