Jevamot — Blatt 79a

1zwölf Monate, ein Jahr, verstrichen, und es ist nicht üblich, eine Trauer [so spät] zu veranstalten;

2wir wollen aber die Gibeo͑niten rufen und sie besänftigen. Und der König berief die Gibeo͑niten und sprach zu ihnen &c. Was soll ich euch tun und womit werde ich Sühne haben, daß ihr das Erbe des Herrn segnet. Die Gibeo͑niten sprachen zu ihm: Es ist uns nicht um Gold und Silber mit Šaúl und seinem Hause, auch ist es uns nicht darum, einen Mann &c. Man gebe uns sieben Männer von seinen Söhnen, wir wollen sie aufhängen vor dem Herrn &c. Er wollte sie besänftigen; sie aber ließen sich nicht besänftigen.

3Da sprach er: Diese Nationist durch drei Eigenschaften gekennzeichnet: barmherzig, schamhaft und mildtätig. Barmherzig, denn es heißt: er wird dir Barmherzigkeit geben und sich deiner erbarmen und dich mehren. Schamhaft, denn es heißt: damit seine Furcht auf eurem Angesichte sei. Mildtätig, denn es heißt: damit er befehle seinen Söhnen und seinem Hause &c. [Nur] wer diese drei Eigenschaften hat, ist würdig, dieser Nation angeschlossen zu werden.

4Da nahm der König die beiden Söhne der Riçpa, der Tochter Ajas, die sie dem Šaúl geboren. Armoni und Mephibošeth, und die fünf Söhne der Mikhal, der Tochter Šaúls, die sie geboren dem A͑driél, Sohn Barzilajs, aus Meḥola. Weshalb gerade diese? R. Hona erwiderte: Er ließ sievor die Bundeslade führen; den die Bundeslade aufnahm, war für den Tod bestimmt, und den die Bundeslade nicht aufnahm, blieb leben.

5R. Ḥana b. Qaṭṭina wandte ein: Und der König hatte Mitleid mit Mephibošeth, dem Sohne Jehonathans, des Sohnes Šau͑ls!? – Er ließ ihn nicht vorführen. –

6Gab es denn hierbei eine Bevorzugung!? – Vielmehr, er ließ ihn vorführen und sie nahm ihn auch auf, jedoch flehte er für ihn um Erbarmen, und sie gab ihn frei. – Aber auch hierin liegt ja eine Bevorzugung!? – Vielmehr, er flehte um Erbarmen, daß die Bundeslade ihn nicht aufnehme. –

7Es heißt ja aber: nicht sollen Väter um Kinder getötet werden &c.!? R. Ḥija b. Abba erwiderte im Namen R. Joḥanans: Lieber werde ein Buchstabe aus der Tora entwurzelt, als daß der Name des Himmlischen öffentlich entweiht werde.

8Da nahm Ripça, die Tochter Ajas, einen Sack und spannte ihn auf dem Felsen auf, vom Beginne der Ernte, bis vom Himmel Wasser auf sie niederfiel, und ließ des Tages die Vögel des Himmels nicht auf ihnen ruhen, noch des Nachts das Getier des Feldes. Es heißt ja aber: du sollst seine Leiche nicht übernachten lassen an dem Holze!?

9R. Joḥanan erwiderte im Namen des R. Šimo͑n b. Jehoçadaq: Mag ein Buchstabe aus der Tora entwurzelt werden, damit der Name des Himmlischen öffentlich geheiligt werde. Die Vorübergehenden erkundigten sich, welches Bewenden es mit diesen habe, und [man sagte ihnen,] es seien königliche Prinzen. – Was haben sie getan? – Sie vergriffen sich an eingewanderten Fremdlingen. Alsdann sprachen jene: Es gibt keine Nation, die gleich dieser würdig ist, daß man sich ihr anschließe. Wenn es königlichen Prinzen [so erging], um wieviel mehr Gemeinen; wenn wegen eingewanderten Fremdlingen, um wieviel mehr wegen Jisraéliten.

10Hierauf kamen zu Jisraél hundertfünfzigtausend [Mann] hinzu, wie es heißt: Und Šelomo hatte siebzigtausend Lastträger und achtzigtausend Steinhauer im Gebirge. – Vielleicht waren es Jisraéliten!? – Das ist nicht anzunehmen, denn es heißt: von den Kindern Jisraél aber machte Šelomo niemand zum Knechte. –

11Vielleicht nur Lohnarbeiter!? – Vielmehr hieraus: und Šelomo zählte alle Fremdlinge, die im Lande Jisraél wohnten &c. und es fanden sich hundertfünfzigtausend &c. und er machte von ihnen siebzigtausend Lastträger und achtzigtausend Steinhauer im Gebirge.

12War es denn David, der das Verbot über die Nethinim verhängte, dies tat ja Moše, denn es heißt: von deinem Holzhauer bis zu deinem Wasserschöpfer!? – Moše hatte es nur für jene Generation verhängt, David aber verhängte es für alle Generationen. –

13Aber immerhin war es ja Jehošua͑, der dies über sie verhängte, denn es heißt: und Jehošua͑ machte sie an diesem Tage zu Holzhauern und Wasserschöpfern für die Gemeinde und für den Altar des Herrn!? – Jehošua͑ verhängte es für die Zeit, da der Tempel bestand, David aber verhängte es auch für die Zeit, da der Tempel nicht besteht.

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.