Chagiga — Blatt 14a

1erschaffen zu werden, aber nicht erschaffen worden sind, und der Heilige, gepriesen sei er, verteilte sie auf die späteren Generationen: das sind die Frechlinge des Zeitalters.

2R. Naḥman b. Jiçḥaq erklärte: Die verdrängt wurden, zum Segen; das sind die Schriftgelehrten, die sich für die Worte der Tora auf dieser Welt zusammendrängen, wofür aber der Heilige, gepriesen sei er, ihnen in der zukünftigen Welt Geheimnisse offenbaren wird, denn es heißt: der Strom hat ihren Grund hinweggewaschen.

3Šemuél sprach zu R. Ḥija b. Rabh: Gelehrtensohn, komm, ich will dir etwas von den schönen Dingen sagen, die dein Vater gesagt hat. An jedem Tage werden Dienstengel aus dem Feuerstrome erschaffen, singen das Loblied und verschwinden, denn es heißt: jeden Morgen neu, groß ist deine Treue. Er streitet somit gegen R. Šemuél b. Naḥmani, denn R. Šemuél b. Naḥmani sagte im Namen R. Jonathans: Aus jedem Worte, das aus dem Munde des Heiligen, gepriesen sei er, hervorkommt, wird ein Engel erschaffen, denn es heißt: durch das Wort des Herrn wurde der Himmel erschaffen, und sein ganzes Heer durch den Hauch seines Mundes.

4Ein Vers lautet: sein Gewand war weiß wie Schnee und sein Haupthaar wie reine Wolle, und ein anderer lautet: seine Locken wellig, schwarz wie der Rabe!? – Das ist kein Widerspruch; das eine in der Sitzung und das eine im Kriege. Der Meister sagte nämlich: In der Sitzung hast du nichts Schöneres als einen Greis, im Kriege hast du nichts Schöneres als einen Jüngling.

5Ein Vers lautet: sein Thron bestand aus Feuer flammen, und ein anderer lautet: bis Thronsessel hingestellt wurden und ein hochbetagter sich niederließ!? – Das ist kein Widerspruch; einer für ihn und einer für David. Es wird nämlich gelehrt: Einer für ihn und einer für David – so R. A͑qiba. R. Jose der Galiläer sprach zu ihm: A͑qiba, wie lange noch wirst du die Göttlichkeit profanieren!? Vielmehr, einer für das Recht und einer für die Milde. –

6Hat er es anerkannt oder hat er es nicht anerkannt? – Komm und höre: Einer für das Recht und einer für die Milde – so R. A͑qiba. R. Elea͑zar b. A͑zarja sprach zu ihm: A͑qiba, was hast du mit der Agada zu tun, begib dich mit deinen Reden zu [den Lehren über Unreinheit durch] Aussatz und Bezeltung! Vielmehr, einer als Stuhl und einer als Schemel. Einer als Stuhl, zum Sitzen, und einer als Schemel, zum Auflegen der Füße, denn es heißt: der Himmel ist mein Stuhl und die Erde meiner Füße Schemel.

7Als R. Dimi kam, sagte er: Achtzehn Flüche sprach Ješa͑ja über Jisraél, und er beruhigte sich nicht eher, als bis er über sie noch folgenden Vers sprach: Der Knabe wird, gegen den Greis und der Geringe gegen den Vornehmen auffahren. –

8Welche sind die achtzehn Flüche? – Es heißt: Denn siehe, hinwegnehmen wird der Herr, der Herr der Heerscharen, jede Stütze und jede Stützung aus Jerušalem und Jehuda, jede Stütze an Brot und jede Stütze an Wasser; Helden und Kriegsleute; Richter und Propheten, Orakelkundigen und Vornehmen, Hauptmann über fünfzig und Hochangesehenen und Ratsherrn und Kunstverständigen und Zaubereikundigen. Und ich will ihnen Knaben zu Beamten geben und Mutwillige sollen über sie herrschen &c.

9Stütze, das sind die Schriftkundigen; Stützung, das sind die Mišnakundigen, wie zum Beispiel R. Jehuda b. Tema und seine Genossen. R. Papa und die Rabbanan streiten; einer sagt, sechshundert Mišnasektionen, und einer sagt, siebenhundert Mišnasektionen.

