Chagiga — Blatt 15b
1einen Knaben nach seinem Schriftverse fragte, und dieser erwiderte: Was willst du nun tun, du Zerstörter? Magst du dich auch in Scharlach Kleiden, magst du dich schmücken mit goldenem Schmucke, magst du deine Augen mit Bleiglanz schminken, umsonst machst du dich schön &c.
2Alsdann führte er ihn in ein anderes Lehrhaus, sodaß er ihn endlich in dreizehn Lehrhäuser führte, wo er immer Verse ähnlicher Art zur Antwort erhielt. Als er den letzten nach seinem Schriftverse fragte, erwiderte dieser: Zum Gottlosen aber spricht Gott: Was hast du meine Satzungen herzuzählen &c. Dieser stotterte, und so glaubte er, er habe gesagt: Zu Elišâ aber spricht Gott. Manche erzählen, er habe bei sich ein Messer gehabt, ihn geschlitzt, und ihn in die dreizehn Lehrhäuser geschickt, und manche erzählen, er habe nur gesagt, hätte er ein Messer in der Hand, würde er ihn aufgeschlitzt haben.
3Als die Seele Aḥers zur Ruhe einkehrte, sprachen sie: Weder wollen wir ihn bestrafen, noch komme er in die zukünftige Welt. Bestrafen wollen wir ihn nicht, da er sich mit der Tora befaßt hatte, und in die zukünftige Welt komme er ebenfalls nicht, da er gesündigt hat. Da sprach R. Meír: Lieber werde er bestraft und komme dann in die zukünftige Welt; sobald ich sterbe, lasse ich einen Rauch aus seinem Grabe aufsteigen. Nachdem die Seele R. Meírs zur Ruhe eingekehrt war, stieg ein Rauch aus dem Grabe Aḥers;
4da sprach R. Joḥanan: Es gehört eine Kraft dazu, seinen Lehrer zu verbrennen! Unter uns hatten wir einen und konnten ihn nicht retten; hätte ich ihn an der Hand gebracht, wer würde ihn mir abgenommen haben!? Darauf sprach er: Sobald ich sterbe, lasse ich den Rauch an seinem Grabe aufhören. Nachdem die Seele R. Joḥanans zur Ruhe eingekehrt war, hörte der Rauch am Grabe Aḥers auf. Da sprach ein Trauerredner über ihn: Selbst der Wächter an der Pforte konnte dir nicht entgegentreten, Meister!
5Einst trat die Tochter Aḥers vor Rabbi und sprach zu ihm: Meister, ernähre mich! Dieser fragte: Wessen Tochter bist du? Sie erwiderte: Die Tochter Aḥers. Da sprach er: Noch gibt es welche von seinen Nachkommen auf der Welt! Es heißt ja: nicht Sproß bleibt ihm noch Schoß in seinem Volke, und kein Entronnener ist in seiner Behausung. Hierauf rief sie: Denke doch seiner Tora und nicht seiner Taten! Da stieg sofort ein Feuer vom Himmel und erfaßte die Bank Rabbis. Da weinte Rabbi und sprach: Wenn so wegen derer, die sie verächtlich gemacht haben, um wieviel mehr wegen derer, die sie geachtet machen!
6Wieso durfte R. Meír aus dem Munde Aḥers die Tora lernen, Rabba b. Bar Ḥana sagte ja im Namen R.Joḥanans: Es heißt: denn eines Priesters Lippen sollen sich an die rechte Lehre halten, und Unterweisung suche man aus seinem Munde, denn er ist der Gesandte des Herrn der Heerscharen; wenn der Lehrer einem Gesandten des Herrn der Heerscharen gleicht, so suche man Unterweisung aus seinem Munde, wenn aber nicht, so suche man keine Unterweisung aus seinem Munde!?
7Reš Laqiš erwiderte: R. Meír fand einen Schriftvers, den er auslegte: Neige dein Ohr und höre die Worte der Weisen, und richte dein Herz auf meine Erkenntnis; es heißt also nicht: auf ihre Erkenntnis, sondern auf meine Erkenntnis.
