Gittin — Blatt 7a

1Man sage es aber freundlich, damit man auf ihn höre. R. Aši sagte; Ich hatte das, was Rabba b. Bar Ḥana gesagt hat, nicht gehört, tat dies aber aus eigenem Antrieb.

2R. Abahu sagte: Nie lasse man übermäßige Strenge in seinem Hause walten, denn ein bedeutender Mann ließ übermäßige Strenge in seinem Hause walten, und man veranlaßte ihn, eine schreckliche Sache zu essen.

3Das ist R. Ḥanina b. Gamliél. – Zu essen, wie ist dies möglich; wenn der Heilige, gepriesen sei er, nicht einmal das Vieh der Frommen zu einem Verstoße kommen läßt, um wieviel weniger die Frommen selbst!? –

4Vielmehr, man wollte ihn eine schreckliche Sache zu essen veranlassen, nämlich ein Glied von einem lebenden Vieh.

5Mar U͑qaba Heß R. Elea͑zar fragen: Wie habe ich mit den Leuten zu verfahren. die gegen mich auftreten, und es in meiner Hand steht, sie bei der Regierung anzugeben?

6Da liniierte er [ein Blatt] und schrieb ihm: Ich sprach: ich will mich hüten, mit meiner Zunge zu sündigen, ich will meinem Munde einen Zaum anlegen, wenn ein Frevler mir gegenüber ist. Selbst wenn der Frevler gegen mich ist, will ich meinem Munde einen Zaum anlegen.

7Hierauf ließ jener ihm sagen: Sie quälen mich sehr und ich kann gegen sie nicht aufkommen. Dieser ließ ihm erwidern: Sei still vor dem Herrn und hoffe auf ihn; sei still vor dem Herrn, und er wird sie dir haufenweise niederstrecken; verweile frühmorgens und spätabends im Lehrhause und sie werden von selbst zugrunde gehen. Dieses Wort kam aus dem Munde R. Elea͑zars, und man legte Geniba in Halseisen.

8Man ließ Mar U͑qaba fragen: Woher, daß die Musik verboten ist? Da liniierte er [ein Blatt] und schrieb ihnen: Freue dich nicht, Jisraél, mit Jubel, wie die übrigen Völker. –

9Sollte er ihnen doch folgendes geschrieben haben: nicht mehr wird bei Gesang Wein getrunken, bitter ist der Rauschtrank den Zechern!? – Aus diesem könnte man entnehmen, dies gelte nur von der Musik mit einem Instrumente, mit dem Munde aber sei es erlaubt, so lehrt er uns.

10R. Hona b. Nathan sprach zu R. Aši: Was besagt der Schriftvers: Qina, Dimuna und A͑da͑da? Dieser erwiderte: Er zählt die Städte des Jisraéllandes auf.

11Jener sprach: Weiß ich etwa nicht, daß er die Städte des Jisraéllandes aufzählt!? Aber R. Gebiha aus Argiza sagte hierzu folgende Auslegung: Wenn jemand über seinen Nächsten in Zorn [qina͑] ist und dennoch schweigt [domem], so wird der in der Ewigkeit [a͑de a͑d] Weilende ihm Recht verschaffen.

12Dieser entgegnete: Es heißt auch: Çiqlag, Madmena und Sansana; demnach ist dies ebenso [auszulegen]!? Jener erwiderte: Wenn R. Gebiha aus Argiza da wäre, würde er auch hierzu eine Auslegung gesagt haben. R. Aḥa aus Hozäa sagte hierzu folgendes: Wenn jemand gegen seinen Nächsten eine Brotklage [çaa͑qlegima] hat und schweigt [domem], so wird der, der im Dornbusche [sene] geweilt hat, ihm Recht verschaffen.

13Der Exilarch sprach zu R. Hona: Woher, daß der Kranz verboten ist? Dieser erwiderte: Rabbanitisch, denn wir haben gelernt, daß man bei der Invasion des Vespasian die Bräutigamskränze und die Handtrommel verboten habe.

14Als währenddessen R. Hona zu einem Bedürfnisse hinaustrat, sprach R. Ḥisda zu ihm: Es ist auch ein Schriftvers vorhanden: So spricht Gott der Herr: Herunter den Kopfbund, ab den Kranz. Dieses ist nicht dieses; das Niedrige erhöht und das Hohe erniedrigt.

15Welcher Zusammenhang besteht zwischen Kopfbund und Kranz? Dies besagt vielmehr: zur Zeit, wo der Kopfbund sich auf dem Kopfe des Hochpriesters befindet, mag der Kranz auf dem Kopfe jedes anderen Menschen sein, ist der Kopfbund vom Kopf des Hochpriesters entfernt worden, so ist auch der Kranz vom Kopfe jedes anderen Menschen zu entfernen.

16Inzwischen kam R. Hona zurück und traf sie sitzen. Da sprach er: Bei Gott, nur rabbanitisch; aber Ḥisda [Liebling] ist dein Name und lieblich sind auch deine Worte.

17Einst traf Rabina den Mar, den Sohn R. Ašis, einen Kranz für seine Tochter winden. Da sprach er zu ihm: Hält denn der Meister nichts von dem, [was geschrieben steht:] herunter den Kopfbund, ah den Kranz? Dieser erwiderte: Gleich dem Hochpriester, nur Männer.

18Was heißt: dieses ist nicht dieses? – R. A͑vira trug vor, zuweilen im Namen R. Amis und zuweilen im Namen R. Asis: Als der Heilige, gepriesen sei er, zu Jisraél sprach: herunter den Kopfbund, ab den Kranz, sprachen die Dienstengel vor dem Heiligen, gepriesen sei er: Herr der Welt, dies den Jisraéliten, die dir am Sinaj das Tun vor dem Hören [versprachen]!?

19Er erwiderte ihnen: Etwa nicht dies den Jisraéliten, die das Hohe erniedrigt und das Niedrige erhöht, und ein Götzenbild im Tempel aufgestellt haben!?

20R. A͑vira trug vor, zuweilen im Namen R. Amis und zuweilen im Namen R. Asis: Es heißt: So spricht der Herr, wenn sie auch kräftig und viel sind, so werden sie doch abgeschnitten und dahin &c. Wenn ein Mensch sieht, daß seine Nahrung knapp ist, so übe er damit Wohltätigkeit, und um so mehr, wenn sie reichlich ist. –

21Was heißt: so werden sie doch abgeschnitten und dahin? – In der Schule R. Jišma͑éls wurde gelehrt: Wer sein Vermögen beschneidet und damit Wohltätigkeit übt, wird vor dem Strafgerichte des Fegefeuers gerettet. Dies ist mit dem Falle zu vergleichen, wenn zwei Schafe über ein Gewässer schwimmen, das eine geschoren und das eine ungeschoren; das geschorene kommt hinüber und das ungeschorene kommt nicht hinüber.

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.