10Jede Stütze an Brot, das sind die Talmudkundigen, denn es heißt: kommt genießet von meinem Brote und trinket vom Weine, den ich gemischt habe. Jede Stütze an Wasser, das sind die Agadakundigen, die durch die Agada das Herz des Menschen wie Wasser heranziehen. Helden, das sind die Kundigen gehörter Lehren. Kriegsleute, das sind diejenigen, die im Kampfe der Tora zu disputieren verstehen. Richter, das sind Richter, die ein gerechtes Urteil der Wahrheit wegen fällen. Propheten, dem Wortlaute gemäß. Orakelkundiger, das ist der König, denn es heißt: Orakelspruch auf des Königs Lippen. Vornehmer, der für die Sitzung würdig ist.

11Hauptmann über fünfzig; man lese nicht ‘Hauptmann über fünfzig’, sondern ‘Hauptmann über das Fünfbuch’, die über die fünf Bücher des Fünfbuches zu disputieren verstehen. Eine andere Erklärung nach R. Abahu, denn R. Abahu sagte: Hieraus, daß man keinen Dolmetsch für die Gemeinde anstelle, der nicht mindestens fünfzig Jahre alt ist. Hochangesehener, um dessentwillen man die ganze Generation achtet, wie zum Beispiel R. Ḥanina b. Dosa droben, oder hienieden R. Abahu beim Kaiser.

12Ratsherrn, die die Jahre zu interkalieren und die Monate festzusetzen verstehen. Verständigen, Schüler, die den Verstand ihrer Lehrer schärfen. Kunstverständigen, wenn er eine Lehre vorträgt, sind alle stumm. Kündigen, der eine Sache aus einer anderen zu eruieren versteht. Zauberkundigen, dem man Worte der Tora anvertrauen kann, die im Stillen gegeben wurde.

13Ich will ihnen Knaben zu Beamten geben; was heißt dies? R. Elea͑zar erwiderte: Menschen, die von guten Werken leersind.

14Und Mutwillige sollen über sie herrschen. R. Papa b. Ja͑qob erklärte: Füchse, Abkömmlinge von Füchsen. Er beruhigte sich nicht eher, als bis er über sie noch sprach: Der Knabe wird gegen den Greis und der Geringe gegen den Vornehmen auffahren, Menschen, die von guten Werken leer sind, werden gegen Menschen auffahren, die wie ein Granatapfel mit guten Werken voll sind. Der Geringe gegen den Vornehmen, dem Wichtiges gering erscheint, wird gegen den auffahren, dem Geringes wichtig erscheint.

15R. Qaṭṭina sagte: Selbst als Jerušalem strauchelte, fehlten da keine Männer der Treue, denn es heißt: wenn einer seinen Bruder im väterlichen Hause faßt und spricht: Du hast noch ein Obergewand, du sollst unser Gebieter sein; du hast etwas, wegen dessen man sich wie in ein Gewand hüllt.

16Dieser Strauchelhaufe. Was heißt ‘Strauchelhaufe’? – Du hast etwas, das man ohne gestrauchelt zu sein, nicht erlangt. So wird er an jenem Tage also sprechen: Ich will nicht Bundesführer sein; ist doch in meinem Hause weder Brot noch Obergewand; ihr könnt mich nicht zum Gebieter des Volkes machen. Unter ‘sprechen’ ist ein Eid zu verstehen, denn es heißt: du sollst den Namen des Herrn nicht freventlich aussprechen. Ich will nicht Bundesführer sein; ich will nicht zu denen gehören, die an das Lehrhaus gebunden sind. Ist doch in meinem Hause weder Brot noch Obergewand; ich bin nicht in der Schrift, nicht in der Mišna und nicht im Talmud kundig. –

17Vielleicht nur deshalb, weil man ihn prüfen könnte, falls er gesagt hätte, er sei kundig!? – Er könnte erwidert haben, er sei [in der Lehre] kundig gewesen und habe sie vergessen; er brauchte nur zu erzählen, daß er überhaupt nicht zu denen gehört, die an das Lehrhaus gebunden sind. –

18Raba sagte ja aber, Jerušalem sei nur deshalb zerstört worden, weil keine Männer der Treue mehr waren, denn es heißt: durchstreift die Gassen Jerušalems, schauet und bringet in Erfahrung und forscht auf ihren Straßen, ob ihr jemand findet, ob da einer ist, der Recht übt, der sich um Treue müht, daß ich ihm verzeihe!? – Das ist kein Einwand;

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.