Chullin — Blatt 128b

1Gilt die [eine Hälfte] als Stiel für die andere? – Dies bleibt unentschieden.

2R. Papa sagte: Sie sagten, wenn ein Zweig von einem Feigenbaume abgeplatzt ist und durch die Rinde anhaftet, sei er nach R. Jehuda rein, und wie die Weisen sagen, wenn er weiter leben kann, rein, wenn aber nicht, unrein.

3Folgendes aber fragte R. Papa: Gilt er als Stiel für einen anderen? – Dies bleibt unentschieden.

4R. Zera sagte: Sie sagten, wenn man einen Eckstein herausreißt, reiße man ihn vollständig heraus, und wenn man [das Haus] zertrümmert, zertrümmere man nur die Seite des [aussätzigen] und lasse die des anderen.

5Folgendes aber fragte R. Zera: Gilt die eine Seite als Stiel der anderen? – Dies bleibt unentschieden.

6IST DAS VIEH VERENDET. Welchen Unterschied gibt es zwischen einem Gliede von Lebendem und einem Gliede von Aas? –

7Ein Unterschied besteht zwischen ihnen hinsichtlich des vom Gliede abgesonderten Fleisches; das von einem Gliede von Lebendem abgesonderte Fleisch ist nicht verunreinigend, und das von einem Gliede von Aas abgesonderte ist verunreinigend. –

8Welcher Schriftvers deutet darauf, daß ein Glied von Lebendem verunreinigend ist? R. Jehuda erwiderte im Namen Rabhs: [Es heißt:] und wenn von dem Vieh verendet. –

9Dies ist ja aber wegen einer anderen Lehre R. Jehudas im Namen Rabhs nötig!? R. Jehuda sagte nämlich im Namen Rabhs, und nach anderen wurde es in einer Barajtha gelehrt: Und wenn von dem Vieh verendet, manches [verendete] Vieh ist verunreinigend und manches ist nicht verunreinigend, nämlich das totverletzt Geschlachtete. –

10Der Allbarmherzige könnte ja geschrieben haben: vom Vieh, wenn es aber von dem Vieh heißt, so ist beides zu entnehmen. –

11Demnach sollte dies auch vom Fleische gelten!? – Dies ist nicht einleuchtend, denn es wird gelehrt: Man könnte glauben, das von Lebendem abgesonderte Fleisch sei verunreinigend, so heißt es: und wenn von dem Vieh verendet; wie beim Verendeten kein Ersatz nachwächst, ebenso alles andere, wofür kein Ersatz nachwächst – so R. Jose.

12R. A͑qiba sagte: Vieh, wie das Vieh Sehnen und Knochen hat, ebenso alles andere, was Sehnen und Knochen hat. Rabbi sagte: Vieh, wie das Vieh Fleisch, Sehnen und Knochen hat, ebenso alles andere, was Fleisch, Sehnen und Knochen hat. –

13Welchen Unterschied gibt es zwischen Rabbi und R. A͑qiba? – Ein Unterschied besteht zwischen ihnen hinsichtlich des Schienbeines. –

14Welchen Unterschied gibt es zwischen R. A͑qiba und R. Jose dem Galiläer? R. Papa erwiderte: Ein Unterschied besteht zwischen ihnen hinsichtlich der Niere und der Lippe.

15Desgleichen wird auch von den Kriechtieren gelehrt: Man könnte glauben, das von Kriechtieren abgesonderte Fleisch sei verunreinigend, so heißt es: wenn sie tot sind; wie beim Toten kein Ersatz nachwächst, ebenso alles andere, wofür kein Ersatz nachwächst – so R. Jose der Galiläer.

16R. A͑qiba sagte: Kriechtier, wie das Kriechtier Sehnen und Knochen hat, ebenso alles andere, was Sehnen und Knochen hat. Rabbi sagte: Kriechtier, wie das Kriechtier Fleisch, Sehnen und Knochen hat, ebenso alles andere, was Fleisch, Sehnen und Knochen hat.

17Zwischen Rabbi und R. A͑qiba besteht ein Unterschied hinsichtlich des Schienbeines, welchen Unterschied gibt es zwischen R. A͑qiba und R. Jose dem Galiläer? R. Papa erwiderte: Ein Unterschied besteht zwischen ihnen hinsichtlich der Niere und der Lippe.

18Und beides ist nötig. Würde es nur vom Vieh gelehrt worden sein, [so könnte man glauben, das Fleisch] von einem lebenden sei deshalb nicht verunreinigend, weil dieses nicht in Linsengröße verunreinigend ist, beim Kriechtiere aber, das in Linsengröße verunreinigend ist, sei es auch von einem lebenden verunreinigend.

19Und würde es nur vom Kriechtiere gelehrt worden sein, [so könnte man glauben,] da es durch Tragen nicht verunreinigend ist, so ist auch [das Fleisch] von einem lebenden nicht verunreinigend, beim Vieh aber, das durch Tragen verunreinigend ist, sei es auch von einem lebenden verunreinigend. Daher ist beides nötig.

20Die Rabbanan lehrten: Hat man ein olivengroßes Stück Fleisch von einem Gliede von einem lebenden [Vieh] abgeschnitten, so ist es, wenn man es abgeschnitten und nachher hinsichtlich dessen beabsichtigt hat, rein,

21und wenn beabsichtigt und nachher abgeschnitten, unrein.

22R. Asi fehlte im Lehrhause, und als er R. Zera traf, fragte er ihn, was im Lehrhaus vorgetragen worden sei. Dieser erwiderte: Was ist dir schwierig? – Er lehrt, wenn man hinsichtlich dessen beabsichtigt und es nachher abgeschnitten hat, sei es unrein:

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.