Gittin — Blatt 90a
1Die Halakha ist: sie ist beiden erlaubt.
2DIE SCHULE ŠAMMAJS SAGT, MAN DÜRFE SICH VON SEINER FRAU NUR DANN SCHEIDEN LASSEN, WENN MAN AN IHR ETWAS SCHÄNDLICHES GEFUNDEN HAT, DENN ES HEISST: denn er fand an ihr etwas Schändliches;
3DIE SCHULE HILLELS SAGT, SELBST WENN SIE IHM DIE SUPPE VERSALZEN HAT, DENN ES HEISST: denn er fand an ihr etwas Schändliches;
4R. A͑QIBA SAGT, SELBST WENN ER EINE ANDERE SCHÖNER ALS SIE FINDET, DENN ES HEISST: wenn sie keine Gunst in seinen Augen findet.
5GEMARA. Es wird gelehrt: Die Schule Hillels sprach zu der Schule Šammajs Es heißt ja etwas!? Die Schule Šammajs erwiderte: Es heißt ja Schändliches!?
6Die Schule Hillels entgegnete: Wenn es nur Schändliches und nicht etwas hieße, so könnte man glauben, sie müsse nur wegen einer Schändlichkeit fort, nicht aber wegen eines etwas; daher heißt es auch etwas. Und würde es nur etwas und nicht Schändliches geheißen haben, so könnte man glauben, wenn wegen eines etwas, dürfe ein anderer sie heiraten, wenn aber wegen einer Schändlichkeit, dürfe ein anderer sie nicht heiraten, daher heißt es Schändliches. –
7Wofür verwendet die Schule Šammajs [das Wort] etwas? – Hierbei heißt es etwas und dort heißt es: durch zwei Zeugen oder durch drei Zeugen soll etwas bestätigt werden, wie dort durch zwei Zeugen, ebenso auch hier durch zwei Zeugen. –
8Und die Schule Hillels!? – Heißt es denn: Schändlichkeit durch etwas!? – Und die Schule Šammajs!? – Heißt es denn: (entweder) Schändliches oder etwas!? –
9Und die Schule Hillels!? – Es heißt daher etwas Schändliches, weil darunter das eine und das andere zu verstehen ist.
10R. A͑QIBA SAGT, SELBST WENN ER EINE ANDERE FINDET. Worin besteht ihr Streit? – In einer Lehre des Reš Laqiš, denn Reš Laqiš sagte: [Das Wort] ‘ki’ hat vier Begriffe: wenn, vielleicht, sondern, denn.
11Die Schule Šammajs erklärte: ki, denn er fand an ihr etwas Schändliches. R. A͑qiba aber erklärt: ki, oder [wenn] er an ihr etwas Schändliches fand.
12R. Papa fragte Raba: Wie ist es, wenn er an ihr weder Schändliches noch etwas gefunden hat?
13Dieser erwiderte: Da der Allbarmherzige von der Genotzüchtigten sagt: er darf sie nicht fortschicken all seine Tage, all seine Tage obliegt es ihm, sie wiederzunehmen, so gilt dies nur von dieser, von der der Allbarmherzige es gesagt hat, hierbei aber ist es, wenn es geschehen ist, dabei zu belassen.
14R. Mešaršeja fragte Raba: Wie ist es, wenn er im Herzen beabsichtigt, sich von ihr zu scheiden, sie aber bei ihm weilt und ihn bedient? Da las er hierüber: Sinne nicht Böses wider deinen Nächsten, während er arglos bei dir weilt.
15Es wird gelehrt: R. Meír sagte: Wie es verschiedene Eigenarten inbetreff der Speisen gibt, so gibt es verschiedene Eigenarten inbetreff der Frau. Mancher gießt, wenn eine Fliege ihm in den Becher fällt, diesen fort und trinkt ihn nicht. Dies ist die Art des Papos b. Jehuda; wenn er fortging, verschloß er vor seiner Frau [die Tür].
16Mancher entfernt die Fliege, die in seinen Becher fällt, und trinkt ihn. Dies ist die Art eines Durchschnittsmenschen; wenn [seine Frau] mit ihren Brüdern oder Verwandten sich unterhält, so läßt er dies gewähren.
17Mancher sagt, wenn eine Fliege ihm in die Schüssel fällt, diese aus und ißt sie. Dies ist die Art eines schiechten Menschen; er sieht ruhig zu, wie seine Frau barhäuptig, an beiden Seiten entblößt auf die Straße
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.