Gittin — Blatt 57a
1Wie ich selbst über mich verfügt habe: jeden Tag wird meine Asche gesammelt, und nachdem ich abgeurteilt werde, wieder verbrannt und auf die sieben Meere gestreut.
2Hierauf ließ er Bilea͑m durch Nekromantie erscheinen und fragte ihn, wer in jener Welt am geachtetsten sei. Dieser erwiderte: Jisraél. – Soll man sich ihnen anschließen? Dieser erwiderte: Nicht suche ihren Frieden und ihr Bestes all deine Tage. Alsdann fragte er ihn: Womit wirst du gerichtet? Dieser erwiderte: Mit siedendem Sperma.
3Hierauf ließ er Jesus durch Nekromantie erscheinen und fragte ihn, wer in jener Welt am geachtetsten sei. Dieser erwiderte: Jisraél. – Soll man sich ihnen anschließen? Dieser erwiderte: Suche ihr Bestes und nicht ihr Böses; wer an ihnen rührt, rührt an seinen Augapfel.
4Sodann fragte er ihn: Womit wirst du gerichtet? Dieser erwiderte: Mit siedendem Kote. Der Meister sagte nämlich: Wer über Worte der Weisen spottet, wird mit siedendem Kote gerichtet. Komm und sieh den Unterschied zwischen den Abtrünnigen Jisraéls und den Propheten der weltlichen Völker.
5Es wird gelehrt: R. Elea͑zar sagte: Komm und sieh wie groß die Wirkung der Beschämung ist; der Heilige, gepriesen sei er, trat für Bar Qamça ein und zerstörte sein Haus und verbrannte seinen Tempel.
6Wegen eines Hahnes und einer Henne wurde der Königsberg zerstört. Da war es Brauch, beim Hinausführen des Brautpaares vor ihnen einen Hahn und eine Henne zu tragen. Dies bedeutet: seid fruchtbar und mehret euch wie die Hühner.
7Eines Tages zog an ihnen eine Schar Römer vorüber und nahm sie ihnen weg. Da fielen [die Juden] über sie her und schlugen sie. Hierauf kamen jene zum Kaiser und sprachen zu ihm: Die Juden haben sich gegen dich empört. Da zog er gegen sie aus. Unter [den Juden] befand sich ein gewisser Bar Daroma, der ein Mil weit sprang und unter jenen tötete. Da nahm der Kaiser seine Krone, setzte sie auf die Erde und sprach: Herr der ganzen Welt, ist es dir recht, so liefere mich und mein Reich nicht in die Hand eines Mannes aus.
8Hierauf ließ sein eigener Mund Bar Daroma straucheln, indem er sprach: Du hast, o Gott, uns verstoßen und ziehst nicht, o Gott, mit unseren Heeren. – David sagte ja dasselbe!? David sagte es in Frageform.
9Als er sich darauf im Aborte befand, kam eine Schlange und zog ihm den Mastdarm heraus, worauf er starb. Jener sprach: Da mir ein solches Wunder geschehen ist, so will ich sie diesmal verschonen. Hierauf ließ er sie und zog fort. [Die Juden] aber hüpften und aßen und tranken; sie zündeten soviel Kerzen an, daß man die Figur eines Siegelringes ein Mil entfernt sehen konnte. Jener glaubte, die Juden verspotten ihn, und zog wiederum gegen sie heran.
10R. Asi sagte: Dreihunderttausend Schwertführer drangen auf den Königsberg und töteten da drei Tage und drei Nächte, während auf der anderen Seite Sang und Tanz herrschte; die einen wußten nämlich nichts von den anderen.
11Zerstört hat der Herr und nicht geschont all die Auen Ja͑qobs. Als Rabin kam, sagte er im Namen R. Joḥanans: Das sind die sechzig Myriaden Städte, die der König Jannaj auf dem Königsberge hatte. R. Jehuda sagte nämlich im Namen R. Asis: Sechzig Myriaden Städte hatte der König Jannaj auf dem Königsberge, und in jeder waren soviel wie die Auszügler aus Miçrajim, ausgenommen drei, in denen doppelt soviel wie die Auszügler aus Miçrajim waren.
12Folgende sind es: Kephar Biš, Kephar Šiḥlajim und Kephar Dikhraja. Kephar Biš [hieß es], weil sie kein Haus an einen Gast hergaben, Kephar Šiḥlajim [hieß es], weil sie vom [Handel mit] Kresse lebten. Kephar Dikhraja [hieß es], wie R. Joḥanan sagte, weil ihre Frauen zuerst Knaben und nachher Mädchen gebaren, dann aber aufhörten.
