Chagiga — Blatt 5b

1gehört nicht zu ihnen. Die Jünger sprachen zu Raba: Dem Meister ist ja weder das Angesicht verborgen, noch wird er ausgeplündert! Dieser erwiderte: Wißt ihr denn, wieviel ich heimlich an den König Sapor sende!? Die Jünger hatten aber bereits ihr Auge auf ihn gerichtet, und währenddessen wurden Leute vom König Sapor gesandt, die ihn ausplünderten. Da sprach er: Das ist es, was gelehrt wird: R. Šimo͑n b.Gamliél sagte: Wo die Weisen ihre Augen richten, ist entweder Tod oder Armut.

2Ich aber werde [an jenem Tage] gänzlich mein Gesicht vor ihnen verbergen. Raba sagte: Der Heilige, gepriesen sei er, sprach: Wenn ich auch mein Gesicht vor ihnen verberge, so spreche ich dennoch mit ihnen im Traume. R. Joseph sagte: Seine Hand ist über uns ausgebreitet, denn es heißt: mit dem Schatten meiner Hand bedeckte ich dich.

3R. Jehošua͑ b. Ḥananja befand sich einst beim Kaiser, und ein Minäer winkte ihm zu: Ein Volk, von dem sein Herr das Gesicht abgewandt. Da winkte er diesem zu: Seine Hand ist über uns ausgebreitet. Darauf fragte der Kaiser R. Jehošua͑: Was winkte er dir zu? – Ein Volk, von dem sein Herr das Gesicht abgewandt hat, und ich winkte ihm zurück, seine Hand sei über uns ausgebreitet.

4Hierauf fragten sie jenen: Was winktest du ihm zu? – Ein Volk, von dem sein Herr das Gesicht abgewandt. – Und was winkte er dir zu? – Das weiß ich nicht. Da sprachen sie: Wie kann ein Mann, der nicht versteht, was man ihm zuwinkt, in Gegenwart des Kaisers winken!? Alsdann führten sie ihn ab und töteten ihn.

5Als die Seele des R. Jehošua͑ b. Ḥananja zur Ruhe einkehren sollte, sprachen die Rabbanan zu ihm: Wer wird uns nun gegen die Minäer [verteidigen]? Dieser erwiderte: Der Rat ist von den Verständigenfort, ihre Weisheit verlaufen; sobald Rat von den Verständigen fort ist, so ist auch die Weisheit der weltlichen Völker verlaufen.

6Wenn du willst, sage ich: hieraus: und er sprach: Laß uns aufbrechen und weiter ziehen; ich ziehe neben dir.

7Einst hörte R. Ila, als er die Treppe des Hauses des Rabba b. Šila bestieg, ein Kind folgenden Schriftvers lesen: Denn fürwahr, er ist es, der die Berge gebildet und den Wind geschaffen hat, der dem Menschen sagt, was er gesprochen hat. Da sprach er: Gibt es ein Mittel für den Sklaven, den sein Herr wegen jedes Gespräches zur Rede stellt!? – Was heißt: was er gesprochen hat? Rabh erwiderte: Selbst wegen eines unnötigen Gespräches, das ein Mann mit seiner Frau führt, stellt man ihn beim Sterben zur Rede. –

8Dem ist ja aber nicht so!? Einst legte sich R. Kahana unter das Bett Rabhs, und er hörte ihn plaudern und scherzen und das Nötige tun; da sprach er: Der Mund Rabhs scheint noch keine Speise gekostet zu haben! Jener sprach zu ihm: Kahana, geh hinaus, dies ist unschicklich! –

9Das ist kein Einwand; das eine, wenn man sie geneigt machen muß, und das eine, wenn man sie nicht geneigt zu machen braucht.

10Wenn ihr aber nicht darauf hört, so will ich im Verborgenen weinen, wegen des Stolzes. R. Šemuél b. Inja sagte im Namen Rabhs: Der Heilige, gepriesen sei er, hat einen Ort, der Verborgenes heißt. – Was heißt: wegen des Stolzes? R. Šemuél b. Jiçḥaq sagte: Wegen des Stolzes, der Jisraél abgenommen und den weltlichen Völkern gegeben worden ist. R. Šemuél b. Naḥmani sagte: Wegen des Stolzes der himmlischen Herrschaft. –

11Gibt es denn beim Heiligen, gepriesen sei er, ein Weinen, R. Papa sagte ja, vor dem Heiligen, gepriesen sei er, gebe es keine Traurigkeit, denn es heißt: Schönheit und Pracht vor ihm, Stärke und Frohlocken an seinem Wohnsitze!? – Das ist kein Einwand; eines gilt von den inneren Räumen und eines gilt von den äußeren Räumen. –

12In den äußeren etwa nicht, es heißt ja aber: und Gott, der Herr der Heerscharen, rief an jenem Tage zum Weinen und zum Klagen und zum Glatzescheren und zum Anlegen von Säcken!? – Anders war es bei der Zerstörung des Tempels, worüber sogar die Friedensengel weinten, wie es heißt: da jammerten draußen die Edlen, die Friedensengel weinten bitterlich.

