Chagiga — Blatt 3a

1so ist er dennoch zur Festfreude verpflichtet. Der aber weder hören noch sprechen kann, ein Blöder und ein Minderjähriger sind auch von der Festfreude frei, da sie von allen in der Tora genannten Geboten frei sind. – Weshalb sind sie vom Erscheinen frei und zur Festfreude verpflichtet? –

2Hinsichtlich des Erscheinens ist es durch [das Wort] erscheinen von der Versammlung zu entnehmen, denn es heißt : versammle das Volk, Männer, Frauen und Kinder, und [vorangehend] heißt es: wenn ganz Jisraél erscheint. –

3Woher dies von der Versammlung selbst? – Es heißt : damit sie es hören und damit sie es lernen, und hierzu wird gelehrt: damit sie es hören, ausgenommen, der sprechen und nicht hören kann; damit sie es lernen, ausgenommen, der hören und nicht sprechen kann. –

4Demnach kann, wer nicht sprechen kann, auch nicht lernen; einst waren ja aber in der Nachbarschaft Rabbis zwei Stumme, Tochterssöhne des R. Joḥanan b. Gudgada, und wie manche sagen, Schwesterssöhne R. Joḥanans, die, sobald Rabbi ins Lehrhaus kam, sich vor ihn setzten und mit den Köpfen nickten und die Lippen bewegten,

5und als Rabbi für sie um Erbarmen flehte und sie geheilt wurden, stellte es sich heraus, daß sie Halakha, Siphra, Siphre und den ganzen Talmud gelernt hatten!?

6Mar Zuṭra erwiderte: Lies: damit sie es lehren. R. Aši sagte: ohnehin leseman: damit sie es lehren. Wolltest du sagen, er folgere es aus [der Lesart]: damit sie es lernen, so könnte man es ja auch aus [den Worten]: damit sie es hören folgern, denn wer nicht spricht, lernt nicht, und wer nicht hört, lernt nicht;

7vielmehr folgert er aus [der Lesart]: damit sie es lehren.

8R. Tanḥum sagte: Wer auf einem Ohre taub ist, ist vom Erscheinen frei, denn es heißt: vor ihren Ohren. –

9Aber [die Worte]: vor ihren Ohren deuten ja darauf, daß es vor den Ohren von ganz Jisraél erfolgen muß!? – Dies ist aus [den Worten]: in Gegenwart ganz Jisraéls, zu entnehmen. – Aber wenn es nur hieße: in Gegenwart ganz Jisraéls, könnte man ja glauben, auch wenn sie es nicht hören, daher muß der Allbarmherzige auch schreiben: vor ihren Ohren!? –

10Dies geht hervor aus [den Worten] damit sie hören.

11R. Tanḥum sagte: Wer auf einem Fuße lahm ist, ist vom Erscheinen frei, denn es heißt: [drei]mal. –

12Dies ist ja dazu nötig, den Stelzbeinigen auszuschließen!? – Dies ist aus [dem Worte] Pea͑mim [Male] zu entnehmen. Es wird nämlich gelehrt: Pea͑mim, unter pea͑mim sind die Füße zu verstehen, denn es heißt: es zertritt sie der Fuß, Füße der Armen, die Tritte [paa͑me] der Geringen. Ferner heißt es: wie schön sind deine Füße [pea͑majikh] in den Schuhen, du Tochter des Edlen.

13Raba trug vor: Es heißt: Wie schön sind deine Füße in den Schuhen, du Tochter des Edlen; wie schön sind die Füße Jisraéls, wenn sie zur Wallfahrt ziehen. Du Tochter des Edlen, du Tochter unseres Vaters Abraham, der Edler genannt wird. Es heißt nämlich: die Edlen der Völker haben sich versammelt, ein Volk des Gottes Abrahams; des Gottes Abrahams und nicht des Gottes Jiçḥaqs und Ja͑qobs !? Vielmehr, des Gottes Abrahams, der der erste der Proselyten war.

14R. Kahana sagte: R.Nathan b. Minjomi trug im Namen R. Tanḥums vor: Es heißt: die Grube aber war leer, kein Wasser war darin; wenn es heißt, daß sie leer war, so weiß ich ja, daß kein Wasser darin war!? Vielmehr, kein Wasser war darin, wohl aber Schlangen und Eidechsen.

15Die Rabbanan lehrten: Einst gingen R. Joḥanan b. Beroqa und R. Elea͑zar Ḥisma R. Jehošua͑ in PeqiỈn ihre Aufwartung machen. Da fragte er sie: Was Neues gab es heute im Lehrhause? Sie erwiderten: Wir sind ja deine Schüler und trinken dein Wasser! Dieser entgegnete: Dennoch; es ist ja nicht möglich, daß es im Lehrhause nichts Neues geben sollte.

16Wessen Šabbath war es? – Der Šabbath des R. Elea͑zar b. A͑zarja. – Worüber hielt er den Vortrag? Sie erwiderten: Über den Abschnitt von der Versammlung. – Was trug er vor? –

17Versammle das Volk, Männer, Frauen und Kinder; die Männer kommen lernen, die Frauen kommen hören, wozu aber die Kinder? Um denen, die sie mitbringen, eine Belohnung zukommen zu lassen. Darauf sprach er zu ihnen: Ihr hattet eine kostbare Perle in der Hand, und die wolltet ihr mir verloren gehen lassen. –

18Ferner trug er vor: Du hast heute den Herrn verherrlicht, und der Herr hat dich heute verherrlicht.

19Der Heilige, gepriesen sei er, sprach zu Jisraél: Ihr habt mich zu einer Verherrlichung auf der Welt gemacht, auch ich will euch zu einer Verherrlichung auf der Welt machen. Ihr habt mich zu einer Verherrlichung auf der Welt gemacht, denn es heißt: höre Jisraél, der Herr ist unser Gott, der Herr ist einzig; auch ich will euch zu einer Verherrlichung auf der Welt machen; denn es heißt:

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.