Gittin — Blatt 56a

1Jener erwiderte: Nein. – Ich will dir die Hälfte des Festmahles ersetzen! Jener erwiderte: Nein. – Ich will dir das ganze Festmahl ersetzen! Jener erwiderte: Nein. Hierauf nahm er ihn bei der Hand, hieß ihn aufstehen und führte ihn hinaus.

2Da sprach dieser: Da die Rabbanan, die hier anwesend sind, ihn daran nicht gehindert haben, so ist ihnen dies wahrscheinlich recht; ich will nun gehen und sie bei der Regierung angeben. Hierauf ging er zum Kaiser und sprach zu ihm: Die Juden haben sich gegen dich empört. Dieser sprach: Wer beweist dies? Er erwiderte: Sende ihnen ein Opfertier, und du wirst sehen, ob sie es darbringen.

3Da sandte er durch ihn ein Drittlingskalb, dem er aber unterwegs einen Leibesfehler an der Oberlippe beibrachte, und wie manche sagen, an der Netzhaut am Auge, einer Stelle, die bei uns als Fehler gilt, bei ihnen aber nicht als Fehler gilt.

4Die Rabbanan wollten es dennoch darbringen, wegen der Friedfertigkeit mit der Regierung, da sprach R. Zekharja b. Eukolos zu ihnen: Man würde dann sagen, Fehlerbehaftete dürfen auf dem Altar dargebracht werden. Hierauf wollten sie ihn töten, damit er nicht gehe und dies erzähle; da sprach R. Zekharja b. Eukolos zu ihnen: Man würde dann sagen, wer einem Opfertiere einen Fehler beibringt, werde getötet.

5R. Joḥanan sagte: Die Sanftmut des R. Zekharja b. Eukolos hat unser Haus zerstört, unseren Tempel verbrannt und uns aus unserem Lande verjagt.

6Hierauf sandte er gegen sie den Kaiser Nero. Als dieser kam, schoß er einen Pfeil gegen Osten, und er fiel nach Jerušalem hin, gegen Westen, und er fiel nach Jerušalem hin, nach allen vier Himmelsrichtungen, und er fiel nach Jerušalem hin.

7Alsdann sprach er zu einem Knaben: Trage mir deinen Schriftvers vor. Dieser erwiderte: Ich vollführe meine Rache über Edom durch mein Volk Jisraél &c. Da sprach er: Der Heilige, gepriesen sei er, will sein Haus zerstören und seine Hände an mir abwischen. Da entfloh er und wurde Proselyt. Von ihm stammt R. Meír ab.

8Hierauf entsandte er gegen sie den Kaiser Vespasian und er belagerte [Jerušalem] drei Jahre. Es waren darin drei reiche Leute. Nikodemon b. Gorjon, Ben Kalba Sabua͑ und Ben Çiçith Hakeseth. Nikodemon b. Gorjon [hieß der eine], weil für ihn die Sonne schien. Ben Kalba Sabua͑ [hieß der andere], weil jeder, der hungrig wie ein Hund [kalba] in sein Haus kam, gesättigt [sabea͑] herauskam. Ben Çiçith Hakeseth [hieß der dritte,] weil seine Çiçith über Polster [keseth] geschleift wurden, und wie manche sagen, weil sein Sitz [kise] sich zwischen den Vornehmen Roms befand.

9Einer erbot sich, [die Stadt] mit Weizen und Gerste zu versorgen, einer erbot sich, sie mit Wein und Öl zu versorgen, und einer erbot sich, sie mit Holz zu versorgen. Die Rabbanan lobten den Holzspender. R. Ḥisda pflegte alle Schlüssel seinem Diener anzuvertrauen, nur nicht den zum Holze, denn R. Ḥisda sagte, eine Kammer Weizen erfordere sechzig Kammern Holz. Sie hatten soviel, um sie einundzwanzig Jahre zu versorgen.

