Eruvin — Blatt 19a
1und zu Weinbergspflanzungen.
2Ferner sagte R.Jirmeja b.Elea͑zar: Komm und sieh, wie die Handlungsweise des [Menschen aus] Fleisch und Blut nicht der Handlungsweise des Heiligen, gepriesen sei er, gleicht. Die Handlungsweise eines [Menschen aus] Fleisch und Blut: wenn ein Mensch bei der Regierung der Hinrichtung schuldig ist, so legt man ihm einen Knebel in den Mund, damit er dem König nicht fluche.
3Die Handlungsweise des Heiligen, gepriesen sei er: wenn ein Mensch bei Gott der Hinrichtung schuldig ist, schweigt er, denn es heißt: dir gegenüber ist das Schweigen Lob. Und noch mehr, er preist sogar, denn es heißt: Lob. Und noch mehr, es kommt ihm auch vor, als bringe er ein Opfer dar, denn es heißt: und dir bezahle man Gelübde.
4Das ist es, was R.Jehošua͑ b.Levi sagte:Es heißt: die vorübergehen das Tal des Weinens, machen es zum Quellorte; ja, der Frühregen bedeckt es mit Segen.
5Die vorübergehen, das sind die Leute, die den Willen des Heiligen, gepriesen sei er, übertreten. Tal, denen man das Fegefeuer tieft. Des Weinens, die da weinen und Tränen vergießen, gleich dem Quell der Abflußkanäle. Ja, der Frühregen bedeckt es mit Segen, sie erkennen das Urteil an und sprechen vor ihm: Herr der Welt, recht hast du geurteilt; recht hast du freigesprochen, und recht hast du verurteilt, und recht hast du das Fegefeuer für die Frevler und das Paradies für die Frommen hergerichtet. –
6Dem ist ja aber nicht so, R.Šimo͑n b. Laqiš sagt ja, daß die Frevler sogar an der Tür des Fegefeuers keine Buße tun, denn es heißt: sie werden hinausgehen und die Leichname der Männer ansehen, die gegen mich freveln &c., es heißt nicht gefrevelt haben, sondern: freveln, die ewig fortgesetzt freveln!? –
7Das ist kein Widerspruch; eines gilt von den Frevlern Jisraéls, und eines gilt von den Frevlern der weltlichen Völker. –
8Dies ist auch einleuchtend, denn sonst würde sich ja Reš Laqiš mit sich selbst in einem Widerspruche befinden. Reš Laqiš sagte nämlich: Das Feuer des Fegefeuers hat keine Gewalt über die Frevler Jisraéls, und dies ist [durch einen Schluß] vom Leichteren auf das Schwerere, vom goldenen Altar, zu entnehmen:
9wenn der goldene Altar, der nur [mit Gold] in der Dicke eines Golddenars überzogen war, so viele Jahre bestanden hat, ohne daß das Feuer über ihn Gewalt hatte, um wieviel weniger hat es Gewalt über die Frevler Jisraéls, die voll sind mit guten Handlungen, wie der Granatapfel [mit Körnern], Es heißt nämlich: wie eine Granatapfelscheibe ist deine Schläfe, und hierzu sagte R.Šimo͑n b.Laqiš, man lese nicht raqatekh [deine Schläfe], sondern reqanekha [deine Leeren], selbst die Leeren unter dir sind wie ein Granatapfel mit guten Handlungen voll.
10Es heißt ja aber: die vorüberziehen am Tale des Weinens!? – Dies bezieht sich auf diejenigen, die eine Zeit lang im Fegefeuer verbringen müssen. Alsdann kommt unser Vater Abraham und holt sie heraus und nimmt sie auf, ausgenommen einen Jisraéliten, der einer Nichtjüdin beigewohnt hat, dessen Vorhaut [über die Eichel] gezogen ist, den er nicht erkennt.
11R.Kahana wandte ein: Du sagst also, die freveln, die fortgesetzt freveln; es heißt ja auch: der herausführt, der heraufbringt, ist dies etwa zu verstehen: der fortgesetzt heraufbringt oder herausführt!? Vielmehr ist zu verstehen: der heraufgebracht hat, der herausgeführt hat, ebenso auch hierbei: die gefrevelt haben.
