Eruvin — Blatt 63a
1R.Hamnuna traf in Ḥarta zu Argez Entscheidungen bei Lebzeiten R. Ḥisdas.
2Rabina untersuchte in Babylonien das Schächtmesser, da sprach R.Aši zu ihm: Wieso tut dies der Meister!?
3Dieser erwiderte: R.Hamnuna traf ja auch in Ḥarta zu Argez Entscheidungen bei Lebzeiten R.Ḥisdas. Jener entgegnete: Es wurde gelehrt: er traf keine Entscheidungen.
4Dieser erwiderte: Es wurde gelehrt: er traf Entscheidungen, und es wurde gelehrt: er traf keine Entscheidungen; bei Lebzeiten seines Lehrers R.Hona traf er keine Entscheidungen, bei Lebzeiten R.Ḥisdas traf er Entscheidungen, weil er Schüler und Kollege desselben war, und auch ich bin Schüler und Kollege des Meisters.
5Raba sagte: Ein Jünger darf [das Messer] für sich selbst untersuchen. Einst kam Rabina nach Maḥoza, und als sein Gastwirt ihm das Messer [zur Untersuchung] zeigte, sprach er zu ihm: Geh, bringe es zu Raba.
6Jener entgegnete: Hält denn der Meister nichts von dem, was Raba gesagt hat, daß nämlich ein Jünger [das Messer] für sich selbst untersuchen dürfe? Dieser erwiderte: Ich kaufe ja davon.
7R.Elea͑zar aus Hagron ja und R.Aḥa b.Taḥlipha besuchten R.Aḥa, den Sohn R.Iqas, in der Ortschaft des R.Aḥa b. Ja͑qob. R.Aḥa, der Sohn R. Iqas, wollte für sie ein Drittlingskalb bereiten, und er brachte ihnen das Schächtmesser und zeigte es ihnen.
8Da sprach R.Aḥa b.Taḥlipha: Nimmt er gar keine Rücksicht auf den Alten!? R.Elea͑zar aus Hagronja erwiderte: So sagte Raba: ein Jünger darf [das Messer] für sich untersuchen. Hierauf untersuchte er es, und es passierte ihm ein Unfall. —
9Raba sagte ja aber, ein Jünger dürfe es für sich selbst untersuchen!? — Anders war es da, wo sie schon begonnen hatten, auf seine Ehre [Rücksicht zu nehmen].
10Wenn du aber willst, sage ich: anders war es bei R.Aḥa b. Ja͑qob, der sehr bedeutend war.
11Raba sagte: Jemand von einem Verbote zurückhalten darf man sogar in Gegenwart [seines Lehrers].Einst saß Rabina vor R.Aši und sah jemand seinen Esel am Šabbath an eine Dattelpalme binden; da schrie er ihn an, jener aber beachtete ihn nicht. Darauf rief er: Dieser Mann sei im Banne.
12Hierauf fragte er [R.Aši]: Ist diese [meine] Handlungsweise als Ehrverletzung zu betrachten? Dieser erwiderte: Keine Weisheit, keine Einsicht und kein Ausweg wider den Herrn; wenn der Name Gottes entweiht wird, erweise man auch einem Lehrer keine Ehre.
13Raba sagte: In seiner Anwesenheit ist es verboten, und man verdient dieserhalb den Tod; in seiner Abwesenheit ist es zwar verboten, jedoch verdient man dieserhalb nicht den Tod. —
14In seiner Abwesenheit etwa nicht, es wird ja gelehrt: R.Elie͑zer sagte: Die Söhne Ahrons sind nur deshalb gestorben, weil sie eine Halakha in Anwesenheit ihres Lehrers Moše entschieden haben!? — Was legten sie aus? — Die Söhne Ahrons, des Priesters, sollen Feuer auf den Altar legen. Sie sagten: Obgleich das Feuer vom Himmel herabkommt, so ist es dennoch Gebot, Profanes zu holen.
15Auch hatte R.Elie͑zer einen Schüler, der in seiner Gegenwart die Halakha entschied; da sprach er zu seiner Frau Imma Salom: Es würde mich wundern, wenn dieser das Jahr überleben sollte. Und er überlebte das Jahr nicht.
16Da sprach sie zu ihm: Bist du etwa ein Prophet? Er erwiderte: Ich bin nicht Prophet noch Prophetensohn; es ist mir aber [aus meinem väterlichen Hause] überliefert, wer eine Halakha in Gegenwart seines Lehrers entscheidet, verdiene den Tod.
17Rabba b. Bar Ḥana sagte im Namen R.Joḥanans: Jener Schüler hieß Jehuda b. Gorja und war drei Parasangen von ihm entfernt. —
18Da geschah es in seiner Gegenwart. — Er sagte ja aber, daß er drei Parasangen von ihm entfernt war!? — Wozu nannte er, nach deiner Auffassung, seinen Namen und den Namen seines Vaters? Nur damit man nicht sage, dies sei eine Fabel.
19R.Ḥija b.Abba sagte im Namen R.Joḥanans: Wer eine Halakha in Gegenwart seines Lehrers entscheidet, verdient, daß eine Schlange ihn beiße, denn es heißt: und Elihu, der Sohn Barakhéls, aus Buz, hub also an: Ich bin noch jung an Jahren &c., darum war ich furchtsam [zaḥalti], und ferner heißt es: mit dem Gifte der [Schlangen, die] im Staube schleichen [zoḥle].
20Zee͑ri sagte im Namen R.Ḥaninas: Er heißt ein Sünder, denn es heißt: in meinem Herzen berge ich dein Wort, damit ich mich nicht vor dir versündige,
21R.Hamnuna wies auf einen Widerspruch hin: Es heißt: in meinem Herzen berge ich dein Wort, und [dem widersprechend] heißt es: ich verkündete Gerechtigkeit in großer Versammlung!? — Das ist kein Widerspruch; das eine, als I͑ra der Jaírite noch lebte, das andere, als Ira der Jaírite nicht mehr lebte.
22R.Abba b.Zabhda sagte: Wer die [Priester]geschenke einem Priester gibt, bringt eine Hungersnot über die Welt, denn es heißt: I͑ra der Jaírite war Priester bei David; war er denn Priester nur für David und nicht auch für die ganze Welt? Vielmehr pflegte er die [Priester]geschenke [nur] ihm zu geben, und darauf folgt: und in den Tagen Davids war eine Hungersnot.
23R.Elie͑zer sagte: Man enthebt ihn seiner Würde, denn es heißt: da sprach Elea͑zar, der Priester, zu den Kriegsleuten &c.; obgleich er ihnen gesagt hatte, [Gott] habe dem Bruder seines Vaters und nicht ihm befohlen, wurde er dennoch bestraft,
24denn es heißt [von Jehošua͑]: er soll vor Elea͑zar den Priester treten, doch finden wir nicht, daß Jehošua͑ seiner nötig hätte.
25R.Levi sagte: Wer etwas vor seinem Lehrer antwortet, steigt kinderlos in die Unterwelt. Es heißt: da antwortete Jehošua͑, Sohn Nuns, der von seiner Jünglingszeit an Mošes Diener gewesen war, und sprach: O Herr, Moše, wehre es ihnen!
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.