Chullin — Blatt 70b

1WENN DIE GEBURT IM LEIBE DES VIEHS VERENDET IST UND DER HIRT DIE HAND HINEINGESTECKT UND SIE BERÜHRT HAT, SO IST ER, EINERLEI OB ES EIN UNREINES ODER EIN REINES VIEH IST, REIN. R. JOSE DER GALILÄER SAGT, BEI EINEM UNREINEN SEI ER UNREIN UND BEI EINEM REINEN REIN.

2GEMARA. Was ist der Grund des ersten Autors? R. Ḥisda erwiderte: Es ist [durch einen Schluß] vom Schwereren auf das Leichtere zu folgern: wenn die Mutter es bewirkt, [die Geburt] zum Essen erlaubt zu machen, wie sollte sie nicht bewirken, sie von der Unreinheit des Aases zu entheben!?

3Wir wissen dies von einem reinen Vieh, woher dies von einem unreinen? — Die Schrift sagt: und wenn eines vom Vieh verendet, das ist das unreine Vieh, das euch zur Nahrung dient, das ist das reine Vieh; das unreine Vieh wird mit dem reinen verglichen: wie die Geburt eines reinen rein ist, ebenso ist die Geburt eines unreinen rein.

4Was ist der Grund R. Jose des Galiläers? R. Jiçḥaq erwiderte: Die Schrift sagt: und alles, was auf seinen Tatzen geht, in allem Getier, das geht &c., was auf den Tatzen geht im Getier, habe ich dir als unrein erklärt.

5Demnach sollte doch der Einhufer im Leibe einer Kuh unrein sein, denn er ist ja ein auf den Tatzen gehendes im Getier!? — Dies gilt nur von einem auf den Tatzen gehenden im auf vier [Klauen] gehenden, während dieser ein auf vier gehendes im auf acht gehenden ist.

6Demnach sollte doch eine Kuh im Leibe eines Kamels nicht unrein sein, denn sie ist ein auf acht gehendes im auf vier gehenden!? — [Es heißt:] geht, alles, was geht, dies schließt eine Kuh im Leibe eines Kamels ein.

7Ein Einhufer im Leibe eines Einhufers sollte ja unrein sein, denn er ist ein auf vier gehendes in einem auf vier gehenden!? — Dafür ist ja [der Schluß] R. Ḥisdas vom Schwereren auf das Leichtere vorhanden.

8R. Aḥadboj b. Ami wandte ein: Demnach sollte ja ein Schwein im Leibe einer Sau nicht unrein sein, denn es ist ja ein auf acht gehendes in einem auf acht gehenden!?

9Vielmehr, erklärte R. Naḥman b. Jiçḥaq, ist dies hieraus zu entnehmen: Wenn jemand irgend etwas Unreines anrührt, ein Aas von einem unreinen Wilde, ein Aas von einem unreinen Vieh oder ein Aas von einem unreinen Kriechtiere;

10ist denn nur das Aas eines unreinen Viehs unrein und das Aas eines reinen nicht unrein? Vielmehr gilt dies von der Geburt; im unreinen ist sie unrein und im reinen ist sie rein.

11Wozu ist nun, wenn dies aus dem Schriftverse des R. Naḥman b. Jiçḥaq entnommen wird, der des R. Jiçḥaq nötig!? — Wäre der des R. Jiçḥaq nicht vorhanden, so könnte man glauben, jener deute vollständig auf die Lehre Rabbis, so lehrt er uns.

12Es wird gelehrt: R. Jonathan sagte: Ich sprach zu Ben A͑zaj: Wir lernen, daß das Aas eines reinen Viehs unrein ist, daß das Aas eines unreinen Viehs unrein ist und daß das Aas eines unreinen Wildes unrein ist,

13nicht aber lernen wir dies vom Aas eines reinen Wildes; woher dies? Er sprach zu mir: Und alles, was auf seinen Tatzen geht in allem Getiere, das geht.

14Ich sprach dann zu ihm: Es heißt ja nicht: alles Getier, sondern: in allem Getiere, und dies deutet auf das, was auf seinen Tatzen geht im Getiere. Er sprach zu mir: Was sagt Jišma͑él in dieser Sache?

15Ich sprach zu ihm: Wenn eines vom Vieh verendet, das ist das unreine Vieh; das euch zur Nahrung dient, das ist das reine Vieh; wir lernen, daß das Wild im Vieh und das Vieh im Wild einbegriffen ist:

16das reine Wild im reinen Vieh, das unreine Wild im unreinen Vieh,

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.