Jevamot — Blatt 102b

1Kommt denn so etwas vor? – Freilich, so sahen einst die Jünger R. Jehuda mit fünf Paar Überschuhen auf die Straße gehen.

2R. Jehuda sagte im Namen Rabhs: Wenn die Schwägerin mit den Brüdern zusammen auf gewachsen ist, so darf sie sich trotzdem mit einem von ihnen verheiraten, und man berücksichtige nicht, sie könnte einem von ihnen eine Sandale heruntergezogen haben. –

3Nur weil man es nicht beobachtet hat, wenn man es aber beobachtet hat, berücksichtige man dies, und dem widersprechend wird gelehrt, wenn er es beabsichtigt hat und nicht sie, oder sie es beabsichtigt hat und nicht er, sei die Ḥaliça ungültig; nur wenn beide es beabsichtigt haben!? – Er meint es wie folgt: auch wenn man es beobachtet hat, berücksichtige man nicht, sie könnten es beabsichtigt haben.

4Manche lesen: Nur wenn man es nicht beobachtet hat, wenn man es aber beobachtet hat, berücksichtige man dies; die Lehre aber, hierbei sei eine Beabsichtigung erforderlich, bezieht sich nur auf die Erlaubnis für jedermann, für die Brüder aber ist sie untauglich.

5R. Jehuda sagte im Namen Rabhs: Man vollziehe die Ḥaliça nicht mit einer Sandale, die mit Flachs genäht ist, denn es heißt: ich zog dir Schuhe, an aus Taḥašfell. – Vielleicht nur aus Taḥašfell, aus anderem aber nicht!? –

6Es heißt zweimal Schuh, und dies ist einschließend. – Wenn die Wiederholung [des Wortes] Schuh einschließend ist, so sollte auch alles andere einbegriffen sein!? – Welche Bedeutung hätte demnach [die Bezeichnung] Taḥašfell.

7R. Elea͑zar fragte Rabh: Wie ist es, wenn [die Sandale] aus Leder und die Schnüre aus Haar sind? Dieser erwiderte: Heißt es etwa von einer solchen nicht: ich zog dir Schuhe aus Taḥašfell an? – Demnach sollte dies auch von einer gelten, die ganz aus Haar ist!? – Eine solche heißt Pantoffel.

8R. Kahana sprach zu Šemuél: Woher, daß veḥalça, das beim Schuh am Fuße zu verrichten ist, herunterziehen heißt? – Es heißt: man soll die Steine herausziehen, an denen der Aussatz ist. –

9Vielleicht heißt dies rüsten, wie es heißt: rüstet euch Männer zum Heere!? – Auch da bedeutet dies aus dem Hause in den Krieg ziehen. –

10Es heißt ja: er rüstet den Armen in seinem Elend!? – Als Entgelt für sein Elend zieht er ihn aus dem Strafgerichte des Fegefeuers. –

11Es heißt ja: es lagert ein Engel des Herrn rings um die, die ihn fürchten, und rüstetsie!? – Als Entgelt dafür, daß sie ihn fürchten, ziehter sie aus dem Strafgerichte des Fegefeuers. –

12Es heißt ja: und deine Gebeine stärken, und hierzu sagte R. Elea͑zar, dies sei das beste unter den Segnungen, und Raba erklärte, dies heiße die Gebeine rüsten!? – Allerdings, es kann dies bedeuten und es kann jenes bedeuten; wenn man aber sagen wollte, hierbei heiße es rüsten, so sollte der Allbarmherzige ‘veḥalça den Schuh an seinen Fuß’ geschrieben haben. –

13Hätte der Allbarmherzige ‘an seinen Fuß’ geschrieben, so könnte man glauben, nur an den Fuß, nicht aber den Schenkel daher schrieb der Alibarmherzige ‘von seinem Fuße’, auch am Schenkel!? – So sollte der Allbarmherzige ‘über seinem Fuße’ geschrieben haben, wenn es aber ‘von seinem Fuße’ heißt, so bedeutet es abziehen.

14Ein Minäer sprach zu R. Gamliél: Ihr seid ein Volk, an dem Gott die Ḥaliça vollzogen hat, denn es heißt: mit ihren Schafen und ihren Rindern werden sie hingehen, [das Wort] des Herrn zu suchen, aber ihn nicht finden, er hat sich von ihnen losgesagt.

15Dieser erwiderte ihm: Tor, heißt es denn: an ihnen Lossagung vollzogen, es heißt: von ihnen losgesagt; hat es denn irgend welche Bedeutung, wenn die Brüder von der Schwägerin die Ḥaliça erhalten!?

16MIT EINER SOCKE, SO IST SIE UNGÜLTIG &C. Demnach gilt eine Socke nicht als Schuh,

17desgleichen wird gelehrt, der Abhebende durfte nicht mit einem aufgekrempelten Gewand oder mit Socken eintreten, und um so weniger mit Schuhen oder Sandalen, weil man den Tempelhof nicht mit Schuhen oder Sandalen betreten darf,

18und dem widersprechend wird gelehrt, daß man nicht mit Schuhen, Sandalen oder Socken von einem Hause nach dem anderen oder von einem Bette zum anderen gehen darf!?

19Abajje erwiderte: Wenn sie gefüttert sind, wegen der Behaglichkeit. Raba sprach zu ihm: Sind sie denn, wenn sie nicht als Schuhe gelten, wegen der Behaglichkeit am Versöhnungstage verboten, Rabba b. R. Hona wickelte ja Tücher um die Füße und ging so!? Vielmehr, erklärte Raba, dies ist kein Widerspruch; das eine gilt von Socken aus Leder und das andere von Socken aus Stoff.

20Dies ist auch einleuchtend; wenn du nicht so erklärst, so besteht ein Widerspruch auch hinsichtlich des Versöhnungstages, denn es wird gelehrt, daß man im Zimmer nicht in Pantoffeln umhergehe, wohl aber in Socken. Wahrscheinlich gilt das eine von Socken aus Leder und das andere von Socken aus Stoff. Schließe hieraus.

21Übereinstimmend mit Raba wird gelehrt: Vollzog sie die Ḥaliça mit einem aufgerissenen Stiefel, der den größeren Teil des Fußes bedeckt, mit einer beschädigten Sandale, die den größeren Teil des Fußes faßt, mit einer Sandale aus Kork oder Bast, mit einer Stelze des Beinlosen, mit einer Galosche, mit einer Fußstütze, mit einer Socke aus Leder, und zwar an einem Erwachsenen,

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.