13U͑la sagte: Ich sah diesen Ort; er faßt nicht einmal sechzig Myriaden Rohrstengel. Ein Minäer sprach zu ihm: Ihr lügt also!? Dieser erwiderte: Es heißt: ein Land wie eine Gazelle; wie die Haut der Gazelle das Fleisch nicht mehr faßt, so ist es auch mit dem Jisraéllande; ist es bewohnt, so ist es geräumig, ist es unbewohnt, so springt es ein.
14R. Minjomi b. Ḥilqija, R. Ḥilqija b. Tobija und R. Hona b. Ḥija saßen beisammen und forderten einander auf, etwas von Kephar Sekhanja in Miçrajim zu erzählen.
15Da begann einer von ihnen und sprach: Einst gerieten ein Verlobter und seine Verlobte in die Gefangenschaft von Nichtjuden, und diese verheirateten sie mit einander. Da sprach sie zu ihm: Ich bitte dich, mich nicht zu berühren, da ich keine Morgengabe von dir habe. Und er berührte sie nicht bis an den Tag seines Todes.
16Als er starb, sprach sie zu ihnen: Betrauert ihn, denn mehr als Joseph bekämpfte er seinen Trieb. Bei Joseph erfolgte er nur in einer Stunde, bei diesem aber jeden Tag; bei Joseph erfolgte es nicht in einem Bette, bei diesem aber in einem Bette; bei Joseph erfolgte es mit einer fremden Frau, bei diesem aber mit seiner eigenen Frau.
17Hierauf begann der andere und sprach: Einst ereignete es sich, daß, nachdem vierzig Scheffel [Getreide] auf einen Denar zu stehen kamen, der Marktpreis um einen Scheffel stieg. Als sie dieserhalb eine Untersuchung anstellten, fanden sie, daß ein Vater und sein Sohn eine Verlobte am Versöhnungstage beschlafen hatten. Da brachte man sie vor Gericht und steinigte sie, worauf der Marktpreis auf seinen früheren Stand sank.
18Hierauf begann der dritte und sprach: Einst richtete jemand sein Auge auf seine Frau, sich von ihr scheiden zu lassen, sie hatte aber eine hohe Morgengabe. Was tat er? Er ging und lud seine Freunde zu sich, gab ihnen zu essen und zu trinken und machte sie betrunken. Hierauf legte er sie auf ein Bett, schüttete Eiweiß zwischen sie, ließ dies durch Zeugen bestätigen und wandte sich an das Gericht.
19Daselbst war ein Greis von den Schülern Šammaj des Älteren, namens Baba b. Buṭa, und dieser sprach zu ihnen: Es ist mir von Šammaj dem Älteren überliefert, daß Eiweiß durch das Feuer gerinne, während Sperma vor dem Feuer zurückweiche. Da untersuchten sie es, und seine Worte bestätigten sich. Hierauf brachte man jenen vor das Gericht, geißelte ihn und trieb von ihm ihre Morgengabe ein.
20Abajje sprach zu R. Joseph: Weshalb wurden sie, wenn sie so fromm waren, gestraft? Dieser erwiderte: Weil sie nicht über Jerušalem trauerten, denn es heißt: freuet euch mit Jerušalem und jubelt über all ihre Freunde, frohlocket mit ihr, ihr alle, die ihr über sie trauert.
21Wegen einer Wagendeichsel ist Bitther zerstört worden. Da war es Brauch, bei der Geburt eines Knaben eine Zeder und bei der Geburt eines Mädchens eine Akazie zu pflanzen, und wenn diese sich verheirateten, fällte man sie und machte daraus einen Hochzeitsbaldachin. Eines Tages fuhr die Tochter des Kaisers vorüber und die Deichsel ihres Wagens brach. Als nun diese eine solche Zeder fällten und [als Deichsel] verwandten, fielen [die Juden] über sie her und schlugen sie. Hierauf kamen jene zum Kaiser und sprachen zu ihm: Die Juden haben sich gegen dich empört. Da zog er gegen sie aus.
22In Zornglut schlug er das Horn Jisraéls ab. R. Zera sagte im Namen R. Ahahus im Namen R. Joḥanans: Das sind die achtzig[tausend] Kriegshörner, die in die Stadt Bitther kamen, als sie erobert wurde. Sie erschlugen da Männer, Frauen und Kinder, sodaß ihr Blut floß und sich in das große Meer ergoß. Vielleicht glaubst du, sie lag in der Nähe, so war sie ein Mil entfernt.
23Es wird gelehrt: R. Elie͑zer der Große sagte: Zwei Ströme gibt es in Biqa͑th Jadajim, einer fließt dahin und der andere fließt dorthin, und die Weisen schätzten, daß sie zwei Teile Wasser und einen Teil Blut enthielten. In einer Barajtha wurde gelehrt: Durch das Blut der Jisraéliten winzerten die weltlichen Völker ihre Weinberge sieben Jahre ohne Dung.
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.