Joma — Blatt 36b

1Sie streiten über das Verbot des Aases:

2R. A͑qiba ist der Ansicht, dies sei ein richtiges Verbot, und R. Jose der Galiläer ist der Ansicht, dieses sei kein richtiges Verbot.

3Abajje erwiderte: Alle stimmen überein, daß das Verbot des Aases ein richtiges Verbot sei, und sie streiten vielmehr über [das Gebot des] Zurücklassens:

4R. A͑qiba ist der Ansicht, man müsse es von vornherein zurücklassen, und R. Jose der Galiläer ist der Ansicht, man müsse es nachher.

5Die Rabbanan lehrten: Wie lautet sein Sündenbekenntnis? Ich habe gesündigt, gefrevelt und gefehlt. Ebenso heißt es beim fortzuschickenden Sühnebock: er soll über ihm alle Sünden der Kinder Jisraél bekennen, all ihre Freveltaten und all ihre Verfehlungen; ebenso heißt es bei Moše: der Sünde, Frevel und Verfehlung vergibt – so R. Meír. Die Weisen sagen: Sünden sind vorsätzliche Missetaten, denn so heißt es: vertilgt werde diese Seele, ihre Sünde haftet ihr an;

6Frevel sind widersetzliche Missetaten, denn so heißt es: der König von Moab widersetzte sich mir; ferner heißt es: damals, zu jener Zeit, widersetzte sich auch Libhna; Verfehlungen sind die versehentlichen Missetaten, denn so heißt es: wenn jemand versehentlich fehlt. Sollte er denn, nachdem er die vorsätzlichen Missetaten und die Widersetzlichkeiten bekannt hat, die versehentlichen Missetaten bekennen!?

7Vielmehr lautet sein Sündenbekenntnis wie folgt: Ich habe vor dir gefehlt, gesündigt und gefrevelt, ich und mein Haus &c. So heißt es auch bei David:wir haben gefehlt samt unseren Vätern, wir haben gesündigt und gefrevelt. Ebenso heißt es bei Šelomo:wir haben gefehlt, gesündigt und gefrevelt. Ebenso heißt es bei Daniél:wir haben gefehlt, gesündigt, gefrevelt und uns widersetzt. – Wieso sagte aber Moše: der Sünde, Frevel und Verfehlung vergibt!? Moše sprach vor dem Heiligen, gepriesen sei er: Herr der Welt, wenn die Jisraéliten vor dir sündigen und Buße tun, so rechne ihnen die vorsätzlichen [Sünden] als versehentliche an!

8Rabba b.Šemuél sagte im Namen Rabhs: Die Halakha ist wie die Weisen. – Selbstverständlich, bei [einem Streite] zwischen einem Einzelnen und einer Mehrheit ist ja die Halakha nach der Mehrheit zu entscheiden!? – Man könnte glauben, der Grund R. Meírs sei einleuchtender, weil der (von Moše angewandte) Schriftvers ihn unterstützt, so lehrt er uns.

9Einst trat jemand in Gegenwart Rabas [vor das Betpult] und verfuhr nach R. Meír; da sprach dieser zu ihm: Du läßt also die Rabbanan und verfährst nach R. Meír!? Jener erwiderte: Ich bin der Ansicht R. Meírs, denn so steht es auch in der Tora Mošes.

10Die Rabbanan lehrten: Und Sühne schaffen; der Schriftvers spricht von der Sühne durch Worte. Du sagst von der Sühne durch Worte, vielleicht ist dem nicht so, sondern von der Sühne durch das Blut!?

11Ich deduziere also: hierbei wird [der Ausdruck] Sühne gebraucht und dort wird [der Ausdruck] Sühne gebraucht, wie die beim Ziegenbocke genannte Sühne eine durch Worte ist, ebenso ist die beim Farren gebrauchte Sühne eine durch Worte.

12Wenn du aber dagegen einwendest, so heißt es: Ahron soll seinen eigenen Sündopfer-Farren darbringen und sich und seinem Hause Sühne schaffen, und noch ist ja der Farre nicht geschlachtet. –

13Was heißt: wenn du dagegen einwendest? – Man könnte einwenden, es sei vom innerhalb [des Tempels] herzurichtenden Ziegenbocke zu folgern, bei dem die Sühne durch das Blut erfolgt, so heißt es: und Sühne schaffen, und noch ist der Farre nicht geschlachtet.

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.