Chagiga — Blatt 13b

1Die Tiere sprechen Feuer. In einer Barajtha wird erklärt: Zuweilen schweigen sie und zuweilen sprechen sie. Wenn nämlich das Wort aus dem Munde des Heiligen, gepriesen sei er, ausgeht, schweigen sie, wenn aber das Wort nicht aus dem Munde des Heiligen, gepriesen sei er, ausgeht, sprechen sie.

2Und die Tiere liefen hin und her, wie der Schein des Blitzes. Was heißt: hin und her? R. Jehuda erwiderte: Wie das Feuer aus einem Schmelzofen hervorlodert. – Was heißt: wie der Schein des Blitzes? R. Jose b. Ḥanina erwiderte: Wie das Feuer, das zwischen den Scherben hervorlodert.

3Ich sah, wie ein Sturmwind von Norden her kam und eine große Wolke und zusammengeballtes Feuer, rings um sie her waren Strahlen und aus ihm, dem Feuer, wie Ḥašmal. Wohin ging er? R. Jehuda erwiderte im Namen Rabhs: Er ging aus, die ganze Welt für den Frevler Nebukhadneçar zu erobern. – Weshalb dies? – Damit die weltlichen Völker nicht sagen, der Heilige, gepriesen sei er, habe seine Kinder in die Hand eines niedrigen Volkes ausgeliefert. Der Heilige, gepriesen sei er, sprach: Wer veranlaßte es, daß ich ein Diener der Götzenanbeter sein muß? Die Sünden Jisraéls haben es veranlaßt.

4Und weiter sah ich die Tiere, da stand ein Ophan auf der Erde bei den Tieren. R. Elea͑zar sagte: Es war ein Engel, der auf der Erde stand und dessen Kopf bis zu den Tieren reichte. In einer Barajtha wird gelehrt: Sein Name ist Sandalphon und er überragt seine Gefährten um eine Länge von fünfhundert Jahren; er steht hinter dem Throne und windet Kränze für seinen Schöpfer. – Dem ist ja aber nicht so, es heißt ja: gepriesen sei die Herrlichkeit des Herrn von ihrer Stelle aus; demnach gibt es niemand, der die Stelle kennt!? – Er spricht den Gottesnamen beim [Winden des] Kranzes, und dieser geht hin und setzt sich von selbst auf das Haupt [Gottes].

5Rabba sagte: Alles, was Jehezqel sah, sah auchJeša͑ja; Jeḥezqel aber glich einem Dörfling, der den König sieht, Ješa͑ja hingegen glich einem Großstädter, der den König sieht. Reš Laqiš sagte: Es heißt: Ich will dem Herrn ein Lied singen, denn hoch erhaben ist er. Ein Lobgesang dem, der über den Hohen erhaben ist. Der Meister sagte nämlich: Der Löwe ist König der wilden Tiere, der Stier ist König des Viehs, der Adler ist König der Vögel; höher als diese alle ist der Mensch, und am allerhöchsten, über der ganzen Welt, ist der Heilige, gepriesen sei er.

6Ein Vers lautet: ihre Gesichter zur Rechten wanden ein Menschengesicht und ein Löwengesicht allen vieren, und zur Linken ein Stiergesicht allen vieren &c. Ein anderer lautet: jedes hatte vier Gesichter; das Gesicht des einen war ein Kerubgesicht, das Gesicht des zweiten war ein Menschengesicht, das Gesicht des dritten war ein Löwengesicht und das Gesicht des vierten war ein Adlergesicht. Das Stiergesicht aber nennt er nicht!? Reš Laqiš erwiderte: Er flehte für ihn um Erbarmen und verwandelte es in ein Kerubgesicht. Er sprach: Herr der Welt, wie sollte der Ankläger Verteidiger sein!? –

7Was heißt Kerub? R. Abahu erwiderte: Kerabja [wie ein Kind]; in Babylonien nennt man nämlich einen Knaben Rabja. R.Papa sprach zu Abajje: Wieso heißt es demnach: das Gesicht des einen war ein Kerubgesicht, das Gesicht des zweiten war ein Menschengesicht, das Gesicht des dritten war ein Löwengesicht und das Gesicht des vierten war ein Adlergesicht, Kerub und Mensch sind ja dasselbe!? – Ein großes Gesicht und ein kleines Gesicht.

8Ein Vers lautet: Sechs Flügel, sechs Flügel einem jeden, und ein anderer lautet: jedes hatte vier Gesichter und jedes von ihnen hatte vier Flügel!? – Das ist kein Widerspruch; einer spricht von der Zeit, da der Tempel bestanden hat, und einer von der Zeit, da er nicht mehr besteht, wo die Flügel der Tiere, als wäre dies denkbar, vermindert worden sind. –

9Welche sind ihnen abgenommen worden? – R. Ḥananél sagte im Namen Rabhs, deren sie sich beim Lobsingen bedienten, denn hierheißt es: mit zweien flog er, und wiederholt riefen sie einander zu, und dort heißt es: sollen deine Augen auf ihn fliegen, und er ist nicht mehr da.

10Die Rabbanan sagten, mit denen sie die Beine bedeckten, denn es heißt: ihre Beine waren gerade, und wären diese ihnen nicht fortgenommen worden, so könnte er es ja nicht wissen. – Vielleicht hatten sie sie entblößt, und er sah sie!? Es heißt ja auch: ihre Gesichter &c. ein Menschengesicht, und sind ihnen etwa, wenn man nicht so erklären wollte, auch dieseabgenommen worden!? Vielmehr ist dies zu erklären, sie hatten es entblößt und er sah es, ebenso ist auch jenes zu erklären, sie hatten sie entblößt und er sah sie!? –

11Was soll dies: wohl ist es nicht unschicklich, das Gesicht in Gegenwart des Herrn zu entblößen, unschicklich aber ist es, in Gegenwart des Herrn die Füße zu entblößen.

12Ein Vers lautet: tausendmal Tausende bedienten ihn und Myriaden von Myriaden standen vor ihm, und ein anderer lautet: wer kann seine Scharen zählen!? – Das ist kein Widerspruch; einer spricht von der Zeit, da der Tempel bestanden hat, und einer von der Zeit, da er nicht mehr besteht, wo die Scharen droben, als wäre dies denkbar, vermindert worden sind.

13Es wird gelehrt: Rabbi sagte im Namen des Abba Jose b. Dosaj: Tausendmal Tausende bedienten ihn, dies ist die Zahl einer Schar, die Scharen sind aber unzählbar. R. Jirmeja b. Abba sagte: Tausendmal Tausende bedienten ihn, dies bezieht sich auf den Feuerstrom, denn es heißt: ein Feuerstrom zog sich hin vor ihm, tausendmal Tausende bedienten ihn und Myriaden von Myriaden standen vor ihm.

14Woher kommt er? – Vom Schweiße der [heiligen] Tiere. Wo ergießt er sich? R. Zuṭra b. Ṭobija erwiderte im Namen Rabhs: Auf das Haupt der Frevler im Fegefeuer, denn es heißt: schon bricht der Sturmwind des Herrn grimmig los und ein Wirbelsturm, auf das Haupt der Frevler wälzt er sich herab. R. Aḥa b. Ja͑qob erwiderte: Über die, die verdrängt worden sind, denn es heißt: die verdrängt wurden, ehe es Zeit war, und der Strom hat ihren Grund hinweggewaschen. Es wird gelehrt: R. Šimo͑n der Fromme sagte: Das sind die neunhundertundvierundsiebzig Generationen, die sich vorgedrängt hatten, um vor der Weltschöpfung

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.