13Und unaufhörlich (Tränen) tränen, ja, in Tränen zerfließen soll mein Auge, weil die Herde des Herrn gefangen wurde. R. Elea͑zar sagte: Worauf deuten diese drei ‘Tränen’? Einmal über die Zerstörung des ersten Tempels, einmal über die Zerstörung des zweiten Tempels und einmal über Jisraél, das aus seiner Stätte verbannt worden ist. Manche erklären: Einmal über die Aussetzung des Torastudiums. –

14Einleuchtend ist es nach demjenigen, welcher erklärt: über Jisraél, das aus seiner Stätte verbannt worden ist, denn es heißt: weil die Herde des Herrn gefangen wurde, wieso aber heißt es: weil die Herde des Herrn gefangen wurde, nach demjenigen, welcher erklärt: über die Aussetzung des Torastudiums!? – Ist Jisraél aus seiner Stätte verbannt, so gibt es ja keine größere Aussetzung des Torastudiums als dies.

15Die Rabbanan lehrten: Über drei weint der Heilige, gepriesen sei er, täglich: über einen, dem es möglich ist, sich mit der Tora zu befassen, es aber nicht tut, über einen, dem es nicht möglich ist, sich mit der Tora zu befassen, es aber dennoch tut, und über einen Gemeindevorsteher, der sich gegen die Gemeinde hochmütig gebart.

16Einst hielt Rabbi das Buch der Klagelieder und las daraus; als er herankam an den Vers: Vom Himmel warf er zur Erde, fiel es ihm aus der Hand, und er rief: Von einem so hohen Dache in eine so tiefe Grube !

17Rabbi und R. Ḥija befanden sich einst auf einer Wanderreise, und als sie in eine Stadt kamen, sprachen sie: Wohnt hier ein Gelehrter, so wollen wir ihn besuchen. Da berichtete man ihnen: Hier gibt es einen Gelehrten, und er ist blind. Darauf sprach R. Ḥija zu Rabbi: Bleibe du hier, du darfst deine Fürstenwürde nicht herabsetzen; ich werde ihn besuchen gehen.

18Dieser aber hielt ihn fest und ging mit. Als sie sich von jenem verabschiedeten, sprach er zu ihnen: Ihr habt einen besucht, der gesehen wird und nicht sieht, möge es euch beschieden sein, den zu besuchen, der sieht und nicht gesehen wird. Da sprach [Rabbi zu R. Ḥija]: Fast hättest du mir diesen Segen vorenthalten.

19Alsdann fragten sie ihn: Von wem hast du dies gehört? – Ich habe dies bei einem Vortrage des R. Ja͑qob gehört. R. Ja͑qob aus Kephar Ḥiṭja pflegte seinen Lehrer täglich zu besuchen. Als er alt wurde, sprach jener zu ihm: Möge sich der Meister nicht bemühen, da er es nicht kann!

20Dieser aber erwiderte: Nicht gering ist das, was von den Rabbanan geschrieben steht damit er immer fortlebe, die Grube wird er nicht sehen; er sieht, wie die Weisen sterben. Wenn nun derjenige, der die Weisen bei ihrem Sterben sieht, fortleben wird, um wieviel mehr derjenige, der sie bei ihrem Leben sieht.

21R. Idi, der Vater des R. Ja͑qob b. Idi, pflegte drei Monate auf der Reise zu verbringen und einen Tag im Lehrhause, und die Jünger nannten ihn ‘Eintagsschüler’. Darüber war er niedergeschlagen, und er las über sich: der Spott meiner Genossen muß ich sein. Da sprach R. Joḥanan zu ihm: Ich bitte dich, du sollst keine Strafe über die Jünger heraufbeschwören!

22Darauf ging R. Joḥanan ins Lehrhaus und trug vor: Tag für Tag forschen sie nach mir, und nach der Kenntnis meiner Wege verlangen sie. Forscht man denn nach ihm nur am Tage und nicht auch nachts? Vielmehr besagt dies, daß, wenn jemand sich auch nur einen Tag im Jahre mit der Tora befaßt, die Schrift es ihm anrechnet, als hätte er sich damit das ganze Jahr hindurch befaßt.

23Dasselbe gilt auch von der Strafe. Es heißt: entsprechend den Tagen, in denen ihr das Land ausgekundschaftet habt; haben sie denn vierzig Jahre gesündigt, sie haben ja nur vierzig Tage gesündigt!? Dies besagt vielmehr, daß, wenn jemand auch nur einen Tag im Jahre eine Sünde begeht, die Schrift es ihm anrechnet, als hätte er dies das ganze Jahr hindurch getan.

24WELCHES [KIND] HEISST [DIESBEZÜGLICH] MINDERJÄHRIG? DAS NICHT AUF SEINES VATERS SCHULTERN REITEND &C. R. Zera wandte ein:

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.