Gittin — Blatt 56b
1freilich bist du König, denn, wenn du nicht König wärest, würde Jerušalem nicht in deine Hand fallen. Es heißt nämlich: der Lebanon wird durch einen Mächtigen fallen; unter ‘Mächtigen’ ist ein König zu verstehen, wie es heißt: und ein Mächtiger wird aus ihm selber hervorgehen &c., und unter Lebanon ist der Tempel zu verstehen, wie es heißt: dieser schöne Berg und der Lebanon. Und auf deinen Vorhalt, weshalb ich bis jetzt nicht gekommen bin, [erwidere ich:] die Banditen unter uns ließen mich nicht.
2Dieser entgegnete: Würde man etwa, wenn um ein Faß Honig eine Schlange gewunden wäre, nicht das Faß wegen der Schlange zerbrechen!? Da schwieg er. R. Joseph, nach anderen R. A͑qiba, las über ihn: Er läßt die Weisen zurücktreten und ihre Einsicht betört er. Er sollte ihm erwidert haben, lieber hole man eine Zange und entferne die Schlange, die man töte, das Faß aber lasse man.
3Währenddessen kam zu ihm ein Abgesandter aus Rom und sprach zu ihm: Auf, der Kaiser ist gestorben und die Vornehmen Roms stimmten ab, dich [zum Kaiser] zu wählen. Er hatte gerade einen Schuh angezogen und wollte auch den anderen anziehen, jedoch ging [der Fuß] nicht hinein; sodann wollte er den ersten abziehen, aber er ging nicht herunter.
4Da sprach jener zu ihm: Sei unbesorgt; du hast eine gute Nachricht erhalten, und es heißt: eine gute Nachricht macht das Gebein markig. – Was ist nun zu machen? – Laß einen Menschen, den du nicht leiden kannst, an dir vorübergehen, denn es heißt: ein betrübtes Gemüt vertrocknet die Knochen. Da tat er dies, und [der Fuß] ging hinein. Hierauf sprach er zu ihm: Weshalb bist du, wenn ihr so weise seid, bisher nicht zu mir gekommen? Jener erwiderte: Hab ich es dir etwa nicht erklärt? Dieser entgegnete: Aber auch ich habe dir erwidert.
5Alsdann sprach er zu ihm: Ich gehe nun fort und schicke einen anderen her; verlange etwas von mir, und ich will es dir gewähren. Jener sprach: Gib mir Jabne und seine Weisen, die Dynastie R. Gamliéls, und Ärzte, die R. Çadoq heilen. R. Joseph, nach anderen R. A͑qiba, las über ihn: Er läßt die Weisen zurücktreten und ihre Einsicht betört er. Er sollte ihn gebeten haben, sie diesmal zu schonen.
6Jener aber dachte, soviel würde dieser wahrscheinlich nicht gewähren, und er somit auch eine geringe Rettung nicht erreichen.
7Worin bestand die Kur zur Heilung R. Çadoqs? – Am ersten Tage gab man ihm Kleienwasser zu trinken, am zweiten Tage Grobkleienwasser und am dritten Tage Mehlwasser, sodaß seine Eingeweide sich nach und nach weiteten.
8Hierauf ging er fort und sandte den ruchlosen Titus, und dieser sprach: Wo ist ihr Gott, der Fels, auf den sie trauten. Es ist dies der ruchlose Titus, der gegen den Höchsten schmähte und lästerte.
9Was tat er? Er nahm eine Hure bei der Hand, ging mit ihr in das Allerheiligste, breitete eine Torarolle aus und beging auf dieser eine Sünde. Sodann nahm er ein Schwert, und durchstach den Vorhang. Da geschah ein Wunder, und Blut drang hervor, so daß er glaubte, er hätte sich getötet. So heißt es: Es brüllen deine Feinde inmitten deines Versammlungsortes, sie stellen ihre Zeichen als Zeichen auf.
