Joma — Blatt 23a

1der nicht rachsüchtig und nachtragend wie eine Schlange ist, ist kein Schriftgelehrter. – Es heißt ja aber: du sollst nicht rachsüchtig und nachtragend sein!? – Dies gilt von Geldangelegenheiten. Ea wird nämlich gelehrt:

2Was heißt ‘rachsüchtig’ und was heißt ‘nachtragend’? Wenn jemand einen bittet, ihm seine Sichel zu borgen, und dieser es ablehnt, worauf dieser am folgenden Tage jenen bittet, ihm seine Axt zu borgen, und jener erwidert: ich borge dir nicht, wie auch du mir nicht geborgt hast. Dies heißt ‘rachsüchtig’. Was heißt ‘nachtragend’? Wenn jemand einen bittet, ihm seine Axt zu borgen, und dieser es ablehnt, worauf dieser am folgenden Tage jenen bittet, ihm sein Gewand zu borgen, und jener erwidert: da hast du; ich bin nicht wie du, der du mir nicht geborgt hast. Dies heißt ‘nachtragend’. –

3Gilt dies etwa nicht von der persönlichen Kränkung, es wird ja gelehrt: Über diejenigen, die sich haben demütigen lassen, ohne andere zu demütigen, die ihre Schmähung anhören, ohne zu erwidern, die aus Liebe [zu Gott] handeln und sich der Züchtigung freuen, spricht die Schrift: die ihn lieben, sind wie der Aufgang der Sonne in ihrer Pracht!? –

4Wenn er es nur im Herzen trägt. – Raba sagte ja aber, wer Unbill übergeht, dem übergehe man all seine Sünden!? – Wenn man ihn um Verzeihung bittet, und er verzeiht.

5WIEVIEL STRECKTEN SIE VOR? EINEN ODER ZWEI &C. Wenn sie zwei vorstrecken dürfen, um wieviel mehr einen!

6R. Ḥisda erwiderte: Das ist kein Einwand; das eine gilt von einem Gesunden und das andere von einem Kranken. Es wird auch gelehrt: Sie streckten bloß einen [Finger] vor und nicht zwei; dies gilt nur von einem Gesunden, Kranke dürfen auch zwei vorstrecken. Vereinzelte dürfen auch zwei vorstrecken, jedoch wird nur einer gezählt. –

7Es wird ja aber gelehrt: Man darf [mit dem Zeigefinger] nicht den Mittelfinger und nicht den Daumen vorstrecken, wegen der Schwindler; hat einer den Mittelfinger vorgestreckt, so zähle man ihn mit, wenn aber den Daumen, so zähle man ihn nicht mit, und außerdem erhält er vom Beamten Schläge mit dem Streifen!? –

8Mitgezählt wird auch nur ein [Finger]. –

9Was heißt Streifen? Rabh erwiderte: Ein Riemen; Was für ein Riemen? R. Papa erwiderte: Eine Araberpeitsche, die an der Spitze geteilt ist.

10Abajje sagte: Anfangs glaubte ich, in der Lehre, Ben Bibaj war über die Streifen gesetzt, seien die Dochte zu verstehen, wie wir gelernt haben, aus den Fetzen von den Beinkleidern der Priester und aus ihren Gürteln schnitt man Dochte, die man zum Brennen verwendete; nachdem ich aber die Lehre hörte, [der betreffende Priester] erhielt außerdem Schläge mit dem Streifen, erkläre ich, unter Streifen seien die Riemen zu verstehen.

11EINST LIEFEN ZWEI [PRIESTER] DIE ALTARRAMPE HINAUF UND WAREN GLEICH [WEIT]. Die Rabbanan lehrten: Einst liefen zwei Priester die Altarrampe hinauf und waren gleich [weit], als aber einer innerhalb der vier Ellen des anderen diesen einholte, nahm dieser sein Messer und stieß es ihm ins Herz.

12Da trat R. Çadoq auf die Stufen der Vorhalle und sprach: Höret, Brüder aus dem Hause Jisraél! Es heißt: wenn ein Erschlagener auf dem Boden gefunden wird &c., so sollen deine Ältesten und Richter hinausgehen; für wen haben wir nun das genickbrochene Kalb zu bringen, für die Stadt oder für den Tempelhof!? Da brach das ganze Volk in Weinen aus.

13Hierauf kam der Vater des Jünglings, und als er ihn sich noch bewegen fand, sprach er: Möge mein Sohn eine Sühne für euch sein, er bewegt sich noch; das Messer ist nicht unrein geworden. Dies lehrt dich, daß die Reinigung der Tempelgeräte für sie schwerer war als das Blutvergießen, denn so heißt es auch: dazu vergoß Menaše viel unschuldiges Blut, bis er Jerušalem von Ende zu Ende damit erfüllt hatte. –

14Welches Ereignis geschah zuerst: wollte man sagen, das vom Blutvergießen, wieso haben sie die Auslosung wegen eines Beinbruchs angeordnet, wo sie sie sogar wegen des Blutvergießens nicht angeordnet haben!? – Das vom Beinbruch geschah zuerst. –

15Wieso konnte er, nachdem die Auslosung angeordnet war, in seine vier Ellen kommen!? – Vielmehr, tatsächlich geschah das vom Blutvergießen zuerst, nur betrachteten sie es anfangs als außergewöhnlichen Fall, als die Weisen aber sahen, daß [die Priester] auch sonst in Gefahr gerieten, ordneten sie die Auslosung an.

16«Da trat R. Çadoq auf die Stufen der Vorhalle und sprach: Höret Brüder aus dem Hause Jisraél! Es heißt: wenn ein Erschlagener auf dem Boden gefunden wird &c.; für wen haben wir nun das genickbrochene Kalb zu bringen, für die Stadt oder für den Tempelhof.» Hat Jerušalem denn das genickbrochene Kalb zu bringen, von Jerušalem werden ja zehn Dinge gelehrt, und eines von ihnen ist,

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.