8R. Ḥanina entnimmt dies hieraus: höre, Tochter, und sieh und neige dein Ohr und vergiß dein Volk und dein Vaterhaus &c. –
9Die Verse widersprechen ja einander!? – Das ist kein Widerspruch; einer spricht von einem Erwachsenen und einer spricht von einem Unerwachsenen.
10Als R. Dimi kam, erzählte er: Im Westen sagen sie, R. Meír habe die Dattel gegessen und den Stein fortgeworfen. Raba trug vor: Es heißt: zum Nußgarten war ich hinabgegangen, die frischen Triebe des Tales zu schauen &c. Weshalb werden die Schriftgelehrten mit einer Nuß verglichen? Dies besagt: wie bei einer Nuß, auch wenn sie mit Kot und Mist beschmutzt ist, der Kern dennoch nicht widerlich wird, ebenso wird die Tora des Schriftgelehrten nicht verächtlich, auch wenn er gesündigt hat.
11Rabba b. Šila traf Elijahu und fragte ihn: Was tut jetzt der Heilige, gepriesen sei er? Dieser erwiderte: Er trägt Lehren aus dem Munde aller Rabbanan vor, nicht aber aus dem Munde R. Meírs. Jener fragte: Weshalb? – Weil er Lehren aus dem Munde Aḥers gelernt hat. Jener entgegnete: Warum denn, R. Meír fand einen Granatapfel, aß die Frucht und warf die Steine fort!? Dieser erwiderte: Jetzt eben spricht er: Mein Sohn Meír sagte: Welche Wendung gebraucht die Göttlichkeit, wenn der Mensch Qual erleidet? Mein Kopf ist hin, mein Arm ist hin! Wenn nun der Heilige, gepriesen sei er, sich so schon wegen des Blutes der Gottlosen grämt, um wieviel mehr wegen des Blutes der Frommen, wenn es vergossen wird.
12Šemuél traf R. Jehuda auf den Türriegel gelehnt weinen. Da sprach er zu ihm: Scharfsinniger, weshalb weinst du? Dieser erwiderte: Ist denn geringfügig, was von den Schriftgelehrten geschrieben steht: wo ist der Zählende, wo ist der Wägende, wo ist, der die Türme abzählte? Wo ist der Zählende, die die Buchstaben der Tora zählten; wo ist der Wägende, die Leichtes und Schweres in der Tora wogen; wo ist, der die Türme abzählte; die dreihundert Halakhoth über einen in der Luft schwebenden Schrank lehrten.
13Von Doég und Aḥitophel sagte R. Ami, daß sie inbetreff eines in der Luft schwebenden Schrankes dreihundert Fragen stellten. Ferner haben wir gelernt: Drei Könige und vier Gemeine haben keinen Anteil an der zukünftigen Welt. Wie wird es nun uns ergehen!? Da sprach jener: Scharfsinniger, ein Wurm nagte in ihren Herzen. –
14Was tat Aḥer? – Griechische Lieder hörten aus seinem Munde nicht auf. Man erzählt von Aḥer, daß, als er im Lehrhause aufstand, zahlreiche minäische Bücher aus seinem Schoße fielen.
15Nimos der Weber fragte R. Meír: Kommt jede Wolle, die in den Kessel kommt, auch [gefärbt] heraus? Dieser erwiderte: Die vorher rein war, kommt heraus, die vorher nicht rein war, kommt nicht heraus.
16R. A͑qiba stieg in Frieden hinauf und kam in Frieden herunter. Über ihn spricht die Schrift: zieh mich dir nach, laß uns laufen. Auch R. A͑qiba wollten die Dienstengel zurückstoßen, da sprach der Heilige, gepriesen sei er, zu ihnen: Lasset diesen Greis, er ist würdig, sich meiner Ehre zu bedienen. –
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.