Jevamot — Blatt 22b

1so verpflichtet er auch dazu.

2ER GILT IN JEDER HINSICHT ALS SEIN BRUDER. In welcher Hinsicht ist dies von Bedeutung? — Daß er ihn beerbe und sich an ihm verunreinige. —

3Selbstverständlich, er ist ja sein Bruder!? — Es heißt: nur an seinen nahen Verwandten, und der Meister sagte, unter ‘Verwandten’ sei seine Frau zu verstehen, dagegen heißt es: nicht soll der Ehemann unter seinem Volke sich verunreinigen, sich zu entweihen; mancher Ehemann verunreinige sich und mancher verunreinige sich nicht, und zwar: er verunreinige sich an seiner unbemakelten Frau und verunreinige sich nicht an seiner bemakelten Frau.

4Man könnte glauben, auch hierbei verunreinige er sich an seinem unbemakelten Bruder und nicht an seinem bemakelten Bruder, so lehrt er uns. — Vielleicht ist dem auch so!? — Da ist sie zur Entfernung bestimmt, hierbei aber ist er sein Bruder.

5AUSGENOMMEN EINER VON EINER SKLAVIN ODER EINER NICHTJÜDIN. Aus welchem Grunde? — Die Schrift sagt: die Frau und ihre Kinder gehören ihrem Herrn.

6WENN JEMAND IRGEND EINEN SOHN HAT, SO ENTBINDET &C. Was schließen [die Worte] ‘irgend einen’ ein? R. Jehuda erwiderte: Sie schließen das Hurenkind ein. — Aus welchem Grunde? — Die Schrift sagt: und einen Sohn hat er nicht, man forsche nach.

7FERNER IST ER SCHULDIG WEGEN SCHLAGENS. Weshalb denn, lese man doch hierbei: einem Fürsten in deinem Volke sollst du nicht fluchen, wenn er nach den Taten deines Volkes handelt!? —

8Wie R. Pinḥas im Namen R. Papas erklärt hat, wenn er Buße getan hat, ebenso auch hierbei, wenn er Buße getan hat. —

9Wieso kann dieser Buße getan haben, wir haben ja gelernt: R. Šimo͑n b. Menasja sagte: Krummes kann nicht gerade werden, wenn nämlich jemand eine Inzestuöse beschlafen und von ihr ein Hurenkind gezeugt hat!? — Immerhin handelt er jetzt nach den Taten deines Volkes.

10Die Rabbanan lehrten: Wer seiner Schwester, die die Tochter der Frau seines Vaters ist, beiwohnt, ist wegen einer Schwester und wegen einer Tochter der Frau seines Vaters schuldig. R. Jose b. R. Jehuda sagt, er sei schuldig nur wegen einer Schwester, nicht aber wegen einer Tochter der Frau seines Vaters.

11Was ist der Grund der Rabbanan? — Merke, es heißt ja: die Scham deiner Schwester, der Tochter deines Vaters oder der Tochter deiner Mutter, wozu heißt es: die Scham der Tochter deines Vaters, von deinem Vater erzeugt, deine Schwester ist sie? Damit er schuldig sei wegen seiner Schwester und wegen der Tochter seines Vaters. —

12Und R. Jose b. R. Jehuda!? — Die Schrift sagt: deine Schwester ist sie, du kannst ihn wegen seiner Schwester schuldig sprechen, nicht aber wegen der Tochter der Frau seines Vaters. —

13Wofür verwenden die Rabbanan [die Worte] deine Schwester ist sie? — Sie entnehmen hieraus, daß man schuldig sei wegen seiner Schwester, die Tochter seines Vaters und seiner Mutter ist. Dies besagt, daß man kein Verbot aus einem Schlusse folgere. —

14Und R. Jose b. R. Jehuda!? — Der Allbarmherzige sollte nur geschrieben haben: deine Schwester, wozu heißt es: ist sie? Du kannst ihn schuldig sprechen wegen seiner Schwester, nicht aber wegen der Tochter der Frau seines Vaters. —

15Und die Rabbanan!? — Obgleich es deine Schwester heißt, sind auch [die Worte] ist sie nötig; man könnte glauben, anderweitig folgere man ein Verbot durch einen Schluß,

16und hierbei heiße es deshalb deine Schwester, weil die Schrift sich bemüht, auch das zu schreiben, was [durch einen Schluß] vom Leichteren auf das Schwerere zu folgern wäre, daher schrieb der Allbarmherzige ist sie. —

17Und R. Jose b. R. Jehuda!? — Demnach sollte doch der Allbarmherzige [die Worte] deine Schwester ist sie in jenem Schriftverse geschrieben haben. —

18Wofür verwendet R. Jose b. R. Jehuda [die Worte:] der Tochter der Frau deines Vaters!? — Hieraus folgert er: die dein Vater ehelichen kann, ausgenommen die Schwester von einer Sklavin oder einer Nichtjüdin, die dein Vater nicht ehelichen kann. —

19Vielleicht schließt dies die Schwester von einer Genotzüchtigten aus!? — Dies kannst du nicht sagen, wegen einer Lehre Rabas.

20Raba wies nämlich auf einen Widerspruch hin: es heißt: die Scham der Tochter deines Sohnes oder der Tochter deiner Tochter sollst du nicht entblößen, demnach ist die Tochter ihres Sohnes oder die Tochter ihrer Tochter erlaubt, dagegen heißt es: die Scham einer Frau und ihrer Tochter sollst du nicht entblößen; die Tochter ihres Sohnes und die Tochter ihrer Tochter; wie ist dies zu erklären?

21Jenes gilt von der Genotzüchtigten, dieses von der Angeheirateten. —

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.