Jevamot — Blatt 105b

1R. Jehuda sagte im Namen Rabhs: Dies ist die Ansicht R. Meírs, die Weisen aber sagen, die Ḥaliça eines Minderjährigen sei unwirksam.

2WENN VON EINER MINDERJÄHRIGEN &C. R. Jehuda sagte im Namen Rabhs: Dies ist die Ansicht R. Meír, welcher sagt, im Abschnitte heiße es Mann, und man vergleiche die Frau mit dem Manne,

3die Weisen aber sagen, im Abschnitte heiße es Mann, bei der Frau aber sei es einerlei, ob großjährig oder minderjährig.

4Wer ist unter Weisen zu verstehen? – Es ist R. Jose. Einst saßen nämlich R. Ḥija und R. Šimo͑n b. Rabbi beisamen, und einer von ihnen fing an und sprach: Wer das Gebet verrichtet, richte die Augen nach unten, denn es heißt: meine Augen und mein Herz werden dort alle Tage sein.

5Der andere aber sprach: [Er richte] das Herz nach oben, denn es heißt: erheben wir unser Herz mit den Händen. Inzwischen kam R. Jišma͑él b. R. Jose zu ihnen heran und fragte sie, womit sie sich befaßten. Sie erwiderten: Mit dem Gebete. Da sprach er zu ihnen: Folgendes sagte mein Vater: wer das Gebet verrichtet, richte die Augen nach unten und das Herz nach oben, sodaß jene beide Schriftverse aufrecht erhalten bleiben.

6Währenddessen kam Rabbi zur Vorlesung. Jene waren bebende und erreichten ihren Platz, R. Jišma͑él b. R. Jose aber ging wegen seiner Leibesschwere schreitend.

7Da rief Abdan; Wer ist es, der über die Köpfe des heiligen Volke« schreitet!? Dieser erwiderte: Ich bin Jišma͑él, Sohn des R. Jose; ich bin hergekommen, um beim Meister die Tora zu lernen. Jener entgegnete: Bist du denn würdig, beim Meister die Tora zu lernen!?

8Dieser erwiderte: War Moše denn würdig, die Tora aus dem Munde der Allmacht zu lernen? Jener entgegnete: Bist du etwa Moše? Dieser erwiderte: Ist dein Meister etwa Gott!? R. Joseph sprach: Rabbi hatte seine Strafe weg; er sagte ‘dein Meister’ und nicht ‘der Meister’.

9Mittlerweile kam eine Schwägerin vor Rabbi, und Rabbi beauftragte Abdan, zu gehen und sie untersuchen zu lassen. Nachdem er hinausgegangen war, sprach R. Jišma͑él: Folgendes sagte mein Vater: im Abschnitte heißt es Mann, bei der Frau aber ist es einerlei, ob großjährig oder minderjährig.

10Hierauf sprach [Rabbi]: Komm, es ist nicht nötig; ein Greis hat es bereits entschieden. Als dann Abdan schreitend zurückkam, sprach R. Jišma͑él b. R. Jose zu ihm: Den das heilige Volk braucht, mag wohl über die Köpfe des heiligen Volkes schreiten, wieso aber schreitet der, den das heilige Volk nicht braucht, über die Köpfe des heiligen Volkes!?

11Da sprach Rabbi zu Abdan: Bleibe auf deinem Platze. Es wird gelehrt: An jener Stunde ward Abdan aussätzig, seine beiden Söhne ertranken und seine beiden Schwiegertöchter erklärten die Weigerung. R. Naḥman b. Jiçḥaq sprach: Gepriesen sei der Allbarmherzige, der es Abdan auf dieser Welt vergolten hat.

12R. Ami sagte: Aus den Worten Berabbis lernen wir, daß Minderjährige auch im Kindesalter die Ḥaliça vollziehen können. Raba sagte: Wenn sie das Alter des Gelobens erlangt. Die Halakha ist, wenn sie zwei Haare bekommen hat.

13VOLLZOG SIE DIE ḤALIÇA VOR ZWEIEN &C. R. Joseph b. Minjomi sagte im Namen R. Naḥmans: Die Halakha ist nicht wie dieses Paar. – Dies sagte ja R. Naḥman bereits einmal, denn R. Joseph b. Minjomi sagte im Namen R. Naḥmans, die Ḥaliça müsse vor dreien erfolgen!? –

14Beides ist nötig. Würde er nur das erste gelehrt haben, so könnte man glauben, wenn von vornherein, ist es aber bereits erfolgt, so genügen auch zwei; daher lehrt er uns, die Halakha sei nicht wie dieses Paar. Und würde er nur gelehrt haben, die Halakha sei nicht wie dieses Paar, sondern wie der erste Autor, so könnte man glauben, wenn es bereits erfolgt ist, von vornherein aber seien fünf erforderlich. Daher ist beides nötig.

15EINST VOLLZOG JEMAND DIE ḤALIÇA &C. Wenn zwischen ihm und ihr, woher weiß man es!? R. Jehuda erwiderte im Namen Šemuéls: Wenn Zeugen es draußen sehen.

16Sie fragten: Ist die Ḥaliça zwischen ihm und ihr außerhalb erfolgt und die Sache vor R. A͑qiba im Gefängnisse gekommen, oder ist die Ḥaliça zwischen ihm und ihr im Gefängnisse erfolgt? R. Jehuda erwiderte im Namen Rabhs: Die Sache ereignete sich im Gefängnisse und kam im Gefängnisse zur Entscheidung.

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.