Jevamot — Blatt 106b

1DIE ZEREMONIE DER ḤALIÇA ERFOLGT ALSO. ER UND SEINE SCHWÄGERIN ERSCHEINEN VOR GERICHT, UND [DIE RICHTER] ERTEILEN IHM EINEN FÜR IHN PASSENDENRAT, WIE ES HEISST: die Ältesten seiner Stadt sollen ihn laden und zu ihm sprechen.

2SIE SPRICHT DANN: Mein Schwager weigert sich, seinem Bruder einen Namen in Jisraél zu erhalten, nicht will er an mir die Schwagerpflicht üben. HIERAUF SPRICHT ER: Nicht will ich sie nehmen. SIE SPRECHEN DIES IN DER HEILIGENSPRACHE. SODANN TRITT SEINE SCHWÄGERIN VOR DEN AUGEN DER ÄLTESTEN ZU IHM HERAN, ZIEHT IHM DEN SCHUH VOM FUSSE HERUNTER UND SPEIT VOR IHM AUS; SPEICHEL, DEN DIE RICHTER SEHEN. ALSDANN HEBT SIE AN UND SPRICHT: So geschehe dem Manne, der nicht baut das Haus seines Bruders. SOWEIT LAS MAN FRÜHER.

3NACHDEM ABER R. HYRKANOS EINMAL UNTER DER EICHE ZU KEPHAR E͑ṬAM BEIM VORLESEN DEN GANZEN ABSCHNITT BEENDEN LIESS, WURDE EINGEFÜHRT, DEN ABSCHNITT VOLLSTÄNDIG ZU BEENDEN: Und sein Name werde in Jisraél genannt: das Haus des Entschuhten. DIESES GEBOT GILT FÜR DIE RICHTER UND NICHT FÜR DIE SCHÜLER. R. JEHUDA SAGT, ALLEN ANWESENDEN SEI ES GEBOTEN, ‘ENTSCHUHTER’ ZU RUFEN.

4GEMARA. R. Jehuda sagte: Die Zeremonie der Ḥaliça erfolgt also: Sie spricht, er spricht, sie zieht den Schuh herunter, speit aus und spricht wiederum. – Was lehrt er uns damit, dies lehrt ja unsere Mišna!? – Folgendes lehrt er uns: dies ist die Vorschrift, wenn es aber verkehrt erfolgt ist, so schadet es nicht.

5Desgleichen wird gelehrt: Einerlei, ob die Entschuhung vor dem Ausspeien oder das Ausspeien vor der Entschuhung erfolgt ist, ist die Handlung gültig.

6Abajje sagte: Wer die Ḥaliçaformel vorliest, trenne nicht zwischen [den Worten] nicht und will er an mir die Schwagerpflicht üben, denn es würde dann heißen: er will an mir die Schwagerpflicht üben; vielmehr [lese er:] nicht will er an mir die Schwagerpflicht üben.

7Ferner trenne er nicht, wenn er ihm vorliest, zwischen [den Worten] nicht und will ich, denn es würde dann heißen: ich will sie nehmen; vielmehr [lese er]: nicht will ich sie nehmen. Raba sagte: Es ist nur eine Dehnung und die Dehnung ist belanglos.

8Einst traf R. Aši den R. Kahana, der sich abquälte und vorlas: nicht will er an mir die Schwagerpflicht üben, Da sprach er zu ihm: Hält denn der Meister nichts von der Lehre Rabas?

9Dieser erwiderte: Raba pflichtet bei hinsichtlich [der Formel] nicht will er an mir die Schwagerpflicht üben. Abajje sagte: Wer eine Ḥaliça‐Urkunde schreibt, schreibe also: Wir lasen ihr vor von mein Schwager weigert sich bis will mein Schwager an mir die Schwagerpflicht üben, wir lasen ihm vor von nicht bis sie nehmen, und wir lasen ihr vor von so bis Entschuhter.

10Mar Zuṭra linierte und schrieb den ganzen Abschnitt. Mar b. Idi wandte ein: Es darf ja nicht geschrieben werden!? Die Halakha ist jedoch wie Mar Zuṭra.

11Abajje sagte: Wenn sie ausgespieen und der Wind [den Speichel] aufgenommen hat, so hat sie nichts getan, denn er heißt: sie speie vor ihm aus, vor seinem Gesichte. Somit ist es, wenn er groß und sie klein ist, und der Wind [den Speichel] fortgetragen hat, vor ihm erfolgt; wenn sie aber groß und er klein ist, so muß er bis an sein Gesicht gekommen sein, und erst dann kann er fort.

12Raba sagte: Wenn sie Knoblauch gegessen und ausgespieen hat, Erde gegessen und ausgespieen hat, so hat sie nichts getan, denn sie muß aus eigenem Antriebe ausspeien, was hierbei nicht der Fall ist. Ferner sagte Raba: Die Richter müssen den Speichel aus dem Munde der Schwägerin kommen sehen, denn es heißt: vor den Augen der Ältesten &c. und ausspeien.

13Und sein Name werde in Jisraél genannt: das Haus des Entschuhten. DIESES GEBOT GILT FÜR DIE RICHTER UND NICHT FÜR DIE SCHÜLER. Es wird gelehrt: R. Jehuda erzählte: Einst saßen wir vor R. Tryphon, und eine Schwägerin kam zur Ḥaliça. Da sprach er zu uns: Rufet alle: Entschuhter, Entschuhter, Entschuhter.

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.