10Unter ihnen waren Banditen, und als die Rabbanan rieten, hinauszugehen und mit jenen Frieden zu schließen, ließen diese es nicht. Sie sagten: Wir wollen hinausgehen und Krieg mit ihnen führen. Die Rabbanan erwiderten: Es wird nicht gelingen. Da machten sie sich auf und verbrannten die Speicher Weizen und Gerste, sodaß eine Hungersnot ausbrach.

11Martha, die Tochter des Buethos, die reichste in Jerušalem, sandte ihren Diener und sprach zu ihm: Geh, hole mir feines Mehl. Während er ging, ward es ausverkauft. Da kam er zurück und sprach zu ihr: Feines Mehl ist nicht mehr da, weißes ist noch da. Hierauf sprach sie zu ihm: Geh, hole mir dieses. Während er ging, ward es ausverkauft. Da kam er zurück und sprach zu ihr: Weißes ist nicht mehr da, Roggenmehl ist noch da. Hierauf sprach sie zu ihm: Geh, hole mir dieses. Während er ging, ward es ausverkauft. Da kam er zurück und sprach zu ihr: Roggenmehl ist nicht mehr da, Gerstenmehl ist noch da. Hierauf sprach sie zu ihm: Geh, hole mir dieses. Während er ging, ward es ausverkauft.

12Sie hatte gerade ihre Schuhe ausgezogen, dennoch sagte sie: Ich will gehen und sehen, ob ich was zum Essen finde. Da setzte sich ein Stück Kot an ihren Fuß und sie starb.

13R. Joḥanan b. Zakkaj las über sie: Die Weichliche unter dir und die Zarte &c. Manche sagen, sie aß eine Feige des R. Çadoq, verekelte sich und starb. R. Çadoq verweilte nämlich vierzig Jahre im Fasten, auf daß Jerušalem nicht zerstört werde, sodaß, wenn er etwas aß, man dies von außen sehen konnte. Zur Kräftigung holte man ihm eine Feige, und er sog den Saft aus und warf sie fort.

14Als sie im Sterben lag, warf sie all ihr Gold und Silber auf die Straße, indem sie sagte: Was soll mir dies! Hierauf bezieht sich der Schriftvers: Ihr Silber werfen sie auf die Straße.

15Abba Sikara, der Banditenhäuptling in Jerušalem, war ein Sohn der Schwester des R. Joḥanan b. Zakkaj, und dieser ließ ihm sagen, daß er heimlich zu ihm komme. Als er kam, sprach er zu ihm: Wie lange noch werdet ihr so treiben und die Welt durch Hunger töten. Dieser erwiderte: Was soll ich tun, wenn ich ihnen etwas sage, so töten sie mich. Da sprach jener: Suche ein Mittel für mich, daß ich hinaus kann, vielleicht ist irgend eine Rettung zu ermöglichen.

16Dieser erwiderte: Stelle dich krank und lasse die Leute zu dir kommen, um sich nach deinem Befinden zu erkundigen. Sodann lege etwas Stinkendes neben dich, damit man glaube, du seiest gestorben. Jedoch mögen nur deine Schüler zu dir hineingehen und niemand anders, damit man nicht merke, daß du leicht bist; jene wissen nämlich, daß ein Lebender leichter ist als ein Toter.

17Er tat so. R. Elie͑zer ging an der einen Seite und R. Jehošua͑ an der anderen Seite. Als sie an das Tor herankamen, wollten jene [in die Bahre] stechen; er aber sprach zu ihnen: Man würde sagen, sie stachen ihren Meister. Da wollten sie sie stoßen; er aber sprach zu ihnen: Man würde sagen, sie stießen ihren Meister. Hierauf öffneten sie das Tor und er kam hinaus.

18Als er da hinkam, sprach er [zu Vespasian]: Friede mit dir, o König, Friede mit dir, o König. Dieser sprach zu ihm: Du hast dich zwiefach des Todes schuldig gemacht. Erstens bin ich nicht König und du nennst mich König, und zweitens, wenn ich König bin, weshalb bist du bis jetzt nicht zu mir gekommen!? Jener erwiderte: Auf deinen Vorhalt, du seiest nicht König, [erwidere ich:]

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.