Eruvin — Blatt 21b
1den Frühfeigen gleich, der andere Korb aber enthielt sehr schlechte Feigen, die vor Schlechtigkeit nicht zu genießen waren.
2Die guten Feigen, das sind die vollkommenen Frommen, die schlechten Feigen, das sind die vollkommenen Frevler. Vielleicht glaubst du, ihre Hoffnung sei verloren, ihre Aussicht geschwunden, so heißt es: die Liebesäpfel verbreiten Duft; diese und jene werden dereinst Duft verbreiten.
3Raba trug vor: Es heißt: die Liebesäpfel verbreiten Duft &c. Damit sind die Jünglinge Jisraéls gemeint, die den Geschmack der Sünde nicht gekostet haben.
4Und an unseren Türen allerlei köstliche Früchte; damit sind die Töchter Jisraéls gemeint, die über ihre Türen ihren Männern erzählen.
5Eine andere Erklärung: Die ihre Türen für ihre Männer geschlossen halten. Frische, auch alte, mein Geliebter, habe ich dir aufbewahrt; die Gemeinde Jisraéls sprach vor dem Heiligen, gepriesen sei er: Herr der Welt, ich habe mir mehr Verordnungen auf erlegt, als du mir auferlegt hast, und ich habe sie gehalten.
6R.Ḥisda fragte einen Jünger, der vor ihm Agada vorzutragen pflegte: Hast du vielleicht gehört, was mit ‘frische und alte’ gemeint sei? Dieser erwiderte: Die einen sind die leichten Gebote, und die anderen sind die strengen Gebote.
7Jener entgegnete: Wurde denn die Tora zu wiederholten Malen verliehen!? Vielmehr bezeichnet das eine die Worte der Tora und das andere die Worte der Schriftkundigen.
8Raba trug vor: Es heißt: und ferner, mein Sohn, sei behutsam; des vielen Büchermachens &c. Mein Sohn, sei mit den Worten der Schriftkundigen behutsamer als mit den Worten der Tora; in der Tora gibt es Gebote und Verbote, wer aber die Worte der Schriftkundigen übertritt, verdient den Tod.
9Wenn du ein wendest: Weshalb wurden sie, wenn sie von solcher Bedeutung sind, nicht niedergeschrieben? [so heißt es:] des vielen Büchermachens ist kein Ende.
10Und vieles Studieren ermüdet den Leib. Hierzu sagte R.Papa, Sohn des R.Aḥa b.Ada, im Namen des R.Aḥa b.U͑la: Dies lehrt, daß, wer die Weisen verspottet, mit kochendem Kot gerichtet wird.
11Raba wandte ein: Heißt es denn Spott, es heißt ja Studieren!? Vielmehr, wer [die Tora] studiert, fühlt dabei einen Fleischgeschmack.
12Die Rabbanan lehrten: Einst war R.A͑qiba im Gefängnis eingesperrt, und R.Jehošua͑ der Gräupner bediente ihn. An jedem Tage brachte man ihm ein bestimmtes Maß Wasser. Als ihn eines Tages der Gefängniswärter traf, sprach er zu ihm: Du hast heute so sehr viel Wasser, du willst wohl das Gefängnis untergraben? Da schüttete er die Hälfte aus und gab ihm die Hälfte wieder.
13Als er zu R.A͑qiba kam, sprach dieser zu ihm: Jehošua͑, weißt du denn nicht, daß ich ein Greis bin, und daß mein Leben von deinem Leben abhängt!?
14Darauf erzählte er ihm das ganze Ereignis. Da sprach er zu ihm: Gib mir Wasser, die Hände zu waschen. Jener erwiderte: Es reicht nicht einmal zum Trinken, wie sollte es denn zum Händewaschen reichen!? Dieser sprach: Was soll ich nun machen, man verdient ja dieserhalb den Tod; lieber will ich freiwillig sterben, als die Worte meiner Kollegen übertreten.
15Man erzählt, daß er nichts kostete, bis er ihm Wasser gebracht und er die Hände gewaschen hatte. Als die Weisen davon hörten, sprachen sie: Wenn er im Alter dies tat, um wieviel mehr würde er es in seiner Jugend getan haben; wenn er dies im Gefängnis tat, um wieviel mehr würde er es außerhalb desselben getan haben.
16R.Jehuda sagte im Namen Šemuéls: Als Šelomo den E͑rub und das Händewaschen angeordnet hatte, ertönte eine Hallstimme und sprach: Mein Sohn, wenn dein Herz weise ist, bin auch ich in meinem Herzen fröhlich. Ferner: Sei weise, mein Sohn, und erfreue mein Herz, damit ich dem, der mich schmäht, Rede stehen kann.
17Raba trug vor: Es heißt: Komm, mein Geliebter, laß uns hinausgehen aufs Feld, unter Cyprusblumen übernachten und früh zu den Weinbergen aufbrechen; sehen, ob der Weinstock sproßt, die Blüte sich geöffnet hat, ob die Granaten blühen; dort will ich dir meine Liebe schenken.
18Komm, mein Geliebter, laß uns hinausgehen ins Feld. Die Gemeinde Jisraél sprach vor dem Heiligen, gepriesen sei er: Herr der Welt, beurteile mich nicht, wie man Großstädter beurteilt, unter denen Raub, Ehebruch, Meineid und Falscheid zu finden ist. Laß uns hinausgehen aufs Feld. Komm, ich will dir Schriftgelehrte zeigen, die sich in Not mit der Tora befassen.
19Unter Cyprusblumen übernachten. Lies nicht kepharim [Cyprusblumen], sondern kophrim [Gottesleugner]; komm, ich will dir die Kinder E͑savs zeigen, die du mit Güte überschüttet hast, und die dich verleugnen.
20Früh zu den Weinbergen aufbrechen, das sind die Bet- und Lehrhäuser; sehen, ob der Weinstock sproßt, das sind die Schriftkundigen; ob die Blüte sich geöffnet hat, das sind die Mišnakundigen; ob die Granaten blühen, das sind die Talmudkundigen. Dort will ich dir meine Liebe schenken; ich will dir meine Herrlichkeit und meine Größe zeigen, die Pracht meiner Söhne und meiner Töchter.
21R.Hamnuna sagte: Es heißt: Und er redete dreitausend Sprüche, und seiner Lieder waren tausendundfünf. Dies lehrt, daß Šelomo über jede Vorschrift der Tora dreitausend Sprüche sagte, und über jede Vorschrift der Schriftkundigen tausendundfünf Gründe.
22Raba trug vor: Es heißt: Und außerdem, daß der Prediger ein Weiser war, lehrte er auch das Volk Erkenntnis und erwog und forschte und formte viele Sprüche. Lehrte er das Volk Erkenntnis; er lehrte sie durch Merkzeichen und erklärte sie durch Vergleichungen.
23Und erwog und forschte und formte viele Sprüche. U͑la erklärte im Namen R.Elie͑zers: Anfangs war die Tora wie ein Korb ohne Henkel, bis Šelomo kam und ihr Henkel machte.
24Seine Locken wie die Weinranken. R.Ḥisda erklärte im Namen Mar U͑qabas: Dies lehrt, daß über jedes Häkchen Haufen über Haufen von Halaklioth zu erforschen sind.
25Schwarz wie der Rabe. Dies ist bei dem zu finden, der
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.