Jevamot — Blatt 65b

1Wenn er sagt, sie habe innerhalb der zehn Jahre abortiert, und sie sagt, sie habe nicht abortiert, so ist, wie R. Ami sagt, auch in diesem Falle sie glaubwürdig, denn hätte sie abortiert, würde sie sich nicht als unfruchtbar feststellen lassen.

2Hat sie abortiert, wiederum abortiert und wiederum abortiert, so ist sie als Abortierende festgestellt. Wenn er sagt, sie habe zweimal abortiert, und sie sagt, dreimal, – ein solcher Fall wurde, wie R. Jiçḥcaq b. Elea͑zar sagte, im Lehrhause vorgebracht, und man entschied, sie sei glaubwürdig, denn hätte sie nicht abortiert, würde sie sich nicht als Abortierende feststellen lassen.

3DER MANN IST ZUR FORTPFLANZUNG VERPFLICHTET, NICHT ABER DIE FRAU. R. JOḤANAN B. BEROQA SAGT, VON BEIDEN HEISST ES: der Herr segnete sie und sprach zu ihnen: seid fruchtbar und mehret euch.

4GEMARA. Woher dies? R. Ilea͑ erwiderte im Namen des R. Elea͑zar b. R. Šimo͑n: Die Schrift sagt: füllet die Erde und unterwerfet sie; es ist die Art des Mannes zu unterwerfen, nicht aber ist es die Art der Frau zu unterwerfen. –

5Im Gegenteil, unter unterwerfet sind ja zwei zu verstehen!? R. Naḥman b. Jiçḥaq erwiderte: Die Schreibweise ist unterwirf. R. Joseph entnimmt dies aus folgendem: ich bin Gott, der Allmächtige, sei fruchtbar und mehre dich; es heißt nicht: seid fruchtbar und mehret euch.

6Ferner sagte R. Ilea͑ im Namen des R. Elea͑zar b. R. Šimo͑n: Wie es einem Menschen geboten ist, etwas zu sagen, wenn man dem gehorcht, ebenso ist es geboten, nicht zu sagen, wenn man dem nicht gehorcht. R. Abba sagt, dies sei Pflicht, denn es heißt: rüge nicht den Spötter, damit er dich nicht hasse, rüge den Klugen, so wird er dich lieben.

7Ferner sagte R. Ilea͑ im Namen des R. Elea͑zar b. R. Šimo͑n: Man darf des Friedens wegen [von der Wahrheit] abweichen, denn es heißt: dein Vater hat befohlen &c. also sprechet zu Joseph: o vergib doch &c.

8R. Nathan sagt, dies sei Gebot, denn es heißt: und Šemuél sprach: wie soll ich gehen, wenn Šaúl es hört, tötet er mich&c.

9In der Schule R. Jišma͑éls wurde gelehrt: Bedeutend ist der Friede, daß sogar der Heilige, gepriesen sei er, dieserhalb [von der Wahrheit] abgewichen ist, denn zuerst heißt es: und mein Herr ist alt, weiter aber heißt es: und ich bin alt.

10R. JOḤANAN B. BEROQA SAGT &C. Es wurde gelehrt: R. Joḥanan und R. Jehošua͑ b. Levi [streiten]; einer sagt, die Halakha sei wie R. Joḥanan b. Beroqa, und einer sagt, die Halakha sei nicht wie R. Joḥanan b. Beroqa.

11Es ist zu beweisen, daß R. Joḥanan es ist, welcher sagt, die Halakha sei nicht so. Einst saß nämlich R. Abahu und trug im Namen R. Joḥanans vor, die Halakha sei so; da wandten R. Ami und R. Asi das Gesicht ab.

12Manche sagen, R. Ḥija b. Abba habe es vorgetragen, und R. Ami und R. Asi wandten das Gesicht ab. R. Papa sprach: Allerdings sagten sie nach demjenigen, welcher sagt, R. Abahu habe es vorgetragen, es ihm nicht ausdrücklich, wegen der kaiserlichen Würde, nach demjenigen aber, welcher sagt, R. Ḥija b. Abba habe es vorgetragen, sollten sie ihm erwidert haben, R. Joḥanan habe dies nicht gesagt!? –

13Wie bleibt es damit? – Komm und höre: R. Aḥa b. Ḥanina sagte im Namen R. Abahus im Namen R. Asis: Einst kam ein solcher Fall vor R. Joḥanan im Lehrhause zu Cäsarea, und er entschied, daß er [die Frau] freigebe und ihr ihre Morgengabe zahle. Wieso wird ihr die Morgengabe zugesprochen, wenn du sagen wolltest, es sei ihr nicht geboten!? –

14Vielleicht hatte sie einen Anspruch.

15So kam einst [eine Frau] vor R. Ami und verlangte die Morgengabe; da sprach er zu ihr: Geh, dir ist es nicht geboten. Diese erwiderte: Was soll aus mir im Alter werden! Hierauf entschied er: In diesem Falle zwinge man ihn entschieden.

16Ebenso kam einst [eine Frau] vor R. Naḥman; da sprach er zu ihr: Es ist dir nicht geboten. Diese erwiderte: Brauche ich etwa nicht einen Stab in der Hand und eine Schaufel zur Beerdigung!? Hierauf entschied er: In diesem Falle zwinge man ihn entschieden.

17Jehuda und Ḥizqija waren Zwillinge; einer war am Ende des neunten [Monats] entwickelt und einer war am Beginn des siebenten [Monats] entwickelt. [Ihre Mutter] Jehudith, die Frau R. Ḥijas, litt [daher übermäßige] Geburtswehen. Da verkleidete sie sich und kam vor R. Ḥija und fragte ihn, ob einer Frau die Fortpflanzung geboten sei. Dieser erwiderte: Nein. Hierauf ging sie fort und nahm einen Sterilitätstrank ein.

18Als die Sache später herauskam, sprach er zu ihr: Hättest du mir doch noch ein Paar geboren! Der Meister sagte nämlich: Jehuda und Ḥizqija waren Brüder. Pazi und Ṭavi waren

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.