Chagiga — Blatt 9b

1sei ein Ersatz des ersten, wie ist es aber nach demjenigen zu erklären, welcher sagt, das zweite Pesaḥfest sei ein Fest für sich!?

2Vielmehr, erklärte R. Papa, R. Joḥanan ist der Ansicht, durch die Nacht fehlt nichts von der Frist. – Kann R. Joḥanan dies denn gesagt haben,

3R. Joḥanan sagte ja, wenn [der Flußbehaftete] einmal nachts und zweimal am Tage [Fluß] bemerkt, bringe er [ein besonderes Opfer] dar,

4wenn zweimal nachts und einmal am Tage, bringe er keines dar. Wenn du nun sagst, R. Joḥanan sei der Ansicht, durch die Nacht fehle nichts von der Frist, so sollte er [ein besonderes Opfer] darbringen, auch wenn er ihn zweimal nachts und einmal am Tage bemerkt hat!? –

5R. Joḥanan sagte dies nach der Ansicht desjenigen, welcher sagt, durch die Nacht fehle nichts von der Frist. – Nach dessen Ansicht ist es ja selbstverständlich!? – Nötig ist dies wegen des Falles, wenn er ihn zweimal am Tage und einmal nachts bemerkt hat;

6man könnte glauben, man entscheide nach dem Einwände R. Šišas, des Sohnes R. Idis, so lehrt er uns, daß man nach R. Joseph entscheide.

7IST DAS FEST VORÜBER, OHNE DASS ER ES DARGEBRACHT HAT, SO IST ER NIGHT ERSATZPFLICHTIG; HIERÜBER HEISST ES: Krummes kann nicht gerade werden, Fehlendes kann nicht mitgezählt werden.

8Bar He He sprach zu Hillel: Wieso ‘mitgezählt’, es sollte ja ‘nachgeholt’ heißen!? Dies spricht vielleicht von einem, den seine Genossen zu einer guten Handlung mitgezählt haben und er sich ausschließt.

9Ebenso wird auch gelehrt: Krummes kann nicht gerade werden, wenn einer das Šema͑lesen des Morgens oder das des Abends, oder das Morgengebet oder das Abendgebet ausgesetzt hat; Fehlendes kann nicht mitgezählt werden, wenn einen seine Genossen zu einer guten Handlung mitgezählt haben und er sich ausschließt.

10Bar He He sprach zu Hillel: Es heißt: ihr werdet wieder den Unterschied sehen zwischen dem Frommen und dem Gottlosen, zwischen dem, der Gott dient, und dem, der ihm nicht dient. Frommer ist ja dasselbe, was der, der Gott dient, und Gottloser ist ja dasselbe, was der, der ihm nicht dient!? Dieser erwiderte: Der ihm dient, und der ihm nicht dient, können beide fromm sein; wer nämlich seinen Abschnitt hundertmal wiederholt, ist nicht mit dem zu vergleichen, der seinen Abschnitt hundertundeinmal wiederholt.

11Jener sprach: Wegen des einen Mals sollte er heißen einer, der ihm nicht dient!? Dieser erwiderte: Geh und lerne dies in der Straße der Eseltreiber; zehn Parasangen um einen Zuz, elf Parasangen um zwei Zuz.

12Elijahu sprach zu Bar He He, und wie manche sagen, zu R. Elea͑zar: Es heißt: siehe, ich habe dich geschmolzen, aber nicht wie Silber, ich habe dich geprüft im Schmelzofen des Elends; dies lehrt, daß der Heilige, gepriesen sei er, unter allen guten Eigenschaften herumsuchte, um sie Jisraél zu geben, doch fand er [für sie] nichts weiter als die Armut. Šemuél, nach anderen R. Joseph, sagte: Das ist es, was die Leute sagen: Armut ziemt den Juden wie ein roter Gurt einem weißen Pferde.

13R. ŠIMO͑N B. MENASJA SAGTE: WAS HEISST KRUMMES, DAS NICHT GERADE WERDEN KANN? WENN JEMAND EINEN INZESTUÖSEN BEISCHLAF AUSGEÜBT UND EIN HURENKIND GEZEUGT HAT &C. Nur, wenn er gezeugt hat, nicht aber, wenn er nicht gezeugt hat,

14dagegen wird ja aber gelehrt: R.Šimo͑n b. Menasja sagte: Hat jemand gestohlen, so kann er das Gestohlene zurückgeben und es gut machen, hat jemand geraubt, so kann er das Geraubte zurückgeben und es gutmachen, wenn jemand aber einer verheirateten Frau beigewohnt und sie dadurch ihrem Manne verboten gemacht hat, so wird er aus der Welt verdrängt und geht zugrunde.

15R. Šimo͑n b. Joḥaj sagte: Man sagt nicht: Untersucht das Kamel, untersucht das Schwein, sondern: Untersucht das Lamm. Auch hier ist der Fall zu verstehen, wenn ein Schriftgelehrter sich von der Tora abwendet.

16R. Jehuda b. Laqiš sagte: Über einen Schriftgelehrten, der sich von der Tora abwendet, spricht die Schrift: wie ein Vogel, der von seinem Neste geflohen ist, also ein Mann, der flüchtig wird aus seiner Heimat. Ferner heißt es: was haben eure Väter Unrechtes an mir gefunden, daß sie sich von mir entfernt haben!? –

17Das ist kein Widerspruch; eines gilt von einer ledigen Schwester, und eines gilt von einer verheirateten Frau. Wenn du willst, sage ich: beides von einer verheirateten Frau, dennoch besteht hier kein Widerspruch;

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.