Jevamot — Blatt 61b

1und Kinder hat, dürfe er keine Sterile heiraten, denn diese ist unter ‘Hure’ zu verstehen, von der die Schrift spricht, und die Hure nur Priestern und nicht Jisraéliten verboten ist, lehrt er es von Priestern.

2R. Hona sagte: Folgendes ist der Grund R. Jehudas: er heißt: sie werden essen und nicht satt werden, huren und sich nicht vermehren; eine Beiwohnung, durch die keine Vermehrung erfolgt, ist nichts weiter als Hurerei.

3Es wird gelehrt: R. Elie͑zer sagte: Ein Priester darf keine Minderjährige heiraten. R. Ḥisda sprach zu Rabba: Geh und denke darüber nach, denn abends wird R. Hona dich befragen. Als er fortging, dachte er darüber nach. R. Elie͑zer ist der Ansicht R. Meírs und der Ansicht R. Jehudas.

4Er ist der Ansicht R. Meírs, der die Minderheit berücksichtigt, und er ist der Ansicht R. Jehudas, welcher sagt, die Sterile gelte als Hure. –

5Ist er denn der Ansicht R. Meírs, es wird ja gelehrt: Der Minderjährige hat und an der Minderjährigen ist die Ḥaliça und die Schwagerehe nicht zu vollziehen – so R. Meír. Sie sprachen zu R. Meír: Du hast recht, daß die Ḥaliça nicht zu vollziehen ist, denn im Abschnitte heißt es Mann, und man vergleiche die Frau mit dem Manne, weshalb aber nicht die Schwagerehe vollziehen?

6Dieser erwiderte: Beim Minderjährigen kann es sich herausstellen, daß er impotent, und bei der Minderjährigen kann es sich herausstellen, daß sie steril ist, sodaß sie auf ein Inzestverbot stoßen würden. Ferner wird gelehrt: An einer Minderjährigen ist die Schwagerehe zu vollziehen, nicht aber die Ḥaliça – so R. Elie͑zer.

7Und ist er denn ferner der Ansicht R. Jehudas, es wird ja gelehrt: Hure ist ein Buhlweib, der Benennung gemäß – so R. Elie͑zer. R. A͑qiba sagt, Hure sei eine Prostituierte. R. Mathja b. Ḥereš sagt, selbst wenn ihr Mann auf dem Wege, sie trinken zu lassen, ihr beigewohnt hat, habe er sie zur Hure gemacht.

8R. Jehuda sagt, Hure sei eine Sterile. Die Weisen sagen, Hure sei eine Proselytin, eine freigelassene Sklavin oder eine in Unzucht Beschlafene. R. Elea͑zar sagt, auch wenn ein Lediger einer Ledigen ohne Absicht der Ehelichung beigewohnt hat, habe er sie zur Hure gemacht.

9Vielmehr, erklärte R. Ada b. Ahaba, gilt dies von einem Hochpriester; angeeignet wird sie ihm erst bei ihrer Großjährigkeit, und dann ist sie defloriert.

10Raba sprach: Gedankenlos; hat der Vater sie angetraut, so ist sie ihm sofort angeeignet, und hat sie sich selber angetraut, wieso R. Elie͑zer und nicht die Rabbanan!?

11Vielmehr, erklärte Raba, gilt dies tatsächlich von einem gemeinen Priester, denn es ist zu berücksichtigen, sie könnte unter ihm verführt werden. – Demnach sollte dies auch von einem Jisraéliten gelten!? – Die Verführung einer Minderjährigen gilt als Notzucht, und die Genotzüchtigte ist einem Jisraéliten erlaubt.

12R. Papa erklärte: Nach dem Autor der folgenden Lehre: Jungfrau, man könnte glauben, auch eine Minderjährige, so heißt es Frau. Aus [dem Worte] Frau könnte man entnehmen, auch eine Mannbare, so heißt es Jungfrau. Wie ist dies zu erklären? Die aus der Minderjährigkeit gekommen und zur Mannbarkeit noch nicht herangereift ist.

13R. Naḥman b. Jiçḥaq erklärte: Nach dem Autor der folgenden Lehre: Jungfrau, unter Jungfrau ist eine im Mädchenalter zu verstehen, denn so heißt es: und das Mädchen war sehr schön von Aussehen, eine Jungfrau.

14«R. Elea͑zar sagt, auch wenn ein Lediger einer Ledigen ohne Absicht der Ehelichung beigewohnt hat, habe er sie zur Hure gemacht.» R. A͑mram sagte: Die Halakha ist nicht wie R. Elea͑zar.

15NIEMAND UNTERLASSE DIE FORTPFLANZUNG, ES SEI DENN, DASS ER KINDER HAT; DIE SCHULE ŠAMMAJS SAGT, ZWEI MÄNNLICHE, UND DIE SCHULE HILLELS SAGT, EIN MÄNNLICHES UND EIN WEIBLICHES, DENN ES HEISST: Mann und Weib hat er sie erschaffen.

16GEMARA. Wenn er aber Kinder hat, darf er die Fortpflanzung unterlassen, nicht aber [das Zusammenleben mit] einer Frau. Dies ist eine Stütze für R. Naḥman, der im Namen Šemuéls sagte: Auch wer viele Kinder hat, darf nicht ohne Frau sein, denn es heißt: es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei.

17Manche lesen Wer aber Kinder hat, darf die Fortpflanzung unterlassen und ohne Frau sein. Dies wäre somit eine Widerlegung der Lehre R. Naḥmans im Namen Šemuéls? – Nein, wer keine Kinder hat, nehme eine zeugungsfähige Frau, wer Kinder hat, nehme [auch] eine zeugungsunfähige Frau. – In welcher Hinsicht ist dies von Bedeutung? – Hinsichtlich des Verkaufes einer Torarolle wegen Kinder.

18DIE SCHULE ŠAMMAJS SAGT, ZWEI MÄNNLICHE. Was ist der Grund der Schule Šammajs? – Sie folgert es von Moše, denn es heißt: die Kinder Mošes waren Geršom und Elie͑zer. Und der der Schule Hillels? – Sie folgert es von den Weltgründern. – Auch die Schule Šammajs kann ja von den Weltgründern folgern!? – Man folgere nicht hinsichtlich des Möglichen

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.