Eruvin — Blatt 65a

1Ich kann die ganze Welt von dem Tage an, an dem der Tempel zerstört wurde, bis jetzt vom Strafgerichte befreien, denn es heißt: darum höre dieses, du Elende, die du trunken bist, doch nicht vom Weine.

2Man wandte ein: Kauf und Verkauf eines Berauschten ist gültig; hat er eine Sünde begangen, auf die die Todesstrafe gesetzt ist, so ist er hinzurichten, auf die Geißelhiebe gesetzt sind, so erhält er Geißelhiebe. Die Regel ist: Er gilt in jeder Beziehung als vollsinnig, nur ist er vom Gebete befreit!? —

3Das, was er sagte, er könne befreien, bezieht sich auch nur auf [die Vernachlässigung] des Gebetes.

4R.Ḥanina sagte: Dies jedoch nur, wenn er den Rausch Loṭs nicht erlangt hat, hat er aber den Rausch Loṭs erlangt, so ist er von allem frei.

5R.Ḥanina sagte: Wer aus Übermut das Schild vorübergehen läßt, dem werden Leiden verschlossen und besiegelt, denn es heißt: ein Stolz sind die Rinnen [aphiqe] der Schilder, mit festem Siegel verschlossen. —

6Wieso ist es erwiesen, daß aphiq die Bedeutung vorübergehen hat? — Es heißt: meine Brüder haben sich treulos gezeigt wie ein Bach, wie die Wasserströme [aphiq] gehen sie vorüber.

7R.Joḥanan sagt, die Lehre laute: wer nicht hervorbringt. —

8Wieso ist es erwiesen, daß mapiq die Bedeutung bioslegen hat!? — Es heißt: es wurden sichtbar die Betten [aphiqe] des Meeres, und blosgelegt wurden die Grundfesten des Weltalls. —

9Merke, die Schriftverse sind ja nach dem einen und nach dem anderen [auszulegen], welchen Unterschied gibt es nun zwischen ihnen!? — Ein Unterschied besteht zwischen ihnen, ob man wie R.Šešeth verfahren dürfe, der seinen Schlaf seinem Diener anzuvertrauen pflegte; einer ist der Ansicht des R.Šešeth, und einer ist nicht der Ansicht des R.Šešeth.

10R.Ḥija b. Aši sagte im Namen Rabhs: Wer keine ruhigen Gedanken hat, verrichte das Gebet nicht, denn es heißt: wer in Bedrängnis, lehre nicht. R.Ḥanina pflegte an einem Tage, an dem er im Zorn war, das Gebet nicht zu verrichten, indem er sagte, es heißt: wer in Bedrängnis, lehre nicht. Mar-U͑qaba pflegte an einem Tage des Südwindes zu Gericht nicht zu gehen.

11R.Naḥman b. Jiçḥaq sagte: Die Lehre bedarf der Klarheit wie an einem Tage des Nordwindes. Abajje sagte: Würde Mutter zu mir gesagt haben: reiche mir den Molkenbrei, so würde ich nicht gelernt haben.

12Raba sagte: Beißt mich eine Laus, so lerne ich nichts. Für Mar, den Sohn Rabinas, fertigte seine Mutter sieben Gewänder an für die sieben Tage.

13R.Jehuda sagte: Die Nacht ist nur zum Schlafen erschaffen worden. R.Šimo͑n b. Laqiš sagte: Der Mond ist nur zum Studium erschaffen worden. Man sagte zu R.Zera: Deine Lehren sind scharfsinnig. Dieser erwiderte: Sie sind vom Tage.

14Die Tochter R.Ḥisdas fragte R.Ḥisda: Will der Meister nicht ein wenig schlafen? Dieser erwiderte ihr: Bald kommen die Tage, die lang und kurz sind; dann werden wir viel schlafen.

15R.Naḥman b. Jiçḥaq sagte: Wir sind Tagesarbeiter. R.Aḥa b. Ja͑qob pflegte zu borgen und zu bezahlen.

16R.Elie͑zer sagte: Wer von der Reise kommt, bete drei Tage nicht, denn es heißt: und ich versammelte sie am Flusse, der nach Aḥava hinfließt, und wir lagerten dort drei Tage; alsdann nahm ich das Volk in Augenschein &c.

17Der Vater Šemuéls pflegte, wenn er von der Reise kam, drei Tage das Gebet nicht zu verrichten. Šemuél pflegte in einem Raume, in dem Met sich befand, das Gebet nicht zu verrichten. R.Papa pflegte in einem Raume, in dem Fischsalat sich befand, das Gebet nicht zu verrichten.

18R.Ḥanina sagte: Wer sich in seiner [Wein]stimmung besänftigen läßt, hat etwas von der Eigenschaft seines Schöpfers, denn es heißt: und als der Herr den lieblichen Duft roch &c.

19R.Ḥija sagte: Wer beim Weine seine Gedanken behält, besitzt die Eigenschaft der siebzig Ältesten. [Das Wort] jajin [Wein] beträgt siebzig, und [das Wort] sod [Geheimnis] beträgt siebzig; wenn Wein hineingeht, kommt das Geheimnis heraus.

20R.Ḥanin sagte: Der Wein ist nur zur Tröstung der Trauernden und zur Abfindung für die Frevler erschaffen worden, denn es heißt: gebt Rauschtrank dem Untergehenden &c.

21R.Ḥanin b. Papa sagte: Derjenige, in dessen Haus der Wein nicht wie Wasser gegossen wird, hat den Segen noch nicht erreicht; denn es heißt: er wird dein Brot und dein Wasser segnen; wie man Brot für Geld vom zweiten Zehnten kaufen darf, ebenso Wasser, das man für Geld vom zweiten Zehnten kaufen darf, das ist nämlich Wein. Er nennt ihn also Wasser:

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.