Gittin — Blatt 58a
1Tephillinkapseln fand man an den Häuptern der Erschlagenen von Bitther. R. Jannaj b. R. Jišma͑él sagte: Drei Haufen von je vierzig Seá. In einer Barajtha wurde gelehrt: Vierzig Haufen von je drei Seá.
2Sie streiten aber nicht, denn das eine gilt von den Kopfkapseln und das andere gilt von den Armkapseln.
3R. Asi sagte: Vier Kab Hirn fand man an einem Steine. U͑la sagte: Neun Kab, R. Kahana, nach anderen Šila b. Mari, sagte: Folgender Schriftvers deutet hierauf: Tochter Babels, du geplünderte, heil dem, der dir bezahlt &c., heil dem, der deine Säuglinge packt und an den Felsen zerschmettert.
4Die Söhne Çijons, die teuren, in Feingold aufgewogen. Was heißt: in Feingold aufgewogen; wollte man sagen, sie hüllten sich in Feingold, so sagten sie ja in der Schule R. Šilas, daß das Gewicht von zwei Stater Feingold in die Welt gekommen sei, einer befinde sich in Rom und einer in der ganzen Welt!? – Vielmehr, sie beschämten durch ihre Schönheit das Feingold.
5Früher pflegten die Vornehmen Roms den Beischlaf vor der Figur eines Siegelringes zu vollziehen, von da ab banden sie jisraélitische Kinder an den Fuß des Bettes und vollzogen den Beischlaf.
6Jemand sprach zu seinem Genossen: Wo befindet sich dies in der Schrift? Dieser erwiderte: Auch jede Krankheit und jede Plage, die nicht in diesem Buche der Lehre geschrieben ist. Jener fragte: Wie weit bin ich von dieser [Schrift]stelle? Dieser erwiderte: Wenig, anderthalb Seiten. Da sprach jener: Wäre ich so weit, brauchte ich deiner nicht.
7R. Jehuda sagte im Namen Šemuéls im Namen des R. Šimón b. Gamliél: Es heißt: mein Auge tut meiner Seele weh um alle Töchter meiner Stadt. Vierhundert Lehrhäuser waren in der Stadt Bitther, in jedem waren vierhundert Kinderlehrer und jeder hatte vierhundert Schulkinder vor sich.
8Als der Feind da eindrang, stachen sie nach ihm mit ihren Stäben, und als der Feind siegte und sie gefangen nahm, wickelten sie sie in ihre Bücherrollen und sie steckten sie in Brand.
9Die Rabbanan lehrten: Einst kam R. Jehošua͑ b. Ḥananja in die Großstadt Rom, und man erzähle ihm, daß im Gefängnisse sich ein Knabe befinde, hübschäugig, schön von Gestalt, und die Locken in Krausen herabwallend. Hierauf begab er sich dahin, blieb an der Tür des Gefängnisses stehen und sprach: Wer gab Ja͑qob der Plünderung preis, Jisraél den Raubenden? Der Knabe antwortete: Ist es nicht der Herr, gegen den wir gesündigt, auf dessen Wegen man nicht wandeln wollte und auf dessen Lehre man nicht hörte?
10Da sprach er: Ich bin dessen sicher, daß dieser dereinst das Gesetz in Jisraél lehren werde. Beim Kult, ich weiche nicht von hier, bis ich ihn um jeden Betrag, den man für ihn verlangt, ausgelöst habe. Man erzählt, daß er nicht von der Stelle wich, bis er ihn um einen hohen Betrag ausgelöst hatte. Kaum waren wenige Tage verstrichen, da lehrte er das Gesetz in Jisraél. Es war R. Jišma͑él b. Eliša͑.
11R. Jehuda erzählte im Namen Rabhs: Einst gerieten der Sohn und die Tochter des R. Jišma͑él b. Eliša͑ in die Gefangenschaft von zwei Herren. Als diese später an einer Stelle zusammentrafen, erzählte der eine, er habe einen Sklaven, dessen Schönheit in der ganzen Welt nicht zu finden sei, und der andere erzählte, er habe eine Sklavin, deren Schönheit in der ganzen Welt nicht zu finden sei.
