Gittin — Blatt 45a

1R. A͑nan aber hatte jene Barajtha nicht gehört.

2Auch aus der Ansicht Šemuéls ist es nicht zu entscheiden; woher, daß der Verkauf ungültig und das Geld zurückzuzahlen sei, vielleicht ist der Verkauf ungültig und das Geld ein Geschenk, wie dies auch bei der Antrauung einer Schwester der Fall ist. Es wurde nämlich gelehrt: Wenn jemand sich seine Schwester angetraut hat, so ist das Geld, wie Rabh sagt, zurückzugeben, und wie Šemuél sagt, ein Geschenk.

3Abajje sprach zu R. Joseph: Was veranlaßt dich, den Käufer zu maßregeln, vielleicht ist der Verkäufer zu maßregeln!? Dieser erwiderte: Nicht die Maus ist es, die gestohlen hat, sondern das Loch. Jener entgegnete: Wie könnte es das Loch, wenn die Maus nicht da wäre!? –

4Es ist einleuchtend, daß der zu maßregeln ist, bei dem das Verbotene sich befindet.

5Einst entfloh ein Sklave aus dem Auslande nach dem [Jisraél]lande und sein Herr folgte ihm. Als er hierauf zu R. Ami kam, sprach dieser zu ihm: Er schreibe dir einen Schuldschein über seinen Wert und du schreibe ihm einen Freilassungsbrief, sonst bringe ich ihn aus deinem Besitze kraft einer Lehre des R. Aḥi b. R. Jošija.

6Es wird nämlich gelehrt: Sie sollen in deinem Lande nicht wohnen, damit sie dich nicht zur Sünde gegen mich verleiten &c. Man könnte glauben, die Schrift spreche von einem Nichtjuden, der auf sich genommen hat, keinen Götzen zu dienen, so heißt es: du sollst nicht einen Sklaven an seinen Herrn ausliefern, der sich zu dir vor seinem Herrn rettet. Was mache man mit ihm? Bei dir soll er bleiben, in deiner Mitte &c.

7R. Jošija wandte ein: Wieso heißt es: vor seinem Herrn, es müßte ja heißen: vor seinem Gott!? Vielmehr, erklärte R. Jošija, spricht die Schrift vom Verkaufe eines Sklaven nach dem Auslande.

8R. Aḥi b. R. Jošija wandte dagegen ein: Wieso heißt es: der sich zu dir rettet, es müßte ja heißen: der sich von dir rettet!? Vielmehr, erklärte R. Aḥi b. R. Jošija, spricht die Schrift von einem Sklaven, der aus dem Auslande nach dem [Jisraél]lande geflohen ist.

9Ein Anderes lehrt: Du sollst nicht einen Sklaven an seinen Herrn ausliefern. Rabbi sagte: Die Schrift spricht von einem Sklaven, den jemand zur Freilassung gekauft hat. In welchem Falle? R. Naḥman b. Jiçḥaq erwiderte: Wenn er ihm wie folgt geschrieben hat: wenn ich dich kaufe, so sei dir deine Person von jetzt ab zugeeignet.

10Einst entfloh ein Sklave R. Ḥisdas zu den Samaritanern, und dieser bat sie, ihn ihm zurückzusenden. Sie ließen ihm antworten: Du sollst nicht einen Sklaven an seinen Herrn ausliefern. Da ließ er ihnen erwidern: Und so sollst du tun mit seinem Esel und so tun mit seinem Gewande und so tun mit allem Verlorenen deines Bruders. Jene ließen ihm antworten: Es heißt ja: du sollst nicht einen Sklaven an seinen Herrn ausliefern!? Er ließ ihnen erwidern: Dies gilt von einem Sklaven, der aus dem Auslande nach dem [Jisraél]lande entflohen ist, nach R. Aḥi b. R. Jošija. –

11Weshalb erwiderte er ihnen nach R. Aḥi b. R. Jošija!? – Weil sie nur den Wortlaut der Schrift anerkennen.

