Joma — Blatt 39b

1‘Gewalttäter’ bis zum Tage seines Todes.

2Rabba b.R. Šila sagte: Hierauf deutet folgender Schriftvers: mein Gott, befreie mich aus der Hand der Gottlosen, aus der Faust des Frevlers und des Gewalttäters. Raba entnimmt dies aus folgendem: lernet Gutes tun, forschet nach Recht, leitet den Vergewaltigten. (Leitet den Vergewaltigten, nicht aber den Gewalttäter.)

3Die Rabbanan lehrten: In dem Jahre, in dem Šimo͑n der Gerechte starb, sagte er ihnen, er werde in diesem Jahre sterben. Als man ihn fragte, woher er dies wisse, erwiderte er: An jedem Versöhnungstage gesellte sich mir ein Greis, der weiß gekleidet und weiß gehüllt war, und er pflegte mit mir hineinzugehen und mit mir herauszukommen; heute aber gesellte sich mir ein Greis, der schwarz gekleidet und schwarz gehüllt war, und er ging mit mir hinein, kam aber nicht mit mir heraus. Nach dem Feste war er sieben Tage krank und starb.

4Seine Priesterbrüder unterließen es dann, im Segen den Gottesnamen zu nennen.

5Die Rabbanan lehrten: Vierzig Jahre vor der Zerstörung des Tempels geriet nicht das Los [‘für Gott’] in die Rechte, wurde der rotglänzende Wollstreifen nicht weiß, brannte nicht die westliche Lampe

6und öffneten sich die Tempeltüre n von selbst, bis R. Joḥanan b.Zakkaj sie anschrie und sprach: O Tempel, weshalb ängstigst du dich! Ich weiß, daß du endlich zerstört werden wirst, und bereits hat Zekharja b. I͑do über dich geweissagt:Öffne, Lebanon, deine Türen, ein Feuer soll an deinen Zedern zehren.

7R. Jiçḥaq b.Ṭablaj sagte: Weshalb heißt er Lebanon? Weil er die Sünden Jisraéls weiß machte [malbin].

8R. Zuṭra b.Ṭobija sagte: Weshalb heißt er Wald, wie es heißt: das Lebanonwaldhaus? Um dir zu sagen: wie der Wald Blüten treibt, ebenso treibt der Tempel Blüten. R. Oša͑ja sagte nämlich: Als Šelomo den Tempel erbaute, pflanzte er da allerlei goldene Köstlichkeiten, die zur heranreichenden Zeit Früchte hervorbrachten; sobald der Wind sie anwehte, fielen sie herab, wie es heißt: seine Frucht wird rauschen wie der Lebanon, und von diesen hatten die Priester ihren Unterhalt.

9Als die Nichtjuden in den Tempel drangen, verdorrten sie, wie es heißt: und die Blüte des Lebanon verwelkt, aber der Heilige, gepriesen sei er, wird sie uns dereinst wiedergeben, wie es heißt: üppig soll sie aufsprießen und jubeln, ja jubeln und jauchzen; die Herrlichkeit des Lebanon wird ihr geschenkt.

10ALSDANN LEGTE ER SIE AUF BEIDE BÖCKE. Die Rabbanan lehrten: Zehnmal nannte der Hochpriester an diesem Tage den Gottesnamen; dreimal beim ersten Sündenbekenntnis, dreimal beim zweiten Sündenbekenntnis, dreimal beim Fortschicken des Sündenbockes und einmal beim Losen.

11Als er ‘Ach Herr’ sagte, wurde seine Stimme bis Jeriḥo vernommen. Rabba b.Bar Hana sagte: Von Jerušalem bis Jeriḥo sind zehn Parasangen.

12[Das Geräusch] der Türangeln des Tempels wurde in einer Entfernung von acht Šabbathgebieten gehört. Durch den Geruch des Räucherwerkes niesten die Ziegen in Jeriḥo. Wegen des Geruches des Räucherwerkes brauchten die Frauen in Jeriḥo sich nicht zu parfümieren. Wegen des Geruches des Räucherwerkes brauchten die jungen Frauen in Jerušalem sich nicht zu schmücken.

13R. Jose b.Dolgaj erzählte: Mein Vater hatte Ziegen im Gebirge Mikhmar, und diese niesten durch den Geruch des Räucherwerkes. R. Ḥija b.Abin sagte im Namen des R. Jehošua͑ b.Qorḥa: Ein Greis erzählte mir, daß er einst nach Šilo ging und zwischen den Wänden den Geruch des Räucherwerkes wahrgenommen habe.

14R. Jannaj sagte: Nur das Ziehen der Lose aus der Urne ist unerläßlich, nicht aber das Hinauflegen. R. Joḥanan sagte, auch das Ziehen sei nicht unerläßlich.

15Nach R. Jehuda, welcher sagt, die außerhalb [des Allerheiligsten] in weißen Gewändern zu verrichtenden Dienstverrichtungen seien nicht unerläßlich, stimmen sie überein, daß es nicht unerläßlich sei, sie streiten nur nach R. Neḥemja: einer sagt, es sei unerläßlich, nach R. Neḥemja, und einer sagt, es sei nicht unerläßlich, denn [dieser spricht] nur von einem Dienste, während das Losen kein Dienst ist.

16Manche lesen:

17Nach R. Neḥemja, welcher sagt, sie seien unerläßlich, stimmen alle überein, daß es unerläßlich sei,

18sie streiten nur nach R. Jehuda: einer sagt, es sei nicht unerläßlich, nach R. Jehuda, und einer sagt, es sei unerläßlich, denn anders ist es hierbei, wo die Schrift [die Worte] auf den es fiel, (zweimal) wiederholt hat.

19Man wandte ein: Es ist Gebot, zu losen, hat er aber nicht gelost, so ist es giltig.

20Erklärlich ist dies nach der Lesart, nach der sie nach R. Jehuda übereinstimmen, daß es nicht unerläßlich sei, denn dies vertritt die Ansicht R. Jehudas,

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.