Chullin — Blatt 4b

1erlaubt, weil sie umtauschen.

2Sie glaubten, hier sei die Ansicht R. Jehudas vertreten, welcher sagt, das Gesäuerte nach dem Pesaḥfeste sei nach der Tora verboten, und er lehrt: weil sie umtauschen. Demnach lassen sie nicht das Erlaubte und essen das Verbotene.

3Wieso denn, vielleicht ist hier die Ansicht R. Šimo͑ns vertreten, welcher sagt, [das Verbot] des Gesäuerten nach dem Pesaḥfeste sei rabbanitisch, und wir erleichtern nur bei einem rabbanitischen Gesetze, nicht aber bei einem der Tora!? –

4Angenommen, es sei die des R. Šimo͑n, aber er lehrt ja nicht, man nehme an, sie tauschen um, sondern: weil sie umtauschen, sie tauschen entschieden um. Wenn er nun bei einem rabbanitischen Gesetze nicht das Erlaubte läßt und das Verbotene ißt, um wieviel weniger tut er es bei einem der Gesetzlehre.

5Ihm wäre eine Stütze zu erbringen: Jeder darf schlachten, auch ein Samaritaner, auch ein Unbeschnittener und auch ein abtrünniger Jisraélit. Was für ein Unbeschnittener, wollte man sagen, dessen Brüder infolge der Beschneidung gestorben sind, so ist er ja ein richtiger Jisraélit, doch wohl ein Abtrünniger inbetreff der Beschneidung; er ist demnach der Ansicht, wer inbetreff einer Sache abtrünnig ist, sei nicht abtrünnig inbetreff der ganzen Tora.

6Wie ist nun der Schlußsatz zu erklären: selbst ein abtrünniger Jisraélit; was für ein Abtrünniger, wenn ein Abtrünniger inbetreff einer anderen Sache, so ist es ja dasselbe, was ein Abtrünniger inbetreff der Beschneidung, doch wohl ein Abtrünniger inbetreff dieser Sache, nach Raba. –

7Nein, tatsächlich, kann ich dir erwidern, gilt dies nicht von einem Abtrünnigen inbetreff dieser Sache, denn da er daran gewöhnt ist, kommt es ihm als erlaubt vor, und hier ist ein Abtrünniger inbetreff des Götzendienstes zu verstehen. Dies nach R. A͑nan, denn R. A͑nan sagte im Namen Šemuéls, man dürfe essen von der Schlachtung eines Jisraéliten, der abtrünnig ist inbetreff des Götzendienstes.

8Der Text. R. A͑nan sagte im Namen Šemuéls: Von der Schlachtung eines Jisraéliten, der abtrünnig ist inbetreff des Götzendienstes, darf man essen. So finden wir auch, daß Jehošaphaṭ, König von Jehuda, vom Gastmahle Aḥabs genoß, wie es heißt: da schlachtete Aḥáb ihm und den Leuten, die er bei sich hatte, eine Menge Schafe und Rinder und verleitete ihn, mit nach Ramoth-Gilea͑d zu ziehen. –

9Vielleicht schlachtete er nur für ihn, ohne daß dieser davon aß!? – Es heißt: verleitete ihn. – Vielleicht inbezug auf Worte!? – Es gibt keine Verleitung inbezug auf Worte. –

10Etwa nicht, es heißt ja: wenn dein Bruder dich verleitet!? – Zum Essen und Trinken. – Es heißt ja: du hast mich verleitet, ihn ohne Grund zu verderben!? – Anders ist es oben. –

11Vielleicht trank er nur und aß nicht!? – Vom Trinken gilt dies wohl deshalb, weil wir sagen, der Abtrünnige inbetreff des Götzendienstes gelte nicht als abtrünnig inbetreff der ganzen Tora, somit gilt auch hinsichtlich des Essens der Abtrünnige inbetreff des Götzendienstes nicht als abtrünnig inbetreff der ganzen Tora. –

12Es ist ja nicht gleich; beim Trinken ist ja nur der gewöhnliche Wein zu berücksichtigen, und damals war der gewöhnliche Wein von Nichtjuden noch nicht verboten, hinsichtlich des Essens aber sage man, der Abtrünnige inbetreff des Götzendienstes gelte als abtrünnig inbetreff der ganzen Tora!? –

13Wenn du willst, sage ich, es sei nicht die Art eines Königs zu trinken ohne zu essen, und wenn du willst, sage ich: er schlachtete und er verleitete ihn, er verleitete ihn inbetreff des Geschlachteten. –

14Vielleicht hatte O͑badja geschlachtet!? – Es heißt eine Menge, und O͑badja [allein] würde dies nicht vermocht haben. –

15Vielleicht haben jene siebentausend geschlachtet, von denen es heißt: doch will ich in Jisraél siebentausend übrig lassen, all die Knie, die sich nicht vor dem Baa͑l gebeugt haben &c.!? – Diese hatten sich vor Izebel versteckt. –

16Vielleicht waren die Leute Aḥábs unverdorben!? – Dies ist nicht einleuchtend, denn es heißt: alle Diener des auf Lügenworte hörenden Herrschers sind gottlos.

17Vielleicht waren auch die Leute Jehošaphaṭs verdorben und aßen von dem, was die Leute Aḥábs schlachteten, während Jehošaphaṭ nur von dem aß, was O͑badja schlachtete!? –

18Dies ist nicht einleuchtend; wenn die Diener des auf Lügenworte hörenden Herrschers gottlos sind, so sind die des auf Worte der Wahrheit hörenden rechtschaffen. –

19Vielleicht aßen Aḥáb und seine Leute von dem, was die Leute Aḥábs schlachteten, während Jehošaphaṭ und seine Leute von dem aßen, was die Leute Jehošaphaṭs schlachteten!?

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.