Chullin — Blatt 142a

1so genügt es ja, wenn man dasteht und sagt: diese oder jene [Taube] will ich holen!? – Es war eine neue Brut, die noch nicht in den Besitz des Levi b. Simon gekommen war, und er sprach zu ihm wie folgt: Geh, klopfe auf das Nest, damit sie auffliegen und in den Besitz des Levi b. Simon kommen, sodann kann er sie dir durch Mantelgriff zueignen.

2MAN DARF NICHT DIE MUTTER MIT DEN JUNGEN NEHMEN, SELBST ZUR REINIGUNG EINES AUSSÄTZIGEN. WENN DIE TORA VON EINEM LEICHTEN GEBOTE IM WERTE EINES ASSARS SAGT: damit es dir wohl gehe und du lange lebst, UM WIEVIEL MEHR GILT DIES VON DEN STRENGEN GEBOTEN DER TORA.

3GEMARA. Es wird gelehrt, R. Ja͑qob sagte: Du hast kein Gebot in der Tora, bei dem daneben eine Belohnung angegeben ist, von dem nicht die Auferstehung der Toten zu entnehmen wäre. Bei der Ehrung von Vater und Mutter heißt es: damit du lange lebst und damit es dir wohl gehe. Beim Fliegenlassen des Nest[vogels] heißt es: damit es dir wohl gehe und du lange lebst.

4Wo ist, wenn zu einem sein Vater gesagt hat, daß er auf eine Burg steige und ihm junge Tauben hole, und er hinaufstieg, die Mutter fliegen ließ und die Jungen holte, und auf der Rückkehr abstürzt und stirbt, das lange Leben von diesem und das Wohlergehen von diesem!? Vielmehr [ist zu erklären:] damit du lange lebst, in der Welt, die ganz Ewigkeit ist, und damit es dir wohl gehe, in der Welt, die ganz Wohlergehen ist. –

5Vielleicht kommt so etwas nicht vor!? – R. Ja͑qob sah einen solchen Fall. – Vielleicht hatte jener sündhafte Gedanken!? – Die böse Absicht rechnet der Heilige, gepriesen sei er, nicht zur Tat. –

6Vielleicht hatte er Götzendienst im Sinne!? Es heißt nämlich: um dem Hause Jisraél ans Herz zu ergreifen, und R. Aḥa b. Ja͑qob erklärte: dies sei die Absicht des Götzendienstes. –

7Er meint es wie folgt: wenn man sagen wollte, die Belohnung für die Gebote erfolge auf dieser Welt, so sollte sie doch die Wirkung haben, ihn zu beschützen, daß er nicht auf [sündhafte] Gedanken und dadurch zu Schaden komme. Vielmehr erfolgt die Belohnung für die Gebote nicht auf dieser Welt. – R. Elea͑zar sagte ja, Boten einer gottgefälligen Handlung kommen nicht zu Schaden!? – Anders ist es auf dem Rückwege. –

8R. Elea͑zar sagte ja aber, Boten einer gottgefälligen Handlung kommen weder auf dem Hinwege noch auf dem Rückwege zu Schaden!? – Es war eine schadhafte Leiter, und wo ein Schaden zu gewärtigen ist, ist es anders. So heißt es: da sprach Šemuél: Wie kann ich hingehen, wenn Šaúl es hört, tötet er mich.

9R. Joseph sagte: Hätte Aher diesen Schriftvers so ausgelegt, wie R. Ja͑qob, der Sohn seiner Tochter, so würde er nicht der Sünde verfallen sein. – Was hatte er gesehen? – Manche sagen, er hatte einen solchen Fall gesehen, und manche sagen, er hatte die Zunge des Dolmetschers R. Ḥuçpilh auf einem Misthaufen liegen sehen. Er sprach dann: Ein Mund, der Perlen hervorbrachte, muß nun Staub lecken! Er kannte aber nicht [die Auslegung:] damit es dir wohl gehe, in der Welt, die ganz Wohlergehen ist, und damit du lange lebst, in der Welt, die ganz Ewigkeit ist.

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.