12Hierauf sprachen sie: Wohlan, wir wollen sie mit einander verheiraten und die Kinder teilen. Als man sie in eine Kammer brachte, setzte sich der eine in eine Ecke und die andere in eine andere Ecke. Der eine sagte: Ich bin Priester, ein Abkömmling von Hochpriestern, und soll eine Sklavin heiraten! Die andere sagte: Ich bin Priesterstochter, Abkömmling von Hochpriestern, und soll von einem Sklaven geheiratet werden! Und so weinten sie die ganze Nacht.
13Als die Morgenröte auf gegangen war, erkannten sie einander und fielen auf einander heftig weinend, bis ihnen die Seele ausging. Über sie klagt Jirmejahu: Dieserhalb weine ich, mein Auge, mein Auge zerfließt in Wasser.
14Reš Laqiš erzählte: Folgendes ereignete sich mit einem Weibe namens Çophnath, Tochter Peniéls. Çophnath [hieß sie], weil jeder ihre Schönheit betrachtete [çophe]; Tochter Peniéls, Tochter eines Hochpriesters, der im Allerinnersten [penaj] Dienst tat.
15Ein Sklavenfänger ergötzte sich mit ihr die ganze Nacht und am folgenden Morgen zog er ihr sieben Gewänder an und führte sie zum Verkaufe hinaus. Da kam ein besonders häßlicher Mensch und sprach zu ihm: Zeige mir ihre Schönheit. Jener erwiderte: Wicht, wenn du sie kaufen willst, so kaufe sie; eine Schönheit wie ihre gibt es in der ganzen Welt nicht.
16Jener sprach: Dennoch. Da zog er ihr sechs Gewänder aus. Hierauf zerriß sie das siebente, wälzte sich im Staube und sprach vor ihm: Herr der Welt, wenn du auch unserer nicht schonst, weshalb aber schonst du nicht der Heiligkeit deines starken Namens!?
17Über sie klagt Jirmejahu: Tochter meines Volkes, gürte dich mit einem Sacke und wälze dich im Staube; veranstalte eine Trauer wie um einen Einzigen, bittre Klage, denn gar plötzlich überfällt uns der Verwüster. Es heißt nicht dich, sondern uns, dies heißt, als ob dies denkbar wäre, mich und dich überfällt der Verwüster.
18R. Jehuda sagte im Namen Rabhs: Es heißt: sie üben Gewalt an dem Manne und an seinem Hause, an dem Menschen und an seinem Besitze. Einst warf jemand sein Auge auf die Frau seines Meisters, es war ein Tischlergeselle,
19und als einmal der Meister Geld zu borgen benötigt war, sprach dieser zu ihm: Schicke deine Frau zu mir, ich will ihr das Darlehen geben. Jener schickte seine Frau zu ihm, und dieser verbrachte mit ihr drei Tage. Da machte sich jener auf, ging zu ihm hin und sprach zu ihm: Wo ist meine Frau, die ich zu dir geschickt habe? Dieser erwiderte: Ich habe sie alsbald entlassen, habe aber gehört, daß Buben sich mit ihr unterwegs ergötzten.
20Jener sprach: Was mache ich nun!? Dieser erwiderte: Wenn du auf meinen Rat hören willst, so laß dich von ihr scheiden. Jener versetzte: Sie hat eine hohe Morgengabe. Dieser erwiderte: Ich will dir Geld borgen, und bezahle ihr ihre Morgengabe. Hierauf ließ er sich von ihr scheiden und darauf heiratete sie dieser.
21Als die Frist abgelaufen war und er nicht bezahlen konnte, sprach dieser zu ihm: Komm und. leiste bei mir Arbeit für deine Schuld. Wenn diese beiden beim Essen und Trinken saßen, stand jener und schenkte ihnen ein. Die Tränen rollten ihm aus den Augen und fielen in die Becher. In jener Stunde ist das [jisraélitische] Los besiegelt worden. Manche sagen, wegen zweier Dochte in einer Lampe.
22WENN JEMAND [EIN FELD] VON EINEM PLÜNDERER &C. GEKAUFT HAT. Rabh sagte: Dies nur dann, wenn er zu ihm gesagt hat: geh, tritt den Besitz an und erwirb es, wenn es aber durch eine Urkunde erfolgt ist, so hat er es erworben. Šemuél aber sagt, auch durch eine Urkunde habe er es nicht erworben, es sei denn, daß er ihm eine Bürgschaft geschrieben hat.
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.