Chullin — Blatt 5a

1Er sonderte sich von ihm nicht ab. – Woher dies, wollte man sagen, weil es heißt: ich wie du, mein Volk wie dein Volk, so heißt es ja auch: meine Rosse wie deine Rosse; du mußt also erklären: was mit deinen Rossen geschieht, geschehe auch mit meinen Rossen, ebenso ist zu erklären: was mit dir und deinem Volke geschieht, geschehe auch mit mir und meinem Volke!? –

2Vielmehr, aus folgendem: der König von Jisraél und Jehošaphaṭ, der König von Jehuda, saß jeder auf seinem Throne, mit Kleidern gekleidet, an einer Tenne am Eingange des Tores von Šomron. Was ist nun unter Tenne zu verstehen, wenn eine wirkliche Tenne, so war ja das Tor von Šomron keine Tenne; vielmehr wie bei jener Tenne. Es wird nämlich gelehrt: Das Synedrium saß in der Form einer halbrunden Tenne, damit sie einander sehen können.

3Ihm wäre eine Stütze zu erbringen. Und die Raben brachten ihm Brot und Fleisch morgens und Brot und Fleisch abends, und hierzu sagte R. Jehuda im Namen Rabhs: von den Schlächtern Aḥábs. – Anders ist es, wenn es auf Geheiß erfolgt. –

4Wer waren die Raben? Rabina erklärte: Wirkliche Raben. R. Ada b. Minjomi sprach zu ihm: Vielleicht zwei Männer, die Rabe hießen!? So heißt es auch: und sie töteten Rabe am Rabenfelse und Wolf &c. Dieser erwiderte: Sollte es sich ereignet haben, daß beide Rabe hießen!? –

5Vielleicht [hießen sie so] nach ihrer Ortschaft!? So heißt es auch: die Aramäer gingen auf Streifzüge aus und nahmen ein kleines Mädchen aus dem Lande Jisraél gefangen; und auf unsre Frage, wieso er es Kleines und Mädchen nennt, erwiderte R. Pedath, sie war aus der Ortschaft Naa͑ran [Mädchen]!? – Demnach müßten sie ja Rabener heißen.

6Ihm wäre eine Stütze zu erbringen: Jeder darf schlachten, auch ein Samaritaner, auch ein Unbeschnittener und auch ein abtrünniger Jisraélit. Was für ein Unbeschnittener, wollte man sagen, dessen Brüder infolge der Beschneidung gestorben sind, so ist er ja ein richtiger Jisraélit; doch wohl ein Abtrünniger inbetreff der Beschneidung.

7Wie ist nun der Schlußsatz zu erklären: auch ein abtrünniger Jisraélit; was für ein Abtrünniger, wenn ein Abtrünniger inbetreff so ist es ja dasselbe, was ein Abtrünniger inbetreff der Beschneidung, doch wohl ein Abtrünniger inbetreff des Götzendienstes, nach R. A͑nan. –

8Nein, tatsächlich, kann ich dir erwidern, gilt dies nicht von einem Abtrünnigen inbetreff des Götzendienstes, denn der Meister sagte, der Götzendienst sei so streng, daß, wenn jemand ihn verleugnet, es ebenso sei, als würde er der ganzen Tora beipflichten,

9und hier ist ein Abtrünniger inbetreff dieser Sache zu verstehen, nach Raba.

10Man wandte ein: Von euch, nicht von euch allen, ausgenommen der Abtrünnige; von euch, bei euch habe ich diesen Unterschied gemacht, nicht aber bei den [übrigen] Völkern; vom Vieh, dies schließt Menschen ein, die dem Vieh gleichen. Hieraus folgerten sie, daß man Opfer von jisraélitischen Frevlern annehme, damit sie dadurch zur Buße veranlaßt werden; ausgenommen der Abtrünnige, wer Wein libiert, und wer öffentlich den Šabbath entweiht.

11Dies widerspricht sich ja: zuerst heißt es: von euch, nicht alle, dies schließt den Abtrünnigen aus, und nachher heißt es, daß man von jisraélitischen Frevlern Opfer annehme.

12Jedoch ist dies kein Widerspruch; der Anfangsatz spricht von einem Abtrünnigen inbetreff der ganzen Tora und der Mittelsatz von einem Abtrünnigen inbetreff einer Sache.

13Wie ist nun der Schlußsatz zu erklären: ausgenommen der Abtrünnige, wer Wein libiert und wer öffentlich den Šabbath entweiht. Was für ein Abtrünniger: wenn ein Abtrünniger inbetreff der ganzen Tora, so ist dies ja identisch mit dem Anfangsatz, und wenn ein Abtrünniger inbetreff einer Sache, so widerspricht dies ja dem Mittelsatze.

14Wahrscheinlich ist dies wie folgt zu verstehen: ausgenommen der Abtrünnige, der Wein libiert und der öffentlich den Šabbath entweiht. Hieraus, daß der Abtrünnige inbetreff des Götzendienstes als abtrünnig inbetreff der ganzen Tora gelte!? Dies ist eine Widerlegung R. A͑nans. Eine Widerlegung.

15Ist dies denn hieraus zu entnehmen, dies wird ja aus folgendem entnommen!?

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.