Chagiga — Blatt 3b

1wer ist wie dein Volk Jisraél ein einziges Volk auf Erden.

2Hierauf begann auch er und trug vor: Die Worte der Weisen sind wie Stacheln, und wie eingepflanzte Nägel die Gesammelten; sie sind von einem Hirten gegeben. Weshalb werden die Worte der Tora mit einem Stachel verglichen? Wie der Stachel das Rind nach den Furchen lenkt, um Leben in die Welt zu bringen, ebenso lenken die Worte der Tora die sie Studierenden aus den Wegen des Todes in die Wege des Lebens. [Man könnte glauben,] wie der Stachel beweglich ist, ebenso seien auch die Worte der Tora beweglich, so heißt es: wie Nägel.

3[Man könnte glauben,] wie der Nagel mindert und nicht mehrt, ebenso mindern auch die Worte der Tora und mehren nicht, so heißt es: eingepflanzt, wie die Pflanze sich verbreitet und vermehrt, ebenso verbreiten und vermehren sich die Worte der Tora. Die Gesammelten, das sind die Schriftgelehrten, die in Versammlungen sitzen und sich mit der Tora befassen; die einen erklären als unrein und die anderen erklären als rein, die einen verbieten und die anderen erlauben, die einen erklären als unbrauchbar und die anderen erklären als brauchbar.

4Vielleicht sagt jemand: wie kann ich demnach das Gesetz studieren, so heißt es: sie sind von einem Hirten gegeben; ein Gott gab sie, ein Walter sagte sie, aus dem Munde des Herrn der ganzen Schöpfung, gepriesen sei er, denn es heißt: und Gott sprach all diese Worte.

5Und auch du mache dein Ohr wie einen Trichter und verschaffe dir ein verständiges Herz, um die Worte der als unrein Erklärenden und die Worte der als rein Erklärenden, die Worte der Verbietenden und die Worte der Erlaubenden, die Worte der als unbrauchbar Erklärenden und die Worte der als brauchbar Erklärenden zu verstehen. Er sprach dann zu ihnen folgende Worte: Nicht verwaist ist das Zeitalter, in dem R. Elea͑zar b. A͑zarja lebt. –

6Sollten sie es ihm gleich gesagt haben!? – Wegen jenes Ereignisses. Es wird gelehrt: Einst ging R. Jose b. Durmaskith R. Elie͑zer in Lud seine Aufwartung machen. Da fragte ihn dieser: Was Neues gab es heute im Lehrhause?

7Jener erwiderte: Man hat abgestimmt und beschlossen, daß in A͑mmon und Moáb im Siebentjahre der Armenzehnt zu entrichten sei.

8Darauf sprach dieser: Jose, breite deine Hände aus, und deine Augen mögen sich verdunkeln. Da breitete er seine Hände aus und seine Augen verdunkelten sich. Alsdann weinte R. Elie͑zer, indem er sprach: Das Geheimnis des Herrn kennen die, die ihn fürchten, und seine Ordnungen tut er ihnen kund.

9Darauf sprach er zu ihnen: Seid über eure Abstimmung beruhigt; es ist mir von meinem Lehrer R. Joḥanan b. Zakkaj überliefert, und er hörte es von seinem Lehrer, und sein Lehrer von seinem Lehrer, es sei eine Moše am Sinaj überlieferte Halakha, daß in A͑mmon und Moáb im Siebentjahre der Armenzehnt zu entrichten sei. – Aus welchem Grunde? – Viele Städte wurden von den Auszüglern aus Miçrajim erobert, nicht jedoch von den Auszüglern aus Babylonien,

10und da die erste Heiligkeit nur für die damalige Zeit galt und nicht für später, ließ man es dabei, damit die Armen sich im Siebentjahre darauf stützen.

11Es wird gelehrt: Nachdem er sich beruhigt hatte, sprach er: Mögen die Augen Joses wieder so werden, wie sie waren. Und sie wurden wie früher.

12Die Rabbanan lehrten: Wer heißt blöd? Der nachts allein ausgeht, der auf einem Begräbnisplatze übernachtet und der sein Gewand zerreißt. Es wurde gelehrt: R. Hona sagte, nur wenn er alles zusammen tut; R. Joḥanan sagte, auch wenn nur eines davon. –

13In welchem Falle: tut er es in blödsinniger Weise, so genügt ja auch eines, und tut er es nicht in blödsinniger Weise, so [beweist es ja] nichts, auch wenn er alles tut!? –

14Tatsächlich, wenn er es in blödsinniger Weise tut, nur kann er auf dem Begräbnisplatze übernachtet haben, damit ein unreiner Geist auf ihm ruhe, nachts allein ausgegangen sein, weil er von der Melancholie befallen wurde, und sein Gewand zerrissen haben, weil er in Gedanken war; wenn er aber alles zusammen tut, so verhält es sich bei ihm

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.