Chagiga — Blatt 15a
1daß er nämlich den Beischlaf wiederholt ohne [Entjungferungs]blutung ausüben könne, oder nicht, weil dies selten ist. Dieser erwiderte: Das, was Šemuél gesagt hat, ist selten, man nehme daher an, daß sie in einer Wanne konzipiert hat. –
2Aber Šemuél sagte ja, ein Samentropfen, der nicht wie ein Pfeil herausschießt, könne nicht befruchten!? – Auch in diesem Falle kann er vorher wie ein Pfeil herausgeschossen sein.
3Die Rabbanan lehrten: Einst stand R. Jehošua͑ b. Ḥananja auf einer Stufe des Tempelberges, und Ben Zoma sah ihn und stand vor ihm nicht auf. Da rief jener: Woher und wohin, Ben Zoma? Dieser erwiderte: Ich habe [den Raum] zwischen den oberen und den unteren Gewässern betrachtet; [der Abstand] zwischen diesen und jenen beträgt nur drei Finger, wie es heißt: der Geist Gottes schwebte über dem Wasser, wie eine Taube über ihren Jungen schwebt, ohne sie zu berühren. Da sprach R. Jehošua͑ zu seinen Schülern: Ben Zoma befindet sich noch außerhalb;
4[der Vers:] der Geist Gottes schwebte über dem Wasser, spricht ja vom ersten Tage, während die Scheidung erst am zweiten erfolgte, wie es heißt: sie soll zwischen Wasser und Wasser scheiden. – Wieviel [beträgt der Abstand]? R. Aḥa b. Ja͑qob sagte: Ein Haar breit: Die Rabbanan sagten: Wie bei den Brettern eines Steges. Mar Zuṭra, nach anderen R. Asi, sagte: Wie bei zwei übereinander ausgebreiteten Gewändern. Manche sagen: Wie bei zwei übereinander gestülpten Bechern.
5Aḥer haute junge Triebe nieder. Über ihn spricht die Schrift gestatte deinem Munde nicht, deinen Leib in Schuld zu bringen. – Wieso dies? – Er sah, daß man Metatron die Erlaubnis erteilte, sich niederzusetzen und die Verdienste Jisraéls anzuschreiben. Da sprach er: Es ist ja überliefert, daß es droben kein Sitzen, keinen Streit, keine Nackenseite und keine Ermüdung gebe; gibt es vielleicht, behüte und bewahre, zwei Gottheiten!?
6Hierauf holte man Metatron und versetzte ihm sechzig Feuerschläge, indem man zu ihm sprach: Weshalb bist du nicht aufgestanden, als du ihn bemerkt hattest? Alsdann erteilte man ihm die Erlaubnis, die Verdienste Aḥers zu streichen. Hierauf ertönte eine Hallstimme und sprach: Kehret um, ihr abtrünnigen Söhne, außer Aḥer.
7Da sprach er: Bin ich nun aus jener Welt verdrängt worden, so will ich von dieser Welt genießen. Und so artete er aus. Als er fortging, traf er eine Hure und forderte sie auf. Diese fragte ihn: Bist du nicht Eliša͑ b. Abuja? Als er aber darauf am Šabbath einen Rettich aus einem Beete riß und ihn ihr gab, sprach sie: Es ist ein anderer.
8Aḥer fragte nach seiner Ausartung R. Meír: Was bedeutet der Schriftvers: Diesen hat Gott neben jenem gemacht? Dieser erwiderte: Zu allem, was der Heilige, gepriesen sei er, erschaffen hat, machte er auch ein Gegenstück: er schuf Berge und schuf Hügel, er schuf Seen und schuf Flüsse.
9Da sprach jener: Dein Lehrer R. A͑qiba erklärte es anders: er schuf Fromme und schuf Gottlose, er schuf das Paradies und schuf das Fegefeuer. Jeder hat zwei Anteile, einen im Paradiese und einen im Fegefeuer; der Fromme, der sich verdient gemacht hat, erhält seinen Anteil und den Anteil seines Genossen im Paradiese; der Gottlose, der sich schuldig gemacht hat, erhält seinen Anteil und den Anteil seines Genossen im Fegefeuer.
10R. Mešaršeja sagte: Welche Schriftverse deuten hierauf? Von den Frommen heißt es: darum werden sie nun Zweifaches in ihrem Lande erhalten, und von den Gottlosen heißt es: und mit doppelter Zerschmetterung zerschmettere sie.
11Aḥer fragte nach seiner Ausartung R. Meír: Worauf deutet der Schriftvers: Gold und Kristall kommen ihr nicht gleich, noch tauscht man sie ein für güldenes Geschirr? Dieser erwiderte: Das sind die Worte der Tora, die schwer zu erwerben sind, wie Gold und güldenes Geschirr, und leicht zu verlieren sind, wie Kristallgeschirr. Da sprach jener: Dein Lehrer R. A͑qiba erklärte es anders : wie Gold- und Kristallgeschirr, wenn es zerbricht, hergestellt werden kann, ebenso gibt es für einen Schriftgelehrten, wenn er auch gesündigt hat, eine Gutmachung. Darauf sprach dieser: So tue auch du Buße! Jener erwiderte: Ich habe bereits hinter dem [himmlischen] Vorhange rufen gehört: Kehret zurück, ihr abtrünnigen Söhne, außer Aḥer.
12Die Rabbanan lehrten: Einst ritt Aḥer am Šabbath auf einem Pferde und R. Meír folgte ihm, um die Tora aus seinem Munde zu lernen. Da sprach jener: Meír, kehre um, denn ich merke an den Schritten meines Pferdes, daß bis hier das Šabbathgebiet reicht – Kehre auch du um. – Ich habe dir ja bereits gesagt, daß ich hinter dem Vorhange gehört habe: Kehret zurück, ihr abtrünnigen Söhne, außer Aḥer.
13Da faßte er ihn und brachte ihn ins Lehrhaus. Da sprach jener zu einem Knaben: Sage mir deinen Schriftvers. Dieser erwiderte: Keinen Frieden, spricht der Herr, gibt es für die Gottlosen. Hierauf führte er ihn in ein anderes Lehrhaus, wo er abermals einen Knaben nach seinem Schriftverse fragte, und dieser erwiderte: Ja, wolltest du dich auch mit Laugensalz waschen und viel Seife an dich verwenden, schmutzig bleibt doch deine Missetat vor mir. Darauf führte er ihn in ein anderes Lehrhaus, wo er wiederum
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.