12Ferner sagte R.Jirmeja b.Elea͑zar: Das Fegefeuer hat drei Türen: eine in der Wüste, eine im Meere und eine in Jerusalem. In der Wüste, denn es heißt: so fuhren sie mit allem, was ihnen gehörte, lebendig hinab in die Unterwelt.
13Im Meere, denn es heißt: aus dem Schoße des Abgrundes schrie ich um Hilfe, und du hörtest mein Rufen.
14In Jerušalem, denn es heißt: Sprach des Herrn, der sein Feuer in Çijon und seinen Ofen in Jerušalem hat, und hierzu lehrten sie in der Schule R.Jišma͑éls: der sein Feuer in Çijon hat, das ist das Fegefeuer, seinen Ofen in Jerušalem, das ist die Tür des Fegefeuers. –
15Gibt es denn keine anderen mehr, R.Marjon sagte ja im Namen des R.Jehošua͑ b. Levi, und wie manche sagen, lehrte es Rabba b. Marjon im Namen der Schule des R.Joḥanan b. Zakkaj, daß zwei Dattelpalmen im Tale Ben-Hinnom vorhanden seien, zwischen denen ein Rauch aufsteigt, daß diese es seien, von denen gelehrt wird, die Steinpalmen des Eisenberges seien tauglich, und daß da sich die Tür des Fegefeuers befinde!? – Vielleicht ist sie dieselbe, die sich in Jerušalem befindet.
16R.Jehošua͑ b. Levi sagte: Das Fegefeuer hat sieben Namen, und zwar: Abgrund, Verderben, Brunnen der Vernichtung, Grube des Untergangs, Kotiger Schlamm, Umnachtung und Unterwelt.
17Abgrund, denn es heißt: aus dem Schoße des Abgrundes schrie ich um Hilfe, und du hörtest mein Rufen. Verderben, denn es heißt: wird denn deine Gnade im Grabe verkündigt, deine Treue im Verderben? Brunnen der Vernichtung, denn es heißt: du aber lässest meine Seele nicht dem Abgründe, gibst deinen Frommen nicht der Grube der Vernichtung. Grube des Untergangs und Kotiger Schlamm, denn es heißt: er zog mich heraus aus der Grube des Untergangs, aus dem kotigen Schlamme. Umnachtung, denn es heißt: die in Finsternis und Umnachtung sassen. [Der Name] Unterwelt ist eine Überlieferung. –
18Gibt es denn keine anderen mehr, es heißt ja auch Gehinnom!? – [Dies bedeutet:] Ge, das tief ist wie das Tal [ge], Hinnom, in das jeder hinabfährt wegen des Unentgeltlichen [ḥinam]. –
19Es heißt ja auch Brandstätte, denn es heißt: seit gestern ist eine Brandstätte her gerichtet!? – Dies bedeutet: da fällt hinein, wer sich durch seinen Trieb verleiten läßt.
20Vom Edengarten sagte Reš Laqiš: Befindet er sich im Jisraélland, so ist Beth-Šean dessen Tür; befindet er sich in Arabien, so ist Beth-Gerem dessen Tür; und befindet er sich zwischen den Flüssen, so ist Dumasqanin dessen Tür. In Babylonien pries Abajje die Früchte von E͑ber-Jammina; Raba pries die Früchte von Harpanja.
21ZWISCHEN IHNEN [EIN FREIER RAUM] FÜR ZWEI &C. Wenn er lehrt, daß sie aneinander gebunden sein müssen, so sind sie ja selbstverständlich nicht lose!? –
22Man könnte glauben, aneinander gebunden heiße: als wären sie aneinander gebunden, so heißt es: und nicht lose.
23WÄHREND DAS EINE HINEINGEHT, MUSS DAS ANDERE HERAUSKOMMEN KÖNNEN. Es wird gelehrt: Während ein Gespann hineingeht, muß das andere Gespann herauskommen können. Die Rabbanan lehrten: Wieviel beträgt der Kopf und der größere Teil einer Kuh? Zwei Ellen. Wieviel beträgt die Breite einer Kuh? Eine und zwei drittel Elle.
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.