Chagiga — Blatt 12b

1Wozu heißt es: die [eth] Erde? – Daß nämlich der Himmel zuerst erschaffen wurde. Und die Erde war öde und leer. Merke, mit dem Himmel hat er ja zuerst begonnen, weshalb erzählt er zuerst von den Schöpfungen auf der Erde? – In der Schule R. Jišma͑éls wurde gelehrt: Ein Gleichnis. Einst sprach ein König aus Fleisch und Blut zu seinen Dienern: Findet euch morgen früh vor meiner Tür ein. Morgens machte er sich früh auf und fand Frauen und Männer vor. Wen belohnte er mehr? Den doch, der sonst nicht früh aufzustehen pflegt, und aufgestanden ist.

2Es wird gelehrt: R. Jose sagte: Wehe den Menschen, die sehen, jedoch nicht wissen, was sie sehen, die stehen, jedoch nicht wissen, worauf sie stehen. Worauf ruht die Erde? Auf Säulen, denn es heißt: der die Erde aufbeben macht von ihrer Stätte, daß ihre Säulen wanken. Die Säulen ruhen auf dem Wasser, denn es heißt: der die Erde auf dem Wasser ausbreitete. Das Wasser ruht auf den Bergen, denn es heißt: auf den Bergen stehen Gewässer. Die Berge ruhen auf dem Winde, denn es heißt: denn er hat die Berge gebildet und den Wind geschaffen. Der Wind ruht auf dem Sturme, denn es heißt: der Sturmwind richtet sein Gebot aus. Der Sturm hängt am Arme des Heiligen, gepriesen sei er, denn es heißt : unten sind die ewigen Arme.

3Die Weisen sagen, [die Welt] ruhe auf zwölf Säulen, denn es heißt: er setzte die Grenzen der Völker nach der Zahl [der Stämme] der Kinder Jisraél. Manche sagen, auf sieben Säulen, denn es heißt: sie hat ihre sieben Säulen ausgehauen. R. Elea͑zar b. Šamuá sagt, auf einer Säule, deren Namen ist ‘Gerechter’, denn es heißt: der Gerechte ist die Grundlage der Welt.

4R. Jeḥuda sagte: Es gibt zwei Himmel, denn es heißt: siehe, der Himmel und des Himmels Himmel ist des Herrn, deines Gottes.

5Reš Laqiš sagte: Es sind deren sieben, und zwar: Vorhang, Veste, Dunstwolke, Wohnung, Burg, Stätte und Gewölk. Vorhang hat gar keinen Dienst, vielmehr tritt er morgens an und tritt abends ab, und erneuert täglich das Schöpfungswerk, denn es heißt: er spannte den Himmel aus wie einen Flor und breitete ihn hin wie ein Zelt zum Wohnen. An der Veste befinden sich Sonne, Mond, Sterne und Sternbilder, denn es heißt: und Gott setzte sie an die Veste des Himmels. Auf Dunstwolke befinden sich Mahlsteine, die Manna für die Frommen mahlen, denn es heißt: und er gebot den Dunstwolken droben und öffnete die Türen des Himmels, und er ließ Manna auf sie regnen &c.

6Auf Wohnung sind Jerušalem, der Tempel und der Altar errichtet, und Mikhaél, der große Fürst, steht an diesem und bringt Opfer dar, denn es heißt: denn ich habe dir ein Haus zur Wohnung gebaut, eine Stätte zu deinem Wohnsitze für ewige Zeiten. – Woher, daß diese Himmel heißt? – Es heißt: blicke vom Himmel herab und schaue nieder aus deiner heiligen und herrlichen Wohnung.

7Auf Burg befinden sich Scharen von Dienstengeln, die nachts Loblieder singen und am Tage schweigen, zur Ehrung Jisraéls, denn es heißt: am Tage entbietet der Herr seine Gnade und des Nachts ist sein Lied bei mir.

8Reš Laqiš sagte: Wer sich nachts mit der Tora befaßt, dem entbietet der Herr seine Gnade, denn es heißt: am Tage entbietet der Herr seine Gnade; weshalb entbietet er am Tage seine Gnade? Weil: nachts ist sein Lied bei mir. Manche lesen: Reš Laqiš sagte: Wer sich auf dieser Welt mit der Tora befaßt, die der Nacht gleicht, dem entbietet der Herr seine Gnade in der zukünftigen Welt, die dem Tage gleicht, denn es heißt: am Tage entbietet der Herr seine Gnade und Nachts ist sein Lied bei mir.

