Chullin — Blatt 7b
1er fraß sie auch nicht, nachdem man sie gesiebt hatte, und er fraß sie auch nicht, nachdem man sie gereinigt hatte. Da sprach er zu ihnen: Vielleicht ist sie nicht verzehntet? Hierauf verzehntete man sie, und er fraß sie. Da sprach er: Das arme [Vieh] geht den Willen seines Schöpfers vollbringen, und ihr verabreicht ihm Unverzehntetes! –
2War sie denn zehntpflichtig, wir haben ja gelernt, wenn man [Getreide] zur Aussaat oder für ein Vieh, Mehl zum [Gerben von] Häuten oder Öl zur Beleuchtung oder zum Schmieren von Geräten kauft, unterliege es nicht dem [Gesetze vom] Demaj!? –
3Hierzu wurde ja gelehrt: R. Joḥanan sagte: Dies lehrten sie nur von dem Falle, wenn man es von vornherein für ein Vieh gekauft hat, wenn man es aber von vornherein für Menschen gekauft hat, sich aber überlegt und es für das Vieh verwendet, so ist es zehntpflichtig. Ferner wird auch gelehrt: Wenn jemand auf dem Markte Früchte zum Essen gekauft hat, und sich überlegt, sie für das Vieh zu verwenden, so darf er sie seinem Vieh oder dem Vieh eines anderen erst dann geben, wenn er sie verzehntet hat.
4Als Rabbi davon hörte, kam er ihm entgegen und sprach zu ihm: Beliebe doch, bei mir zu speisen! Jener erwiderte: Jawohl. Da erhellte sich das Gesicht Rabbis.
5Hierauf sprach jener: Du glaubtest wohl, ich hätte gelobt, von Jisraél nichts zu genießen? Die Jisraéliten sind heilig; mancher willund hat nicht, mancher hat und will nicht. Es heißt: Iß nicht das Brot des Mißgünstigen, und gelüste nicht nach seinen Leckereien; denn wie einer, der um das Leben rechnet, so ist er; iß, trink, spricht er zu dir, sein Herz ist aber nicht mit dir. Du aber willst und hast auch.
6Doch muß ich jetzt eilen, da ich mich mit einer gottgefälligen Handlung befasse; wenn ich zurückkomme, kehre ich bei dir ein.
7Als er zurückkam, gelangte er zu einer Tür, an der weiße Maultiere standen; da sprach er: Der Todesengel weilt in seinem Hause, und ich sollte bei ihm speisen!?
8Als Rabbi dies hörte, ging er ihm entgegen und sprach zu ihm: Soll ich sie verkaufen? Dieser erwiderte: Leg keinen Anstoß vor einem Blinden, –
9Soll ich sie preisgeben? – So richtest du einen noch größeren Schaden an. – Soll ich sie enthufen? – Dies ist eine Tierquälerei. – Soll ich sie töten? – Es [heißt:] du sollst nicht zerstören.
10Als er in ihn sehr drang, erhob sich zwischen ihnen ein Berg. Da weinte Rabbi und sprach: Wenn dies bei ihren Lebzeiten, um wieviel mehr nach ihrem Tode. R. Ḥanina sagte nämlich: Bedeutender sind die Frommen nach ihrem Tode als bei ihren Lebzeiten, denn es heißt: Als sie nun einen Mann begraben wollten, erblickten sie plötzlich eine Streifschar; da warfen sie den Mann in Eliša͑s Gruft. Als aber der Mann die Gebeine Eliša͑s berührte, ward er wieder lebendig und stellte sich auf seine Füße.
11R. Papa sprach zu Abajje: Vielleicht deshalb, damit an ihm der Segen Elijahus in Erfüllung gehe, denn es heißt: möchte mir denn ein doppelter Anteil an deinem Geiste zuteil werden!? Dieser erwiderte: Wäre dem so, welche Bedeutung hätte demnach die Lehre, daß er sich zwar auf seine Füße gestellt hatte, jedoch nicht heimgekehrt sei!? –
12Wieso ist dies demnach in Erfüllung gegangen? – Nach einer Erklärung R. Joḥanans: er heilte Naa͑man vom Aussatze, der dem Tode gleicht, wie es heißt: laß sie nicht werden wie ein Toter.
13R. Jehošua͑ b. Levi sagte: Sie heißen deshalb Jemim, weil die Angst [ema] vor ihnen auf den Menschen lastet. So sagte R. Ḥanina: Nie in meinem Leben befragte mich jemand über eine Verwundung durch ein weißes Maultier, und blieb leben. – Wir sehen ja aber, daß manche leben bleiben!? – Lies: und genesen ist. – Wir sehen ja aber, daß manche genesen!? – Wir sprechen von solchen, deren Fußenden weiß sind.
14Es gibt keinen außer ihm. R. Ḥanina sagte: Selbst die Zauberei. Einst bemühte sich ein Weib, Erde unter den Füßen R. Ḥaninas aufzunehmen. Da sprach er zu ihr: Nimm nur, deine Absicht gelingt dir doch nicht; es heißt: es gibt keinen außer ihm. – R. Joḥanan sagte ja aber, sie heißen deshalb Zauberer, weil sie dem Kollegium droben trotzen!? – Anders verhielt es sich bei R. Ḥanina, dessen Verdienste groß waren.
15Ferner sagte R. Ḥanina: Niemand verletzt sich den Finger hienieden, ohne daß dies droben verhängt worden ist, denn es heißt: vom Herrn werden die Schritte des Menschen gerichtet. Wie kann ein Mensch seinen Weg verstehen. R. Elea͑zar sagte: Das Blut einer Verletzung sühnt ebenso wie das Blut eines Brandopfers. Raba sagte: Dies gilt vom Daumen der rechten [Hand] und der zweiten Verletzung, und auch nur dann, wenn es beim Gehen zu einer gottgefälligen Handlung erfolgt ist.
16Man erzählt von R. Pinḥas b. Jaír, daß er in seinem Leben nie den Segen über ein fremdes Stück Brot sprach, und daß er seit dem Tage seiner Selbständigkeit nichts von der Tafel seines Vaters genoß.
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.