12Einst verlor Abajje bei den Samaritanern einen Esel und bat sie, ihn ihm zurückzusenden. Diese ließen ihm antworten: Sende uns ein Kennzeichen. Da ließ er ihnen mitteilen: Er hat einen weißen Bauch. Darauf ließen sie ihm antworten: Wenn du nicht Naḥmani wärest, würden wir ihn dir nicht zurückgeschickt haben; haben etwa alle anderen Esel keinen weißen Bauch!?

13MAN LÖSE KEINE GEFANGENEN ÜBER IHREN WERT AUS, ALS VORSORGENDE INSTITUTION. MAN VERHELFE DEN GEFANGENEN NICHT ZUR FLUCHT, ALS VORSORGENDE INSTITUTION; R. ŠIMO͑N B. GAMLIÉL SAGT, AUS VORSORGE FÜR DIE MITGEFANGENEN.

14GEMARA. Sie fragten: Ist die vorsorgende Institution wegen der Überlastung der Gemeinde getroffen worden, oder aber, damit sie nicht noch mehr zur Kaptivation angeregt werden. –

15Komm und höre: Levi b. Darga löste seine Tochter um zwölftausend Golddenare aus.

16Abajje erwiderte: Wer sagt uns, daß er dies mit Billigung der Weisen tat, vielleicht tat er dies ohne Billigung der Weisen.

17MAN VERHELFE DEN GEFANGENEN NICHT ZUR FLUCHT, ALS VORSORGENDE INSTITUTION; R. ŠIMO͑N B. GAMLIÉL SAGT, AUS VORSORGE FÜR DIE MITGEFANGENEN. Welchen Unterschied gibt es zwischen ihnen? – Einen Unterschied gibt es zwischen ihnen in dem Falle, wenn nur einer vorhanden ist.

18Die Töchter R. Naḥmans pflegten den Kochtopf mit den Händen umzurühren. R. Íliš staunte darüber; es heißt: einen Mann habe ich unter tausend gefunden, aber ein Weib habe ich unter all diesen nicht gefunden; da sind ja die Töchter R. Naḥmans!? Da fügte es sich, daß sie in Gefangenschaft gerieten und er mit ihnen.

19Eines Tages saß neben ihm jemand, der die Vogelsprache verstand, und als ein Rabe kam und ihm etwas zurief, fragte er ihn, was er gesagt habe. Dieser erwiderte: I͑lis, fliehe, I͑liš, fliehe. Jener sprach: Der Rabe ist ein Lügner, ich verlasse mich nicht auf ihn.

20Als hierauf eine Taube kam und ihm etwas zurief, fragte er ihn, was sie gesagt habe. Dieser erwiderte: I͑liš, fliehe, I͑liš, fliehe. Da sprach er: Die Gemeinschaft Jisraél wird mit einer Taube verglichen; wahrscheinlich wird mir ein Wunder geschehen. Alsdann sagte er: Ich will gehen und sehen, ob die Töchter R. Naḥmans noch bei ihrer Treue beharren, und auch sie heimbringen.

21Indem er sich sagte, daß Frauen all ihre Angelegenheiten im Abort beraten, [belauschte er sie da] und hörte, wie sie sagten: Diese sind Männer und die Nehardeénser sind Männer; wollen wir unseren Gefangenführern sagen, daß sie uns von hier fortführen mögen, damit nicht Leute kommen, es erfahren und

22uns auslösen. Da machte er sich auf und floh zusammen mit jenem Manne. Ihm geschah ein Wunder und er kam mit der Fähre hinüber, jenen Mann aber entdeckten sie und töteten ihn. Als jene zurückkamen, rührten sie den Topf durch Zauberei um.

23MAN DARF VON NICHTJUDEN NICHT TORAROLLEN, TEPHILLIN UND MEZUZOTH ÜBER IHREN WERT KAUFEN,

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.