9R. Levi sagte: Wer Worte der Tora unterbricht und sich mit Plauderei befaßt, den läßt man Ginsterkohlen essen, denn es heißt: die Melde am Gesträuch pflücken und deren Speise Ginsterwurzeln sind. Woher, daß [Burg] Himmel heißt? – Es heißt: blicke herab von deiner heiligen Burg, vom Himmel.

10Auf Stätte befinden sich die Vorräte des Schnees und des Hagels, die Söller der Taue und Wasserbehälter, die Kammer des Sturms und die Höhle des Rauches, deren Türen aus Feuer sind, denn es heißt: der Herr wird dir seine reiche Schatzkammer, den Himmel, öffnen. –

11Befinden sich diese denn auf dem Himmel, sie befinden sich ja auf der Erde, denn es heißt: rühmet den Herrn von der Erde her, ihr Seeungeheuer und all ihr Fluten. Feuer und Hagel, Schnee und Rauch, du Sturmwind, der sein Gebot ausrichtet!? R. Jehuda erwiderte im Namen Rabhs: David flehte für sie und brachte sie auf die Erde herab. Er sprach vor ihm: Herr der Welt, du bist nicht ein Gott, der an Frevel Wohlgefallen findet, das Böse darf bei dir nicht weiten; du, Herr, bist ein Gerechter, das Böse darf daher in deiner Wohnung nicht weilen. – Woher, daß [Stätte] Himmel heißt? – Es heißt: so wollest du hören im Himmel, der Stätte, da du thronest.

12Auf Gewölk befinden sich Gerechtigkeit, Recht und Heil, die Schätze des Lebens, die Schätze des Friedens und die Schätze des Segens, die Seelen der Gerechten, die Geister, die Seelen derer, die einst geboren werden, und der Tau, durch den der Heilige, gepriesen sei er, dereinst die Toten beleben wird. Gerechtigkeit und Recht, denn es heißt: Gerechtigkeit und Recht ist die Grundfeste deines Thrones. Heil, denn es heißt: und er legte Heil an, wie einen Panzer. Die Schätze des Lebens, denn es heißt: denn bei dir ist die Quelle des Lebens. Die Schätze des Friedens, denn es heißt: und er nannte ihn: der Herr ist Frieden. Die Schätze des Segens, denn es heißt: er wird Segen vom Herrn empfangen.

13Die Seelen der Gerechten, denn es heißt: so möge das Leben meines Herrn eingebunden sein in das Bündel des Lebens beim Herrn, deinem Gott. Die Geister und die Seelen derer, die einst geboren werden, denn es heißt: es soll von meinem Angesichte ein Geist wehen, und die Seelen habe ich geschaffen. Der Tau, durch den der Heilige, gepriesen sei er, dereinst die Toten beleben wird, denn es heißt: mit reichlichem Regen besprengst du, o Gott, dein Erbe, und was ermattet war, stelltest du her.

14Da befinden sich ferner die Ophanim, die Seraphim, die heiligen Tiere, die Dienstengel und der Thron der Herrlichkeit; und der lebende Gott, der hohe und erhabene König, thront über ihnen, denn es heißt: machet Bahn dem, der auf dem Gewölke einherfährt, Jah ist sein Name. – Woher, daß er Himmel heißt? – Dies ist aus [dem Worte] einherfährt zu folgern, denn hier heißt es: machet Bahn dem, der auf dem Gewölke einherfährt, und dortheißt es: der am Himmel einherfährt, sei deine Hilfe.

15Finsternis, Wolken und Nebel umgeben ihn, denn es heißt: er machte Finsternis zu seiner Hülle, umgab sich mit Wasserdunkel, dichten Wolken als einer Hütte. – Gibt es denn Finsternis vor ihm, es heißt ja: er enthüllt die tiefsten und verborgensten Geheimnisse, weiß, was in der Finsternis geschieht, und das Licht wohnt bei ihm!? – Das ist kein Einwand;

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.