Chullin — Blatt 86b
1so verbinde man die Minderheit mit dem bisherigen Zustande, und die Mehrheit ist suspekt.
2Sollte man denn, weil sie gesagt haben, bei einem Zweifel der Unreinheit gelte es als rein, auch sagen, bei einem Zweifel des Verbotes sei zu erlauben!?
3Rabbi traf eine Entscheidung nach R. Meír und traf eine Entscheidung nach den Weisen. Welche von ihnen später?
4Komm und höre: R. Abba, Sohn des R. Ḥija b. Abba, und R. Zera standen auf dem Marktplatze von Cäsarea an der Tür des Lehrhauses, und als R. Ami herauskam und sie da traf, sprach er zu ihnen: Sagte ich euch etwa nicht, daß ihr während der Vorlesung nicht draußen stehen sollt, denn es konnte jemand etwas wissen wollen und dadurch eine Störung entstehen!?
5Hierauf ging R. Zera hinein und R. Abba ging nicht hinein. Sie saßen und warfen die Frage auf: welche von ihnen später? Da sprach R. Zera zu ihnen: Ihr habt mich nicht den Alten fragen lassen; er hat es vielleicht von seinem Vater und sein Vater von R. Joḥanan gehört. R. Ḥija b. Abba pflegte nämlich alle dreißig Tage sein Studium vor R. Joḥanan zu repetieren.
6Wie bleibt es damit? – Komm und höre: R. Elea͑zar ließ der Diaspora mitteilen, Rabbi habe eine Entscheidung nach R. Meír getroffen, und da er auch nach den Rabbanan entschied, so ist wohl zu verstehen, er habe sie später getroffen. Schließe hieraus.
7HAT MAN HUNDERT STÜCK WILD AN EINER STELLE GESCHLACHTET, SO GENÜGT EIN EINZIGES BEDECKEN FÜR ALLE; WENN HUNDERT STÜCK GEFLÜGEL AN EINER STELLE, SO GENÜGT EIN EINZIGES BEDECKEN FÜR ALLE; WENN WILD UND GEFLÜGEL AN EINER STELLE, SO GENÜGT EIN EINZIGES BEDECKEN FÜR ALLE. R. JEHUDA SAGT, HAT MAN WILD GESCHLACHTET, SO BEDECKE MAN [DAS BLUT], UND NACHHER SCHLACHTE MAN DAS GEFLÜGEL.
8GEMARA. Die Rabbanan lehrten: Unter Wild ist alles zu verstehen, ob viel oder wenig; unter Geflügel ist alles zu verstehen, ob viel oder wenig. Hieraus folgerten sie, daß, wenn man hundert Stück Wild an einer Stelle geschlachtet hat, für alle ein einziges Bedecken genüge, wenn hundert Stück Geflügel an einer Stelle, für alle ein einziges Bedecken genüge, wenn Wild und Geflügel an einer Stelle, für alle ein einziges Bedecken genüge.
9R. Jehuda sagt, hat man Wild geschlachtet, so bedecke man [das Blut], und nachher schlachte man das Geflügel, denn es heißt: Wild oder Geflügel.
10Sie entgegneten ihm: Es heißt auch: denn es ist das Leben alles Fleisches, sein Blut ist mit dem Leben verbunden. – Was entgegneten sie ihm damit!? – Die Rabbanan sprachen zu ihm wie folgt: Das oder ist ja zur Teilung nötig!?
11[Da erwiderte] R. Jehuda, die Teilung sei aus [dem Worte] sein Blut zu entnehmen. [Hierauf entgegneten] die Rabbanan, unter sein Blut sei auch die Mehrzahl zu verstehen, wie es heißt: denn es ist das Leben alles Fleisches, sein Blut ist mit dem Leben verbunden.
12R. Ḥanina sagte: R. Jehuda pflichtet jedoch hinsichtlich des Segensspruches bei, daß man nämlich nur einen Segensspruch spreche. Rabina sprach zu R. Aḥa, dem Sohne Rabas, und wie manche sagen, R. Aḥa, der Sohn Rabas, zu R. Aši: Womit ist es hierbei anders als in dem Falle von den Schülern Rabhs!?
13Einst saßen nämlich R. Beruna und R. Ḥananél, die Schüler Rabhs, bei der Mahlzeit, und R. Jeba der Greis stand neben ihnen. Da sprachen sie zu ihm: Reiche zum Segensspruche. Hierauf sprachen sie zu ihm: Reiche zum Trinken. Da sprach R. Jeba der Greis zu ihnen: Sobald man sich zum Tischsegen angeschickt hat, darf man keinen Wein mehr trinken. Ebenso sollte man auch hierbei, wenn man zum Bedecken verpflichtet ist, zum Segen verpflichtet sein!?
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.