Gittin — Blatt 57b

1R. Ḥija b. Abin sagte im Namen des R. Jehošua͑ b. Qorḥa: Ein Greis aus der Bürgerschaft von Jerušalem erzählte mir folgendes. In dieser Ebene tötete der Henkermeister Nebuzarádan zweihundertelf Myriaden, und in Jerušalem tötete er vierundneunzig Myriaden auf einem Steine, sodaß ihr Blut floß und sich mit dem Blute Zekharjas berührte. Damit ging in Erfüllung, was geschrieben steht: Blut mit Blut berührte sich.

2Als er das Blut Zekharjas brausen und emporsteigen sah, fragte er, was dies zu bedeuten habe, und man erwiderte ihm, es sei verschüttetes Opferblut. Hierauf verglich er solches mit diesem, und sie glichen einander nicht.

3Da sprach er zu ihnen: Wenn ihr es mir sagt, so ist es recht, wenn aber nicht, so zerfetze ich euer Fleisch mit eisernen Kämmen. Sie erwiderten: Was sollen wir nun sagen; unter uns war ein Prophet, der uns mit Strafreden zurechtwies, und wir fielen über ihn her und töteten ihn. Es sind bereits viele Jahre her, und sein Blut ruht nicht.

4Dieser sprach: Ich will ihn beruhigen. Da holte er das große Synedrium und das kleine Synedrium und tötete sie über diesem, doch ward es nicht ruhig. Hierauf tötete er über diesem Jünglinge und Jungfrauen, doch ward es nicht ruhig. Hierauf holte er Schulkinder und tötete sie über diesem, doch ward es nicht ruhig. Da sprach er: Zekharja, Zekharja, die besten unter ihnen habe ich umgebracht, ist es dir lieb, daß ich sie alle umbringe!? Als er dies gesprochen hatte, ward es ruhig.

5In dieser Stunde kam ihm ein Bußgedanke in den Sinn, indem er sich sagte: wenn ihnen dies wegen einer Seele geschah, was muß nun mir geschehen wegen all dieser Seelen, die ich umgebracht habe!? Da lief er fort, sandte ein Testament nach Hause und wurde Proselyt.

6Es wird gelehrt: Naa͑man war Beisaßproselyt geworden; Nebuzarádan war wirklicher Proselyt geworden.

7Kindeskinder Hamans lehrten das Gesetz in Bene Beraq; Kindeskinder Sisras unterrichteten Kinder in Jerušalem; Kindeskinder Sanḥeribs lehrten öffentlich das Gesetz. – Wer sind es? – Šema͑ja und Ptolljon.

8Hierauf bezieht sich der Schriftvers: Ich lege ihr Blut auf den kahlen Felsen, damit es nicht zugedeckt werde.

9Die Stimme ist die Stimme Ja͑qobs, die Hände sind die Hände E͑savs. Die Stimme, dies bezieht sich auf Kaiser Hadrian, der in Alexandrien in Miçrajim sechzig Myriaden auf sechzig Myriaden, doppelt soviel wie die Auszügler aus Miçrajim, getötet hat. Ist die Stimme Ja͑qobs, dies bezieht sich auf Kaiser Vespasian, der in der Stadt Bitther vierhundert Myriaden, und wie manche sagen, viertausend Myriaden, getötet hat. Die Hände sind die Hände E͑savs, dies bezieht sich auf die ruchlose Regierung, die unser Haus zerstört, unseren Tempel verbrannt und uns aus unserem Lande verjagt hat.

10Eine andere Auslegung: Die Stimme ist die Stimme Ja͑qobs, es gibt kein wirksames Gebet, wobei nicht Kinder Ja͑qobs beteiligt wären; die Hände sind die Hände E͑savs, es gibt keinen siegreichen Krieg, wobei nicht Kinder E͑savs beteiligt wären.

11Das ist es, was R. Elea͑zar gesagt hat: Geborgen bist du durch der Zunge Streiche, durch Anschlägen der Zunge bist du geborgen. R. Jehuda sagte im Namen Rabhs: Es heißt: An den Strömen Babels, da saßen wir und weinten, als wir Çijons gedachten. Dies lehrt, daß der Heilige, gepriesen sei er, David die Zerstörung des ersten Tempels und die Zerstörung des zweiten Tempels zeigte. Die Zerstörung des ersten Tempels, denn es heißt: an den Strömen Babels, da saßen wir und weinten; die Zerstörung des zweiten Tempels, den es heißt: gedenke, o Herr, den Söhnen Edoms den Tag Jerušalems, die da sprachen: reißt nieder, reißt nieder bis auf den Grund.

12R. Jehuda sagte im Namen Šemuéls, nach anderen R. Amis, und manche sagen, es wurde in einer Barajtha gelehrt: Einst wurden vierhundert Knaben und Mädchen zur Schande gefangen genommen. Als sie merkten, wofür sie begehrt wurden, sprachen sie: Kommen wir, wenn wir uns ins Meer stürzen, in die zukünftige Welt? Da trug ihnen der Älteste unter ihnen vor: Es spricht der Herr: Von Bašan führe ich zurück, ich führe zurück aus den Meerestiefen. Von Bašan führe ich zurück, selbst aus den Zähnen eines Löwen; ich führe zurück aus den Meerestiefen, diejenigen, die im Meere ertrunken sind.

