Gittin — Blatt 54b

1Sind sie hineingekommen und aufgeknackt worden, einerlei ob versehentlich oder vorsätzlich, so gehen sie nicht auf – so R. Meír und R. Jehuda; R. Jose und R. Šimo͑n sagen, wenn versehentlich, so gehen sie auf, wenn vorsätzlich, so gehen sie nicht auf.

2Hierbei ist es ja, da nach der Tora eines unter zwei aufgeht, eine rabbanitische Verordnung, dennoch maßregelt R. Jehuda!? – Hierbei berücksichtigt R. Jehuda den Grund, er könnte eine List anwenden. –

3Ich will auf einen Widerspruch hinweisen, in dem R. Jose sich mit sich selbst befindet. Wir haben gelernt: Wenn Setzlinge von Ungeweihtem oder von Mischfrucht (eines Weinberges) unter andere Setzlinge gekommen sind, so dürfen [die Beeren] nicht abgelesen werden; hat man sie abgelesen, so verlieren sie sich unter zweihundertundeinem, nur darf man sie nicht absichtlich ablesen.

4R. Jose sagt, auch wenn man sie absichtlich abgelesen hat, verlieren sie sich unter zweihundertundeinem!? –

5Hierzu wurde ja gelehrt: Raba erklärte, es sei feststehend, daß niemand seinen Weinberg wegen eines Setzlings verboten mache. Ebenso erklärte auch Rabin, als er kam, im Namen R. Joḥanans, es sei feststehend, daß niemand seinen Weinberg wegen eines Setzlings verboten mache.

6WENN PRIESTER IM TEMPEL [EIN OPFER] VORSÄTZLICH VERWERFLICH GEMACHT HABEN, SO SIND SIE HAFTBAR.

7GEMARA. Die Rabbanan lehrten: Wenn jemand für einen Reines zubereitet und zu ihm sagt: das Reine, das ich für dich zubereitet habe, ist unrein geworden, wenn er für ihn ein Schlachtopfer herrichtet und zu ihm sagt: das Schlachtopfer, das ich für dich hergerichtet habe, ist verwerflich geworden, so ist er glaubhaft; wenn er aber zu ihm sagt: das Reine, das ich an jenem Tage für dich zubereitet habe, ist unrein geworden, oder: das Schlachtopfer, das ich an jenem Tage für dich hergerichtet habe, ist verwerflich geworden, so ist er nicht glaubhaft. –

8Welchen Unterschied gibt es zwischen dem Anfangsatze und dem Schlußsatze? Abajje erwiderte: Über das, was in seiner Hand ist, ist er glaubhaft.

9Raba erwiderte: Wenn er ihn traf und ihm nichts sagte, später aber ihn wiederum trifft und es ihm sagt.

10Einst sagte jemand zu seinem Nächsten: Das Reine, das ich für dich an jenem Tage zubereitet habe, ist unrein geworden. Da kam er zu R. Ami, und dieser sprach zu ihm: Rechtlich ist er nicht glaubhaft. R. Asi sprach vor ihm: Meister, so entscheidest du!? Folgendes sagte R. Joḥanan im Namen R. Joses: was kann ich tun, wenn die Tora ihm geglaubt hat. –

11Wo hat sie ihm geglaubt? R. Jiçḥaq b. Bisna erwiderte: Dies ist vom Hochpriester am Versöhnungstage zu entnehmen, der, wenn er sagt, [das Opfer] sei verwerflich geworden, glaubhaft ist. Woher weiß man dies, es heißt ja: kein Mensch soll im Offenbarungszelte sein? –

12Vielleicht, wenn man gehört hat, daß er es verwerflich gern acht hat!? – Wäre er nicht glaubhaft, so würde er auch dann nicht glaubhaft sein, wenn man es gehört hat, denn er kann es nachher gesagt haben. –

13Vielleicht, wenn man es durch die Pforte gesehen hat!? – Ein Einwand.

14Einst kam jemand vor R. Ami und sprach zu ihm: Die Gottesnamen in der Torarolle, die ich für N. geschrieben habe, habe ich nicht auf ihren Namen geschrieben. Dieser fragte: Bei wem befindet sich die Torarolle? Jener erwiderte: Beim Käufer. Da sprach dieser: Du bist glaubhaft, deinen Lohn zu verlieren, nicht aber bist du glaubhaft, die Torarolle untauglich zu machen.

15R. Jirmeja sprach zu ihm: Zugegeben, daß er den Lohn für die Gottesnamen verloren hat, aber hat er etwa den Lohn für die ganze Torarolle verloren!? Dieser erwiderte: Freilich, eine Torarolle, in der die Gottesnamen nicht auf den richtigen Namen geschrieben sind, ist nichts wert. –

16Er kann ja über diese mit der Feder fahren und sie heiligen!? Wahrscheinlich ist er nicht der Ansicht R. Jehudas,

17denn es wird gelehrt: Wenn er den Gottesnamen zu schreiben hatte und in der [irrtümlichen] Absicht, den Namen Jehuda zu schreiben, versehentlich das Daleth fortgelassen hat, so fahre er darüber mit der Feder und heilige ihn – so R. Jehuda; die Weisen sagen, dieser Gottesname sei nicht vorzüglich. –

18Du kannst auch sagen, nach R. Jehuda, denn R. Jehuda ist dieser Ansicht nur bei einem Gottesnamen, nicht aber bei allen der ganzen Torarolle, weil sie dann gesprenkelt aussieht.

19Einst kam jemand vor R. Abahu und sprach zu ihm: Das Pergament für die Torarolle, die ich für N. geschrieben habe, habe ich nicht zu diesem Zwecke gefertigt. Dieser fragte: Bei wem befindet sich die Torarolle? Jener erwiderte: Beim Käufer. Da sprach dieser: Da du glaubhaft bist, deinen Lohn zu verlieren, so bist du auch glaubhaft, die Torarolle untauglich zu machen. –

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.