10Abba Hanan sagte: Wer ist wie du gewaltig, Gott; wer ist wie du gewaltig und hart. Du hörtest die Beschimpfung und die Lästerung jenes Frevlers und schwiegest. In der Schule R. Jišma͑éls wurde gelehrt: Wer ist wie du, o Herr, unter den Starken [elim]; wer ist wie du unter den Stummen [ilmim].
11Was tat er weiter? Er nahm den Vorhang und machte daraus eine Art Sack, sodann holte er alle Geräte des Tempels, legte sie hinein und brachte sie auf das Schiff, um damit in seiner Stadt zu triumphieren. So heißt es: Dann sah ich Frevler begraben und untergegangen, von der heiligen Stätte zogen fort und wurden vergessen in der Stadt, die also getan haben. Man lese nicht qeburim [begraben], sondern qebuçim [versammelt], und man lese nicht vajištakḥu [vergessen], sondern vajištabḥu [triumphierten].
12Manche sagen: [Man lese] tatsächlich qeburim, denn auch Dinge, die versteckt waren, kamen ihnen zum Vorschein.
13Als dann eine Meereswoge sich erhob, um ihn zu versenken, sprach er: Es scheint wohl, daß die Kraft ihres Gottes nur auf dem Wasser bestehe; als der Pareo͑ kam, versenkte er ihn ins Wasser, als Sisra kam, versenkte er ihn ins Wasser, und auch gegen mich tritt er auf, um mich ins Wasser zu versenken. Ist er ein Held, so mag er aufs Festland kommen und mit mir Krieg führen. Da ertönte eine Hallstimme und sprach zu ihm: Du Ruchloser, Sohn eines Ruchlosen, Enkelsohn des ruchlosen E͑sav, ich habe ein geringes Geschöpf auf meiner Welt, Mücke ist sein Name. –
14Weshalb heißt sie geringes Geschöpf? – Weil sie nur einen Eingang und keinen Ausgang hat. –
15Steige aufs Festland und sie wird mit dir den Kampf unternehmen. Als er auf dem Festlande angelangt war, kam eine Mücke, drang ihm in die Nase und bohrte ihm sieben Jahre das Gehirn. Eines Tages ging er an der Tür einer Schmiede vorüber, und als [die Mücke] den Schlag des Hammers hörte, blieb sie ruhig. Da sprach er: Nun gibt es ein Mittel. Darauf ließ er jeden Tag einen Schmied kommen und vor ihm hämmern; einem Nichtjuden gab er vier Zuz, zu einem Jisraéliten aber sagte er: Es genüge dir, daß du [Rache] an deinem Feinde siehst. So ging es dreißig Tage, von da ab gewöhnte sich [die Mücke] daran.
16Es wird gelehrt: R. Pinḥas b. A͑ruba sagte: Ich befand mich [dann] unter den Vornehmen Roms; als er starb, öffnete man sein Gehirn und fand sie darin wie eine Schwalbe, im Gewichte von zwei Selaim. In einer Barajtha wird gelehrt: Wie eine einjährige Taube, im Gewichte von zwei Litra.
17Abajje sagte: Es ist uns überliefert, daß ihr Schnabel aus Kupfer und ihre Krallen aus Eisen waren. Bei seinem Sterben verfügte er, daß man ihn verbrenne und die Asche auf die sieben Meere streue, damit der Gott der Juden ihn nicht finde und zur Rechenschaft ziehe.
18Onkelos, Sohn des Kalonikos, ein Schwesterssohn des Titus, wollte sich zum Judentume bekehren. Da ließ er durch Nekromantie Titus erscheinen und fragte ihn, wer in jener Welt am geachtetsten sei. Dieser erwiderte: Jisraél. – Soll man sich ihnen anschließen? Dieser erwiderte: Ihre [religiösen] Vorschriften sind zahlreich, du wirst sie nicht halten können; lieber gehe und bedränge sie, so wirst du Oberhaupt werden. So heißt es: ihre Bedränger sind Haupte geworden &c.; wer Jisraél bedrängt, wird Oberhaupt. Alsdann fragte er ihn: Womit wirst du gerichtet? Dieser erwiderte:
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.