13Als die Mädchen dies hörten, sprangen sie alle auf und stürzten sich ins Meer. Da folgerten die Knaben einen Schluß (vom Leichteren auf das Schwerere) und sprachen: wenn diese, bei denen dies die natürliche Art ist, es getan haben, um wieviel mehr müssen wir es tun, wo dies bei uns nicht die natürliche Art ist. Hierauf sprangen auch sie ins Meer. Über sie spricht die Schrift: Deinetwegen werden wir täglich getötet, werden wie Schlachtschafe geachtet.

14R. Jehuda sagte: Dies ist auf jene Frau und ihre sieben Söhne zu beziehen. Man führte den ersten vor den Kaiser und sprach zu ihm: Bete den Götzen an. Dieser erwiderte: Es heißt in der Schrift: ich, der Herr, bin dein Gott. Da führte man ihn hinaus und tötete ihn.

15Hierauf führte man den anderen vor den Kaiser und sprach zu ihm: Bete den Götzen an. Dieser erwiderte: Es heißt in der Schrift: du sollst keine anderen Götter vor mir haben. Da führte man ihn hinaus und tötete ihn. Hierauf holte man den anderen und sprach zu ihm: Bete den Götzen an. Dieser erwiderte: Es heißt in der Schrift: wer Götzen opfert, soll verbannt sein. Da führte man ihn hinaus und tötete ihn.

16Hierauf holte man den anderen und sprach zu ihm: Bete den Götzen an. Dieser erwiderte: Es heißt in der Schrift: du sollst dich vor keinem anderen Gotte bücken. Da führte man ihn hinaus und tötete ihn. Hierauf holte man den anderen und sprach zu ihm: Bete den Götzen an. Dieser erwiderte: Es heißt in der Schrift: höre Jisraél, der Herr ist unser Gott, der Herr ist einzig. Da führte man ihn hinaus und tötete ihn.

17Hierauf holte man den anderen und sprach zu ihm: Bete den Götzen an. Dieser erwiderte: Es heißt in der Schrift: erkenne heute und nimm es dir zu Herzen, daß der Herr allein Gott oben im Himmel ist, und unten auf Erden gibt es sonst keinen. Da führte man ihn hinaus und tötete ihn.

18Hierauf holte man den anderen und sprach zu ihm: Bete den Götzen an. Dieser erwiderte: Es heißt in der Schrift: den Herrn hast du anerkannt &c. und der Herr hat dich heute anerkannt. Wir haben dem Heiligen, gepriesen sei er, bereits geschworen, daß wir ihn mit keinem anderen Gott vertauschen werden, und auch er hat uns geschworen, daß er uns mit keiner anderen Nation vertauschen werde.

19Hierauf sprach der Kaiser zu ihm: Ich will meinen Siegelring vor dir hinwerfen, bücke dich und hebe ihn auf, damit man sage, du habest den Befehl des Königs erfüllt. Dieser erwiderte: Wehe dir, Kaiser, wehe dir, Kaiser; wenn du so auf deine Ehre achtest, um wieviel mehr ist auf die Ehre des Heiligen, gepriesen sei er, zu achten!

20Als man ihn hinausführte, um ihn zu töten, sprach seine Mutter: Gebt ihn mir, damit ich ihn ein wenig küsse. Sie sprach dann: Kinder geht und sagt eurem Vater Abraham: du hast einen Altar errichtet, ich aber habe sieben Altäre errichtet. Hierauf stieg auch sie aufs Dach, stürzte sich hinab und starb. Da ertönte eine Hallstimme und sprach: es freue sich die Mutter der Kinder.

21R. Jehošua͑ b. Levi sagte, dies beziehe sich auf die Beschneidung, die für den achten [Tag] verliehen worden ist. R. Šimo͑n b. Laqiš sagte, dies beziehe sich auf die Schriftgelehrten, die die Vorschriften über das Schlachten an ihrem eigenen Körper demonstrieren. Raba sagte nämlich: Alles demonstriere man an seinem eigenen Körper, nur nicht das Schlachten und jene Sache.

22R. Naḥman b. Jiçḥaq sagte, dies beziehe sich auf die Schriftgelehrten, die sich für Worte der Tora dem Tode preisgeben. Dies nach R. Šimo͑n b. Laqiš, denn R. Šimo͑n b. Laqiš sagte: Die Worte der Tora bleiben nur dem erhalten, der sich für sie dem Tode preisgibt, denn es heißt: das ist das Gesetz, wenn jemand in einem Zelte stirbt &c. Rabba b. Bar Ḥana sagte im Namen R. Joḥanans: Vierzig Seá

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.